Frauenquote in der Buchbranche

"Frauen werden ausgebremst"

22. Februar 2021
von Sabine van Endert

Eine gesetzliche Quote soll den Frauen-Anteil in Firmenvorständen stärken. Braucht die Buchbranche noch Nachhilfe in Sachen Geschlechtergerechtigkeit? Beiträge zur Debatte. Heute: Jana Stahl, 1. Vorsitzende der BücherFrauen.

Jana Stahl

Würden Sie sich in der Verlagsbranche mehr Frauen in den Chefsesseln wünschen?
Auf jeden Fall. In der Buchbranche arbeiten sehr viele Frauen, die Branche ist weiblich, wie Sie wissen. Wir sprechen da nach wie vor von über 80 Prozent. In den Geschäftsführungen größerer Verlage liegt der Anteil der Frauen aber gerade einmal bei rund 20 Prozent. Das ist ein eindeutiges Missverhältnis.

Haben es Frauen nach wie vor schwerer, in der Buchbranche eine Führungsposition zu bekommen?
Ja, das haben sie. Ich freue mich übrigens für jede Frau, die es geschafft hat. Im Interesse eines Branchennetzwerks wie den Bücherfrauen ist es aber natürlich auch, dass jede Frau, die es möchte, mindestens die gleichen Voraussetzungen hat, aufzusteigen und voranzukommen wie ihre Mitbewerber.

Wo liegen die Stolpersteine?
Mal abgesehen davon, dass Männer zum Teil schon auf höheren Positionen in einem Unternehmen einsteigen, hören wir zum Beispiel auch oft, dass ein familiärer Hintergrund bei Männern und Frauen zu unterschiedlichen Bewertungen führt, ob der eine oder die andere aufsteigen kann. Einem Mann, der Vater geworden ist, wird zum Beispiel viel öfter zugetraut, eine Führungsposition trotzdem ausfüllen zu können, als einer Frau. Das ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen Männer gepusht, Frauen aber gebremst werden.

Was halten Sie von der Frauenquote?
Ich halte sie für nötig und wichtig, weil wir gesehen haben, dass sich ohne sie und auf freiwilliger Basis bei den Unternehmen nichts für die Frauen verbessert.

Wie wichtig ist Diversität in Führungsetagen von Verlagen und Buchhandlungen – auch für den Erfolg des Unternehmens?
Das haben ja diverse Analysen und Studien in anderen Teilen der Wirtschaft gerade auch am Anfang dieses Jahres bestätigt, dass Unternehmen, die sich divers aufstellen, bessere Erfolge erzielen. Die Chancengleichheit von Mann und Frau und der Einsatz von gemischten Teams ist dabei ein Aspekt von Diversität. Es ist außerdem wichtig, die Perspektiven von Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen, anderen Geschlechterdefinitionen oder Menschen mit Behinderung zu berücksichtigen. Es ist sicher nicht leicht, alle diese Themen im Blick zu behalten. Auch das haben wir festgestellt, als sich die BücherFrauen 2019 mit dem Thema Diversität und Inklusion im Rahmen eines Jahresthemas beschäftigt haben. Aber Vielfalt gewinnt am Ende immer.

Was hat sich verändert, wenn Sie auf Ihre Zeit bei den BücherFrauen zurückblicken?
Die Netzwerkarbeit bei den BücherFrauen ist für mich ein großer Gewinn, auch wenn der Mehr-Aufwand durch ehrenamtliche Arbeit nicht zu unterschätzen ist, das will ich auch nicht verschweigen. Mir hat das Netzwerk immer wieder ermöglicht, mich an Aufgaben heranzutrauen und mich in diesen auszuprobieren. Dabei ging es vor allem um neue Techniken und Entwicklungen. Ich denke, dass sich diese Potenziale von Netzwerkarbeit in sich selbst organisierenden Teams auch sehr gut auf neue Arbeitsmodelle in Unternehmen übertragen ließe: Weniger Hierarchie, mehr Mut zum Ausprobieren und zu Innovationen, mehr Spaß bei der Arbeit, auch wenn diese herausfordernd ist.

Nicht zuletzt: Führen Frauen anders – oder ist am Ende das gesamte Thema Schnee von gestern?
Ja, Frauen führen anders – und das tut Unternehmen gut! Sie achten öfter darauf, dass auch mal andere Mitarbeiter*innen zu Wort kommen, neue Perspektiven wahrgenommen werden und nicht immer die ewig gleichen. Im besten Fall ermöglichen sie Chancengleichheit.

 

Eine gesetzliche Quote soll den Frauen-Anteil in Firmenvorständen stärken. Braucht die Buchbranche noch Nachhilfe in Sachen Geschlechtergerechtigkeit? Das Thema der Woche in Heft 8 widmet sich unter dem Titel "Die Machtfrage" der Debatte Frauenquote in der Buchbranche.