Nina George über Frauen im Literaturbetrieb

"Gepflegtes Desinteresse an Schriftstellerinnen"

1. März 2021
von Börsenblatt

Männer haben eine 92 % größere Chance den Literaturnobelpreis zu gewinnen, stellt Nina George fest. Sie sieht Frauen in vielen Bereichen des Literaturbetriebs benachteiligt und gibt vier konkrete Handlungsvorschläge.

Nina George 

Die flämische Schriftstellerin Kristien Hemmerechts fragt in ihrem Essayband "Der Mann, sein Penis und das Messer“: "Wie ist es möglich, dass die Menschen weiterhin an der größeren Wertschätzung männlicher Autoren festhalten, während es keinen nachweisbaren Qualitätsunterschied gibt?"

Das fragte sie übrigens nicht neulich – sondern 2008. Hat sich seither etwas im europäischen Literaturbetrieb an dem gepflegten Desinteresse an Schriftstellerinnen geändert? Männer rezensieren immer noch öfter, länger und wohlwollender Männer, wie die Pilotstudie "#frauenzählen" 2018 herausfilterte; Autorinnen erhalten kaum 30 Prozent der verfügbaren Druckzeilen und Sendeminuten. Dieses "Damen-Drittel“ deckt sich auch heute noch mit Rezensions-Zählungen in den Niederlanden und den VIDA-Reports in England.

Obgleich in den meisten Ländern des Europäischen Buchsektors dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Schreibenden tätig sind, haben Männer in den Niederlanden eine 75 % höhere Chance, einen Literaturpreis zu erhalten. In Spanien und Slowenien liegt die Quote bei 86 % für die Herren; dies wird nur noch vom Nobelpreis mit 92 % übertroffen. Liegt es daran, dass häufig, wie in Deutschland, die so gern bepreisten Hochliteratur-Verlage tendenziell ihre Programmplätze zu zwei Dritteln den Herren vorbehalten? Oder daran, dass es keine verpflichtende Quote für Jurybesetzungen gibt?

Das berüchtigte Damendrittel zeigt sich auch in Honoraren: Die Einkommens-Studien des spanische Verbandes ACE ergab, dass Autorinnen ein Drittel weniger erhalten als ihre männlichen Kollegen. In Schweden soll der Buch-Standardvertrag im akademischem Fachbuchbereich elegant den Pay Gap schließen.

"Frauen müssen schreiben, aber sie können nicht schreiben, wenn ihnen nicht erlaubt ist, ihr Geschlecht zu vergessen“, sagt Corina Koolen. Die nieder-ländische Literaturforscherin, die in „Dies ist kein Frauenbuch“ die privaten und die medialen Rezensionen von Lektüre aus weiblicher Feder mit Text-Mining analysierte, wies nach: Bücher von Frauen werden als „Frauenliteratur“ klassifiziert, Bücher männlicher Autoren dagegen als Literatur. Der männliche Schreibende wird europaweit auch in den Kanones vorgezogen; auf neun Werken von Männern wird im Erbe im Schnitt ein Werk einer Frau erwähnt.
 

Sind Männer also wichtiger oder spannender (Spoiler: Nein)? Und wenn Nein – wie bricht der komplexe Buchbetrieb mit der zotteligen Usance? Vier Vorschläge:

  • Vorbild werden: Bücher sind einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Werteheimat einer Gesellschaft. Geschlechtergerechtigkeit wiederum ist Pluralismus in der kleinstmöglichen Form. Lebt der Buchbetrieb diese Form der Demokratie vor, wird dies auf die gesamte Gesellschaft ausstrahlen;
  • Frauen zählen: Es benötigt die politische Unterstützung für eine Erhebung auf EU Ebene zu Sichtbarkeit, Bildungskanon und zu Honoraren;
  • Fairness für Alle: die Buchbranchenbeteiligten sollten von der Gesetzgeberin zum Aufstellen gemeinsamer Vergütungsregeln ermuntert werden;
  • Gleichbehandlungsgrundsatz verteidigen: öffentliche Fördergelder an Verlage sollten unter Parametern wie Parität, Bibliodiversität und autor:innen-freundlichem Vertragsverhalten verwendet werden. Dies gilt auch für das zweite Neustart Kultur-Paket von 50 Millionen.

Der Text ist ein Auszug eines Redebeitrags der Schriftstellerin und Präsidentin des European Writers‘ Council Nina George, den sie, als Berichterstatterin für den europäischen Buchsektor, anlässlich zweier Internationaler Konferenzen zu Frauen in Kultur und Medien in Europa unter der Schirmherrinschaft der Deutschen EU-Ratspräsidentschaft im Dezember 2020 präsentierte.

 

Mehr zum Thema

Eine ausführliche Analyse zum Thema Frauenquote und Geschlechtergerechtigkeit in der Buchbranche lesen Sie im aktuellen Börsenblatt (Heft 8 / 2021). Dass die Meinungen dabei durchaus auseinandergehen, zeigen diese Interviews auf Börsenblatt online: