"Lockdown light" in Gütersloh und Warendorf

Miese Stimmung und Hamsterkäufe

25. Juni 2020
von Sabine van Endert

Während anderswo die Corona-Regeln gelockert werden, gelten in den Kreisen Gütersloh und Warendorf seit gestern wieder die Kontaktbeschränkungen vom 20. März. Die Läden dürfen weiter geöffnet bleiben. Doch wie sieht es mit der Kauflust aus? Buchhändler*innen der Region berichten.

Detail auf dem Tönnies-Firmengelände

In der Großschlachterei Tönnies geht nichts mehr - das öffentlichen Leben der Landkreise Gütersloh und Warendorf wurde deshalb für alle eingeschränkt. 

Wieder dürfen sich nur Familien aus einem Haushalt in der Öffentlichkeit zusammen aufhalten, Kinos, Fitnessstudios und Bars werden wieder geschlossen, Schulen und Kitas sind schon geschlossen und werden demnächst geschlossen. Am 29. Juni beginnen in NRW die Sommerferien: Ministerpräsident Armin Laschet empfiehlt, zu Hause zu bleiben.  In Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern sind Reisende aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf nicht erwünscht, Österreich warnt vor Reisen nach NRW.

Der Corona-Herd liegt in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. 7.000 Tönnies-Mitarbeiter sollen mit ihren Familien unter Quarantäne stehen. Auch im Puten-Schlachthof Wiesenhof im niedersächsischen Wildeshausen sind zahlreiche Corona-Infektionen bekannt geworden, im Schlachthof Danish Crown in Essen im Landkreis Cloppenburg soll es ebenfalls neue Corona-Fälle geben.  

Sorge vor einem vollständigen Erliegen des öffentlichen Lebens

„Als uns in der vergangenen Woche immer neue Nachrichten mit steigenden Zahlen der positiv getesteten Mitarbeiter der Firma Tönnies erreicht haben, mussten wir mit einem Lockdown als Konsequenz rechnen“, sagt Sonja Westermann, Inhaberin der Buchhandlung Lesart in Rheda-Wiedenbrück. Westermann merkt die Verunsicherung und die Angst der Bürger deutlich in den persönlichen Gesprächen, aber auch in den rückläufigen Kundenzahlen. Obwohl sie beim bundesweiten Lockdown erfahren habe, dass ihren Kunden ihre Buchhandlung am Herzen liege, bleibe die Sorge vor einem vollständigen Erliegen des öffentlichen Lebens – auch weil schon ein Großteil der Schulbücher zur Abholung in der Buchhandlung bereit liegt. Westermann: „Bis es soweit ist, sind wir für unsere Kunden da, empfehlen Neuerscheinungen und ‚Ablenkungs-Schmöker‘ für Balkon und Garten, trösten mit Titeln zu regionalen Ausflugstipps über stornierte Urlaube hinweg und machen mit Wanderführern Lust, die nähere Umgebung zu entdecken.“ 

Die Kunden decken sich mit Lesestoff ein

Der Kreis Warendorf meldete am gestrigen Mittwoch fünf Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Reinhard Hesse, der in der Stadt Warendorf die Buchhandlung W. Ebbeke führt, hat die Entscheidung für den erneuten Lockdown überrascht. Er sieht darin für sein Geschäft aber keine dramatischen Folgen. „Noch nicht“, betont Hesse.  Die Kunden hingegen seien unruhiger und würden sich wie im März mit Lesestoff eindecken. „Ich hoffe auf ein schnelles Ende für alle Unternehmen, die unter den erneuten Beschränkungen leiden, aber besonders für die Kinder, deren Ferien jetzt beginnen“, sagt er.

Elke Corsmeyer

Viele Kundengespräche drehen sich um die Zustände in den Schlachthöfen

„Die Stimmung in Gütersloh ist nicht gut.“ Bei Elke Corsmeyer, Inhaberin der Buchhandlung Markus in Gütersloh, drehen sich viele Kundengespräche um die „Riesenschweinerei im Umgang mit Mensch und Tier“ bei Tönnies und Co. Viele ihrer Kunden würden auch persönlich Konsequenzen ziehen und interessierten sich jetzt zum Beispiel für Bücher zum Thema vegetarische und vegane Ernährung. Aufs Gemüt schlage den Güterslohern auch die Ausgrenzung und Stigmatisierung, die sie als Bewohner des neuen Corona-Hotspots erfahren.

Wirtschaftliche Einbußen befürchtet Corsmeyer für ihr Geschäft nicht, im Gegenteil, wegen der geplatzten Urlaubspläne und den bevorstehenden Ferien würden die Hamsterkäufe wieder losgehen: „Die Leute decken sich wieder mit Büchern ein, aber umwölkter und trauriger als beim ersten Lockdown.“ Überhaupt habe sich das Stadtbild nach dem jetzt verhängten "Lockdown light" nur wenig verändert: „Anders, als die Medien suggerieren, findet in den Straßen Leben statt“, so Corsmeyer.  Von der „traurigen Parallelgesellschaft“ der Wanderarbeiter, die in den Schlachthöfen der Region arbeiten und die jetzt zu Tausenden an Corona erkrankt sind, würde man ohnehin wenig mitbekommen.  Sie drücke allen die Daumen, die erkrankt sind.   

Der "Lockdown light" in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf soll noch bis zum 30. Juni aufrecht erhalten bleiben. Welche Einschränkungen bis dahin gelten lesen Sie hier für Warendorf  und hier für den Kreis Gütersloh