Interview mit Wolfgang Niedecken

"Vom ersten Snare-Schlag an elektrisierend"

26. März 2021
von Matthias Glatthor

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken, der am 30. März seinen 70. Geburtstag feiert, hat für die KiWi Musikbibliothek ein Buch über Bob Dylan geschrieben – der übrigens im Mai 80 Jahre alt wird. Wir haben Niedecken nach seinem Idol und dem Buchprojekt gefragt.

Wolfgang Niedecken

Herr Niedecken, was ist schwieriger, einen Dylan-Song zu covern oder ein Buch über Dylan zu schreiben?
Kommt auf den jeweiligen Song an. Manche sind schwer zu interpretieren, andere leicht zu verstehen. So gibt es auch Lieder, an denen man sich die Zähne ausbeißt, wenn man sie covern will und solche, die sich einfach übertragen lassen. Mein Buch zu schreiben, war das reinste Vergnügen.

Wie kam das Projekt mit Kiepenheuer & Witsch zustande?
Helge Malchow, der Ex-Chef hat mich schon vor einiger Zeit angefragt, ob ich Lust hätte in dieser Musikbibliotheks-Reihe über Bob Dylan zu schreiben. Lust ja, nur ob ich so schnell dazu kommen würde war ungewiss. Da kam die Corona-Zeit eigentlich wie gerufen.

Wann und wo haben Sie Ihren ersten Dylan-Song gehört? Was hat er in Ihnen ausgelöst?
Der erste Dylan-Song war die Peter, Paul & Mary-Version von "Blowin`In The Wind". Konnte ich überhaupt nichts mit anfangen. Erst "Like A Rolling Stone" vom Meister selbst hat bei mir gezündet. Der Song war so was wie eine Offenbarung, vom ersten Snare-Schlag an elektrisierend.

Später haben Sie Dylan öfter persönlich getroffen. Was war die beeindruckendste Begegnung?
Wim Wenders hat mich mit ihm nach einem Konzert in der Köln Arena bekannt gemacht. Ich war überrascht, dass er dermaßen locker war, denn er ist ja eigentlich als arrogant und abweisend verschrien. Ich habe das Gegenteil erlebt. 

Was hat Ihnen geholfen, sich an Ihr Leben mit Dylan zu erinnern? Haben Sie seine Songs im Hintergrund laufen lassen?
Die Reise durch die USA auf seinen Spuren für einen Arte/WDR Fünfteiler bot einen wunderbaren roten Faden für meine subjektiven Erinnerungen. Songs habe ich nur laufen lassen, wenn ich etwas nicht mehr genau wusste. Lieber nochmal checken!!

Wie wichtig ist Dylan gerade jetzt in dieser Zeit für Sie und für uns?
Für mich wird er immer der Songwriter bleiben, an dem ich mich orientieren kann. Wie wichtig er für andere ist, kann ich nicht beurteilen, würde aber jedem empfehlen, der sich für Poesie interessiert, sich mit ihm zu befassen.

Es soll sie ja noch geben, Menschen, die noch keine Musik von Dylan gehört haben. Was empfehlen Sie als Einstieg?
Mindestens drei Alben

  1. Bringing It All Back Home
  2. Highway 61 Revisited
  3. Blonde On Blonde

Als Einstiegsdroge sollte das für`s Erste genügen.

Freuen Sie sich, dass die Buchhandlungen ab 8. März wieder öffnen dürfen? Wie wichtig sind stationäre Buchhandlungen für Sie?
Siehe Seiten 173/174 in meinem Dylan Buch.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Was hat Ihnen daran gefallen?
Zwei Bücher von Sebastian Barry:

  1. Tage ohne Ende
  2. Tausend Monde

Wer die Neu-Verfilmung von "True Grit" mag, wird diese Romane lieben. Der wahre wilde Westen.

Soll es auch eine Lesetour mit Ihrem Dylan-Buch geben?
Hängt alles von Corona ab. Keine Planungssicherheit, was leider den kompletten Tournee-Betrieb betrifft.

Ende März werden Sie 70: Wird es eine Feier geben? Was ist im Lockdown möglich?
Eine Familienfeier im allerengsten Kreis.

Welches musikalische Projekt steht bei Ihnen oder BAP als nächstes an?
Die Verschiebung der ALLES FLIESST-Tour aufs nächste Jahr. Ich bleibe einfach zwei Jahre lang 69 und trage es mit Fassung.

Zur KiWi-Musikbibliothek

"Wolfgang Niedecken über Bob Dylan" (240 S., 14 Euro) ist am 4. März als elfter Band in der KiWi Musikbibliothek erschienen. Seither war es dreimal in den Top 100 unserer Wochencharts Sachbuch (Hardcover) vertreten.

Gleichzeitig kam "Melanie Raabe über Lady Gaga" (128 S., 10 Euro) als Band 12 heraus. Der erste Band der Misikbibliothek, "Thees Uhlmann über Die Toten Hosen", datiert vom Oktober 2019. In der Reihe schreiben Autor*innen über ihre Lieblingsband oder -musiker*in und darüber, was ihnen genau diese Musik bedeutet. Laut Verlag wurden von der Musikbibliothek bisher über 100.000 Exemplare in Print & E-Book verkauft.  

Das Hörbuch seines Dylan-Buchs hat Wolfgang Niedecken selbst eingelesen, es ist am 24. März bei Argon erschienen (10 Euro).