Leipziger Buchmesse

Preis der Leipziger Buchmesse 2022: Das sind die Gewinner

17. März 2022
von Börsenblatt

Der große Preis der Leipziger Buchmesse wurde verliehen. Erfahren Sie hier, wer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung die Jury von sich überzeugen konnte. Außerdem vergleichen wir die Gewinner:innen mit den Favoriten der Börsenblatt-Umfrage. 

Der israelische, in Berlin lebende Autor Tomer Gardi war ganz ergriffen von der Auszeichnung

Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2022:

Kategorie Belletristik: Tomer Gardi mit "Eine runde Sache" (Droschl)

Kategorie Sachbuch/Essayistik: Uljana Wolf mit "Etymologischer Gossip" (kookbooks)

Kategorie Übersetzung: Anne Weber mit "Nevermore" (Wallstein)

Kategorie Belletristik: 

Tomer Gardi mit "Eine runde Sache" zur Hälfte übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer Literaturverlag Droschl

Zur Begründung der Jury:
Unverschämt, dieser Tomer Gardi. Den ersten Teil seines Romans erzählt er nicht in astreinem Deutsch, sondern in einer Kunstsprache mit eigenartiger Rechtschreibung und merkwürdigem Satzbau. Broken German. Es gibt einen zweiten Teil, oder besser: Es gibt den Roman doppelt. Jetzt hat Tomer Gardi ihn auf Hebräisch geschrieben. Anne Birkenhauer hat ihn ins Deutsche übersetzt. … „Eine runde Sache“ ist ein Schelmenstück. Wirklichkeit und Fiktion prallen darin aufeinander wie das Echte und das Gemachte. Dabei spielt Gardi ebenso kunstvoll wie dreist mit Lesegewohnheiten und Erwartungen an einen Roman, zumal an einen deutschsprachigen. „(...) ein Schriftsteller ist jemand, der Schwierigkeiten hat mit die deutsche Sprache“, schreibt er und hinterfragt unser Bedürfnis nach Korrektheit und Geradlinigkeit ebenso wie ästhetische Normen. Dahinter lauert die bittere Frage, wie es einem Menschen überhaupt gelingen kann, seine eigene Sprache zu finden. Kurzum: „Eine runde Sache“ ist ein großzügiger Roman von hoher sprachlicher Präzision.
 
Zum Autor:
Tomer Gardi, geboren 1974 in Galiläa, lebt in Berlin. 2016 erschien sein Roman "Broken German", 2019 "Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück" (beide im Literaturverlag Droschl). "Broken German" erhielt als Hörspieladaption 2017 den Deutschen Hörspielpreis, das Hörspiel "Die Feuerbringer" wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Februar 2018 gewählt.

Kategorie Sachbuch/Essayistik

Uljana Wolf mit "Etymologischer Gossip. Essays und Reden" (kookbooks)

Zur Begründung der Jury:
Uljana Wolf hätte in allen drei Kategorien für unseren Preis nominiert werden können, und in allen drei auch mit diesem einen Buch, denn das ist sehr vereinfacht gesprochen ein Sachbuch übers Übersetzen von Lyrik – allerdings höchst komplex geschrieben von einer Poetin, die auch als Übersetzerin renommiert ist. Wolfs „Etymologischer Gossip“ bietet denn auch sowohl hinreißende Gedichte als auch brillante Übertragungen aus anderen Sprachen. Doch gewonnen hat der Band zu Recht in der Sparte Sachbuch, denn diese Lebensthemensammlung seiner Verfasserin ist ein Musterbeispiel für Essayistik. Und geradezu übermütig sind Wortgewitzheit und Assoziationsfreude, mit denen Uljana Wolf ans Werk geht. Dieses Sachbuch ist nicht zuletzt ein Lachbuch: Wer wissen möchte, wie eine fröhliche Sprachwissenschaft sich liest, der hat damit die geeignete Lektüre zur Hand. Ihrem „Etymologischen Gossip“ möchte man gar nicht mehr aufhören zu lauschen.
 
Zur Autorin:
Uljana Wolf ist Lyrikerin und Übersetzerin. Ihr Werk wurde in über 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis für ihr Debüt "Kochanie, ich habe Brot gekauft" (kookbooks, 2005) und dem Arbeitsstipendium der Villa Massimo Rom 2017/18. Zuletzt übersetzte sie mit Michael Zgodzay Gedichte von Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki aus dem Polnischen (Norwids Geliebte, Edition Korrespondenzen 2019).
 

Kategorie Übersetzung

Anne Weber mit „Nevermore“ von Cécile Wajsbrot, übersetzt aus dem Französischen (Wallstein Verlag)
 
Zur Begründung der Jury:
 Eine französische Autorin, die auch Übersetzerin ist, übersetzt „To the Lighthouse“ von Virginia Woolf. Sie wird ihrerseits übersetzt von Anne Weber, einer Deutschen, die ebenfalls Schriftstellerin ist. Was diese drei Frauen hier aufführen, das ist ein Krimi des Bezeichnens! Doch wo ist das Bezeichnete eigentlich? „Jedes Ding verbirgt ein anders“, liest man in Anne Webers Worten bei Cécile Wajsbrot. Und so führt sie uns im Flüsterton dreier Sprachen ein in ein Reich der Abwesenheiten: in das ausgebombte Dresden, die im Krieg zerstörte Kathedrale von Coventry, das verseuchte Gebiet um Tschernobyl und zur Industrieruine der High Line in New York. Etwas lebt an diesen Orten, das sich immer wieder entzieht. So wie das Original sich dem Übersetzer entzieht. Gespensterorte und – Gespensterworte. Anne Weber, herzlichen Glückwunsch zu diesem „Roman Noir“ der Übersetzungskunst. Herzlichen Glückwunsch auch zum Preis der Leipziger Buchmesse.
 
Zur Übersetzerin:
 Die Autorin und Übersetzerin Anne Weber, geboren 1964 in Offenbach, lebt in Paris. Sie übersetzt ins Deutsche (u.a. Pierre Michon, Marguerite Duras) und Französische (z. B. Sibylle Lewitscharoff und Wilhelm Genazino). Ihr Roman KIRIO (S. Fischer, 2017) stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse 2017, für "Annette, ein Heldinnenepos" (Matthes & Seitz, 2020) erhielt sie den Deutschen Buchpreis.

Und die Favoriten der Börsenblatt-Leser:innen?

In der Kategorie Belletristik stimmten 27,5 Prozent die meisten für Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" (S. Fischer). Knapp dahinter, mit nur einer Stimme mehr, Emine Sevgi Özdamar mit "Ein von Schatten begrenzter Raum" (Suhrkamp). 

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik stimmten 23,6 Prozent für Horst Bredekamps "Michaelangelo" (Wagenbach). Jeweils nur eine Stimme weniger erhielten jeweils Hadija Haruna-Oelkers "Die Schönheit der Differenz" (btb) und Christiane Hoffmans "Alles was wir nicht erinnern" (C.H.Beck). 

Die beste Übersetzung laut Börsenblatt-Leser:innen lieferte Anne Weber mit ihrer Übersetzung aus dem Französischen "Nevermore" von Cécile Wajsbrot (Wallstein). Dahinter: Helga van Beuningens Übersetzung aus dem Niederländischen "Mein kleines Prachttier" von Marieke Lucas Rijneveld (Suhrkamp). 

Mit der Jury einer Meinung waren die Teilnehmenden unserer Umfrage also nur in der Kategorie Übersetzung. 

 

Zum Preis

Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 vergeben und ehrt herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen in den Kategorien BelletristikSachbuch/Essayistik und Übersetzung.

Der Preis der Leipzig Buchmesse wird von einer siebenköpfigen Jury vergeben: Unter der Leitung von Insa Wilke haben Moritz Baßler, Anne-Dore Krohn, Andreas Platthaus, Miryam Schellbach, Shirin Sojitrawalla und Katharina Teutsch die Nominierten ausgewählt.

Unterstützt wird der Preis der Leipziger Buchmesse vom Freistaat Sachsen und der Stadt Leipzig. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB), Medienpartner ist das Magazin buchjournal und Deutschlandfunk Kultur.