Öffnungsdebatte: Michael Busch bei "Hart aber fair"

"Schluss mit der Eindimensionalität!"

2. März 2021
von Torsten Casimir

In einer Talkrunde der ARD forderte Thalia-Chef Michael Busch die Wiederöffnung des Einzelhandels. Sonst bestehe die akute Gefahr eines großen Ladensterbens.

Hart aber fair: Karl Lauterbach (links) und Michael Busch

Die Öffnungsdebatte erlebt in diesen Tagen ihre Zuspitzung: Jetzt – oder gar nicht mehr, weil es dann zu spät sein würde! Die Einzelhändler funken SOS. Einer, der sich an die Spitze der lobbyistischen Notgemeinschaft gestellt hat, ist Thalia-Chef Michael Busch. Vergangene Woche noch saß er in der Bundespressekonferenz, mit der NRW-Landesregierung steht er im engen Austausch, BILD gibt er ein pointiertes Interview, und am Montagabend vertrat Deutschlands marktführender Buchhändler in der ARD bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" die Interessen des Einzelhandels.

Buschs Kernbotschaften: Es brauche eine strategische Perspektive. Eine durch Hygienemaßnahmen und Tests begleitete Wiederöffnung der Ladengeschäfte sei verantwortbar. Wer jetzt nicht handele, riskiere ein großes Ladensterben. In dessen Folge verlören die Innenstädte als Ganzes ihre Attraktivität. In Richtung Politik forderte der Thalia-CEO: "Wir müssen wegkommen von dieser Eindimensionalität – Inzidenz, Inzidenz, Inzidenz!" Vielmehr laute doch die Frage, "wie wir in Zukunft mit Corona leben können".

Eindringlich schilderte Busch die Situation seines Unternehmens, dem mittlerweile "die Mittel fehlen, weiter zu investieren". Es sei nicht hinnehmbar, von der Politik "immer nur als Betroffener behandelt zu werden und nicht als Beteiligter". Für den Thalia-Gesellschafter ist die Sache klar: kontrollierte Wiederöffnungen der Geschäfte am 8. März.

Für den Bundestagsabgeordneten und Epidemiologen Karl Lauterbach stellt sich die Lage allerdings nach wie vor komplizierter dar. "Solange wir nicht genug Tests haben, werden wir nicht öffnen können", warnte der Gesundheitsexperte der SPD. Er rechnete vor, mit welcher Unerbittlichkeit und zugleich sicheren Vorhersehbarkeit sich die infektiösere und gefährlichere Corona-Mutante B117 im Falle einer nicht durch Testungen begleiteten Öffnung der Läden ausbreiten würde – so dass ein nächster Lockdown unvermeidbar würde.

Aus Lauterbachs Sicht muss zunächst eine Teststrategie erarbeitet werden, die vorsieht, gezielt in Schulen und Betrieben jeweils und regelmäßig – optimalerweise zweimal wöchentlich – Gruppentests durchzuführen. Auf diese Weise sei der Gefahr relativ hoher "Falsch-negativ"-Ergebnisse bisher verfügbarer Schnelltests am effektivsten zu begegnen. Der SPD-Mann (und seltene Fall eines Sachverständigen, der gewissermaßen sich als Politiker selbst beraten kann) schätzt, "dass wir Mitte bis Ende März ausreichend Tests" für eine Wiederöffnung des Handels haben würden. – Eine Perspektive, die nach allem, was am heutigen Dienstag, dem Vortag zum nächsten Corona-Bund-Länder-Gipfel durchsickert, auch in die Beschlussvorlage der Ministerpräsidentenrunde bei der Bundeskanzlerin Eingang zu finden scheint.

Ein anderer schmerzlicher Aspekt des noch anhaltenden Lockdowns kam bei Plasberg nicht zur Sprache: die zu selten besprochene Abwesenheit von Kultur im öffentlichen Leben. Der Einzelhändler Busch bezog zwar überzeugend Position. Der Kulturguthändler Busch indes ließ die Gelegenheit verstreichen. Die Verlustmeldung, die von ihm anzuzeigen gewesen wäre, übernahm – als zöge bei der ARD eine kluge invisible hand die Programmfäden – ein paar Minuten später die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader. Der Verzweiflung nahe, stand sie zu Beginn einer bloß virtuellen Berlinale vor der Tagesthemen-Kamera und sehnte sich nach Publikum, das sich nach Filmen sehnt. Auch solche Auftritte helfen, die von Busch zurecht beklagte Eindimensionalität einer epidemiologisch dominierten Politik zu überwinden.