Rückblick auf eine Verleger-Legende

Klaus Wagenbach ist tot

20. Dezember 2021
von Stefan Hauck

Rote Strümpfe und die "Herzklausel" waren sein Markenzeichen: Am 17. Dezember ist in Berlin Klaus Wagenbach, Gründer des Wagenbach Verlags, gestorben. Er hat die Buchwelt und die unabhängige Verlagsszene wie kein Zweiter geprägt.

Klaus Wagenbach 2014 bei der Jubiläumsausstellung 50 Jahre Wagenbach Verlag in Leipzig 

Nie gegen seine Überzeugungen

Die rotbestrumpften Füße waren mehr als ein halbes Jahrhundert sein unverkennbares Markenzeichen. Und ein Wort, das er erfunden hat und in Lektoratskreisen längst zum Repertoire (ob genutzt oder nicht) gehört: die sogenannte Herzklausel. "Wenn wir uns in der Lektoratsrunde nicht einigen können und ein Lektor sagt, das Buch sei für ihn eine absolute Herzensangelegenheit, dann gilt das Manuskript als angenommen, Rechtsmittel sind unzulässig", erklärte Wagenbach die Besonderheit. Bei den sorgfältig edierten Bänden von Giorgio Vasaris Künstlerviten etwa "bin ich sofort in die Runde gestürmt und habe ›Herzklausel!!!‹ gerufen" - dieses ungezügelte Temperament, diese Leidenschaft für Bücher machte den großen Verleger aus. Und den Buchhändlerliebling, der die Quarthefte, den "Fintentisch", die schmalen Salto!-Bände im typischen Wagenbach-roten Leinen und die kleine "Zwiebel" mit den jährlichen Neuerscheinungen erfunden hat.

Geboren am 11. Juli 1930 in Berlin als zweiter Sohn des Sekretärs des Bundes deutscher Bodenreformer, war Klaus Wagenbach in der katholischen Josefsiedlung in Tegel aufgewachsen. Als die Bodenreformer 1933 mit der nazistischen Siedlungsbewegung zwangsfusionieren mussten, wurde sein Vater Joseph entlassen. "Meine Mutter wollte, dass er wegen des Arbeitsplatzes in die Partei eintrat, aber das lehnte er ab. Es war nicht so, dass man gar nicht anders konnte. Ich selbst bin auch nicht zur HJ gegangen", erinnerte sich Wagenbach in einem unserer Gespräche. Sein Großvater hatte über der Haustür die Inschrift "Et si omnes ego non" (Und wenn alle – ich nicht) anbringen lassen. Nie gegen seine Überzeugungen – da wurde klar, von wem Klaus Wagenbach seine Beharrlichkeit hat.

Als das Zuhause 1943 zerbombt wurde, landete er in Hundsangen bei Limburg, lernte, wie man Kühe melkt, kümmerte sich um Kaninchen, die späteren Symboltiere des Verlags. Gegen Kriegsende zog die Familie in eine Bretterbude in Lich. Der Großvater hörte ungeniert BBC: "Glenn Miller fand ich toll und wartete seitdem darauf, dass die Amerikaner kommen." Nach Kriegsende ging der 14-Jährige in die Webersche Hofapotheke in Lich und fragte, ob er nicht hier arbeiten könne. "Wir haben Digitalis im Wald gesammelt, um Arznei herzustellen."

Lehrling bei S. Fischer

Kurze Zeit später zog die Familie nach Hofheim am Taunus. Als er dem Vater, der inzwischen Landrat des Main-Taunus-Kreises geworden war, das Versprechen zu einem Studium gegeben hatte, durfte er als Lehrling bei dem damals noch als ein Unternehmen geführten Verlag S. Fischer und Suhrkamp anfangen.. Autoren wie Saroyan, Faulkner, Seghers und Weisenborn hatten es ihm angetan, auf Zeitungspapier gedruckt. "Das war die Demokratisierung von Inhalten, und ich wollte in so einen wunderbaren Beruf."
1949 begann er in Frankfurt zu studieren, Archäologie, Kunstgeschichte, Sprechkunde, Germanistik – "ich hatte eine riesige Wissensneugier". Mit dem Fahrrad fuhr er nicht nur von Hofheim nach Frankfurt, Wagenbach radelte auch durch Frankreich, Spanien – und immer wieder Italien. Seine Italiensehnsucht hatte zwei Gründe: "Zum einen die Kunst, ich wollte die Originale sehen. Zum anderen hat mich interessiert, wie unsere Mitfaschisten mit der Politik umgehen – was die Italiener eine peinliche Frage fanden."

Eine Wiese als Startkapital für den Verlag

1957 promovierte er und wurde nach einer Tätigkeit als Lektor im Modernen Buch-Club Darmstadt Ende 1959 Lektor bei S. Fischer. Wovon Klaus Wagenbach überzeugt war, dafür hat er stets gestritten, auch gesellschaftspolitisch. Als er 1963 protestierte, dass ein DDR-Verleger auf der Frankfurter Buchmesse verhaftet worden war, warf ihn der neue S. Fischer-Besitzer Georg von Holtzbrinck hinaus. "Was mache ich nun, dachte ich, als Lektor für deutsche Literatur mit drei Kindern?" 1954 hatte er Katja Wolff geheiratet, Tochter des Suhrkamp-Geschäftsführers Andreas Wolff, von der er sich in den 70er Jahren trennte und die später Verlegerin der Friedenauer Presse wurde. Geplant war die Verlagsgründung 1964 jedenfalls nicht. "Meine Frau machte den Vertrieb, ich hab mir meine Sekretärin von Fischer und einen Lehrling geholt – es fehlte nur noch das Geld!" Der Gründungsmythos von der mit 100.000 Mark versilberten Wiese ist bekannt.

Dann kamen die politischen Anfeindungen. "In den 70ern saß ich mehr im Gerichtssaal als im Verlag, ich bin wegen der albernsten Sachen verknackt worden", erinnerte sich Klaus Wagenbach. Zum Glück hatte er Otto Schily, den späteren Bundesinnenminister, als Anwalt. "Es gibt – bleiben wir milde – gewisse Zeiten, in denen man keine Prozesse gewinnen kann. In Westberlin regierte der Antikommunismus, die Absicht der Staatsanwälte war, den Verlag zu schließen. Davor hat mich Otto bewahrt."

Auseinandersetzen mit denen, deren Meinung man nicht teilt

Viele von denen, die bei ihm gelernt haben, waren oder sind bekannte Namen in der Verlagsszene. "Ich war immer dafür, auszubilden, weil ich selbst gut ausgebildet worden bin. Wie soll’s denn sonst weitergehen im Buchhandel, sollen nur noch Deppen die Branche dominieren?", fragte er 2008. Man müsse auch Ehrenämter übernehmen, war Wagenbach überzeugt; jahrelang war er im Börsenverein aktiv, saß im Rundfunkrat und im Kontrollausschuss des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, war Honorarprofessor. "Man verdummt nicht, es ist gesellschaftlich notwendig und zudem eine Selbsterfahrung – man muss sich mit Leuten auseinandersetzen, deren Meinung man nicht teilt." Der Satz könnte aktueller nicht sein.

2002 hat er die Leitung seines Verlags in die Hände seiner Frau Susanne Schüssler gelegt; Wagenbach selbst und seine Tochter Nina Wagenbach wurden Minderheitsgesellschafter. Wagenbach nahm lange Zeit aber immer noch tausenderlei Aufgaben wahr, er sah sich als "Altlektor" und stand als Feuerwehr bereit: "Bei schwierigen Autoren und hysterischen Übersetzern sagen alle: Das macht der Klaus." Und er freute sich, endlich mehr Zeit für Tochter Helene zu haben.

"Kafkas dienstälteste lebende Witwe"

Unvermindert ging er seiner Leidenschaft für Franz Kafka; gerne bezeichnete er sich als "Kafkas dienstälteste lebende Witwe": "Kafka hat sich auf die Moderne in all ihren Facetten eingelassen." Wagenbach hat sich in Kafkas Leben hineingefressen, intensiv. Der große Tübinger Germanist Hans Mayer bezeichnete Wagenbach Ende der 90er Jahre als "einen der besten und gebildetsten deutschen Literaturwissenschaftler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts".

Begonnen hatte dieses Interesse, als Wagenbach angehender Verlagsbuchhändler bei S. Fischer war: Hersteller Fritz Hirschmann gab ihm ein schäbiges Kafka-Büchlein mit der Aufforderung: "Bub, schätz’ das mal!" Schon beim Zeilenzählen des ersten Absatzes war er "von dem extrem klaren, kühlen, wunderbar kleistischen Deutsch" begeistert. "Dann habe ich mich gefragt: Was war das für ein Mann?"
Die mühsame Suche nach Kafkas Ursprüngen führte Wagenbach in Archive nach Israel, wo er viele Zeitzeugen befragte, und in die Tschechoslowakei: "Über dem Land lag der Leichengeruch von Stalin. In den Archiven habe ich gesagt, ich forsche über Egon Erwin Kisch. Wo Ki lag, war Ka wie Kafka nicht weit. Mein größter Fund, Kafkas Personalakte, ist der Unwissenheit eines Archivars zu verdanken – der kannte Kafka nicht." Schließlich promovierte Wagenbach 1957 über Kafka und schrieb dessen Jugendbiografie.

"Il nostro cavaliere"

Lange Zeit verbrachte Wagenbach zwei bis drei Monate in seinem Haus mit kompletter Bibliothek in einem toskanischen Dorf, wo ihn die Bewohner respektvoll "il nostro cavaliere" nannten. Wagenbach las und sprach fließend Italienisch, wobei er gerne einschränkte: "Ich beherrsche ein auf den Reisen erworbenes Fahrraditalienisch. ›Können Sie mir einen Schraubenzieher leihen?‹ geht perfekt, beim Konjunktiv hänge ich hingegen völlig in der Luft." In der Tat war Wagenbach ein Cavaliere, ein Ritter, denn er, dem an Titeln nie gelegen war, wurde unter anderem als Cavaliere des Ordine al Merito della Repubblica Italiana, Ritter der französischen Ehrenlegion, Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und des Ehrenpreises des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet – und er ist Ehrenmitglied des Börsenverein-Landesverbands Berlin-Brandenburg. Mit Klaus Wagenbach verliert die Buchbranche einen ihrer bedeutendsten, umtriebigsten und erfinderischsten Verleger des 20. Jahrhunderts.

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