Die Sonntagsfrage

Wie geht es weiter mit Schecks Anti-Kanon, Herr Hertweck?

17. Oktober 2021
von Börsenblatt

Auf der Anti-Kanon-Seite von Denis Scheck herrscht seit Juli Schweigen, der SWR hatte nach massiven Protesten eine Überarbeitung des Konzepts versprochen. Wie es Ende Oktober weiter geht und was er aus der erbitterten Debatte um Christa Wolfs "Kassandra" gelernt hat, erklärt SWR-Literaturchef Frank Hertweck. 

Frank Hertweck, Literaturchef SWR

Frank Hertweck, Literaturchef SWR

Wir haben zwei neue Anti-Kanon-Beiträge produziert, die vielleicht nicht so umstritten sein werden wie die letzten, es geht um Friedrich Schillers Gedicht „Würde der Frauen“ mit den unvergesslichen Zeilen: „Ehret die Frauen, sie flechten und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben.“ Und es trifft Luise Rinsers Autobiografie „Den Wolf umarmen“, die ihr anbiederndes Verhalten im Nationalsozialismus in, wie man heute sagen würde, Resilienz umzudeuten versucht. Wer ist Luise Rinser? Immerhin die Kandidatin der Grünen für die Wahl zum Bundespräsidenten 1984, eine Gegenkandidatin zu Richard von Weizsäcker. 

Und, wie versprochen, ändern wir das Ende des jeweiligen Kanons. Zu viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben uns tatsächlich zugetraut, dass wir, wenngleich nur technisch, Bücher verbrennen wollen. Wieder haben wir gemerkt: Satire und Selbstironie sind zweischneidige Schwerter. Oder anders: Wir haben, wie man heute ebenfalls sagt, auf Ambiguitätstoleranz gesetzt und verloren.

Zu viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben uns tatsächlich zugetraut, dass wir, wenngleich nur technisch, Bücher verbrennen wollen.

Die Änderung ist technisch nicht ganz einfach, weil wir die gesamten Stücke aus Kostengründen nicht neu produzieren wollen, sondern nur am Ende nachjustieren, aber es soll ja immer noch flüssig ausschauen. Wir planen eine Metamorphose, die auch mit Literatur zu tun hat, mit berühmten Fantasiewelten und mit Zauberei. Nur so viel, die Bücher werden nicht in einen Feuerlöscher verwandelt und auch nicht in einen Frosch. 

Die modifizierten Stücke sollen bis Ende Oktober vorliegen. Ich muss ungeduldige Programmbeobachter bitten, bis dahin auszuharren.

"Wie wichtig Christa Wolfs 'Kassandra' für Feminismus und Friedensbewegung war, ist mir jetzt erst klar geworden"

Die für mich gewinnbringendste  Erfahrung war die Debatte um Christa Wolfs „Kassandra“, da hat Denis Scheck wirklich existentiell-biografische Bereiche berührt. Wie wichtig dieser im Jahr 1983 erschienene Text für den Feminismus und die Friedensbewegung war, ist mir jetzt erst klar geworden, obwohl ich ihn damals gelesen habe. Aber vielleicht hat man aus der Rückschau doch einen etwas gelasseneren Blick auf die Erzählung und die Vorlesungen, die sie begleiten, als in den, ich nenne sie mal so, Kampfjahren. 

Man hat Denis Scheck immer wieder vorgeworfen, er würde Figur und Autorin in eins werfen, aber das Interessante ist: Christa Wolf selbst ist es, die in den Vorlesungen zu „Kassandra“ die Verschmelzung von Figur und Autorin vollzieht – um eines weiblichen Schreibens willen.

Auffällig ist, dass in ihr die Reinheit der Weltanschauung, in diesem Fall des Feminismus, so sehr dominiert, dass Kassandra, die Titelheldin, bereit ist, für sie in den Tod zu gehen. Warum? Weil der Mann, den sie liebt und mit dem sich vielleicht sogar ein glückliches Leben führen ließe, ein Held werden könnte. Könnte! Eine ziemlich prinzipienfeste, also deutsche Lösung, die sehr wenig mit der Antike und sehr viel mit dem Kalten Krieg, dem deutsch-deutschen Verhältnissen und dem Leben in der DDR zu tun hat.

Man hat Denis Scheck immer wieder vorgeworfen, er würde Figur und Autorin in eins werfen, aber das Interessante ist: Christa Wolf hält die Idee der Rollenprosa für ein patriarchalisch-ästhetisches Konzept. Sie selbst ist es, die in den Vorlesungen zu „Kassandra“ die Verschmelzung von Figur und Autorin vollzieht – um eines weiblichen Schreibens willen.

Das war sehr spannend zu lesen und für mich der persönliche Ertrag der Diskussion.