Hörbuch

Singen wie Udo

19. August 2020
von Sabine van Endert

Arbeiten in der Corona-Krise: Schauspieler und Sprecher Shenja Lacher hat eine Folge für den Podcast »Desperate Houselives« gemacht – und den neuen Jonas Jonasson eingelesen. 

Wie geht es Ihnen in der Corona-Zeit? Läuft der Film- und Studiobetrieb für Sie schon wieder?
Letzte Woche Donnerstag war mein erster Drehtag. Ich freue mich wahn­sinnig, wieder zu arbeiten, und, ehrlich gesagt, auch auf die Gage, denn die letzten zwei Monate wurde es finanziell brenzlig. Aber ich will mich nicht beschweren. Gerade habe ich die Arbeit am neuen Hörbuch von Jonas Jonasson für den Hörverlag beendet. So langsam geht es wieder los, wenn auch unter Corona-Bedingungen, aber daran gewöhnt man sich schnell.

»Ich möchte mich diesem System nicht mehr aussetzen und zur Verfügung stellen« – 2016 haben Sie Ihren Schauspieljob am Münchener Residenztheater spektakulär gekündigt. War’s das, oder soll es irgendwann wieder zurück auf die Bühne gehen? 
Ich träume immer noch viel vom Theater. So in etwa: Es sind noch fünf Minuten bis zum Auftritt, und ich weiß den Text nicht mehr und finde auch die Bühne nicht. Ich hoffe immer noch auf den einen Moment, in dem ich merke, wie sehr mir das Theater fehlt. Der kam aber noch nicht. Vielleicht muss die Sehnsucht nach der Bühne noch viel größer werden. Und die Umstände müssen stimmen.

Was mögen Sie als Schauspieler an der Arbeit im Tonstudio?  
Dieses Eintauchen in eine Geschichte über Tage hinweg. Das ist fast wie spielen. Ich kann Figuren kreieren und ihnen eine Stimme geben, die sie lebendig werden lässt. Die Vorstellung, dass die von mir gelesene Geschichte von einer Familie im Auto auf dem Weg in die Toskana gehört wird, während draußen die Landschaft vorbeirauscht, finde ich schön. Vielleicht erzähle ich einfach gern Geschichten.

Was war das erste Hörbuch mit Ihnen als Sprecher?
2015 »Null bis unendlich« von Lena Gorelik für Audio Media. Beindrucken­de Schriftstellerin; großartiges Buch!

Welches Buch würden Sie gern noch einlesen? 
Alles von Sebastian Stuertz. Bei »Das ­eiserne Herz des Charlie Berg« bin ich vor Lachen manchmal Ewigkeiten nicht über eine Seite gekommen. Ansonsten finde ich Biografien ­spannend. 

Gibt es etwas, das Sie als Schauspieler für das Hörbuch-Einlesen erst lernen mussten?  
Ja. Ruhe bewahren. Nicht gleich ausrasten, wenn man sich fünfmal verspricht. Seit etwa zehn Jahren spreche ich viel für den Bayerischen Rundfunk. Da habe ich viel gelernt. 

 

Die Vorstellung, dass die von mir gelesene Geschichte von einer Familie im Auto auf dem Weg in die Toskana gehört wird, während draußen die Landschaft vorbeirauscht, finde ich schön.

Sie haben für den Hörverlag eine Podcastfolge von »Desperate House­lives« produziert. Was war der Arbeitsauftrag? 
Künstler sitzen in Zeiten von Corona zu Hause und wissen nicht, wohin mit ihrer Kreativität ... So in etwa. Alles Weitere war uns freigestellt. Da habe ich mir gedacht, es wäre eine gute Gelegenheit, ein paar Songs zu spielen, so wie ich es abends beim Wein im Wohnzimmer immer mache. 

Sind die Lieder selbst geschrieben? Ihre Udo-Lindenberg-Imitation könnte auch professionell funktionieren, finde ich.  
Danke! Ob Udo das auch so sieht?
Die Lieder sind selbst geschrieben. Das habe ich schon als Kind gemacht. Ich wollte immer mal eine Platte aufnehmen, aber das diskutiere ich mit mir schon seit Jahren. Die Pläne dafür lege ich regelmäßig auf Eis, weil mir die Songs dann irgendwie doch nicht mehr so gut gefallen. 

Fragen zum Namen sind eher blöd, trotzdem: Shenja funktioniert ja für beide Geschlechter. Gibt es schöne Verwechslungsgeschichten?  
Es kommen manchmal Autogrammwünsche: »Liebe Shenja Lacher, ich bin ein großer Fan Ihrer Filme.« Da frage ich mich dann schon, welche Filme er oder sie gesehen hat. Aber witziger ist es beim Arzt. Voller Warteraum, ich werde mit Frau Lacher aufgerufen – und stehe auf und sage im Bassbariton: Das bin dann wohl ich!

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