"Frankfurter Erklärung"

Alle wollen Bücher - aber kostenlos

11. Oktober 2022
von Börsenblatt

Die alarmierende Entwicklung bei der Ausstattung von Kita-, Klassen- und Schulbibliotheken und die steigenden Forderungen nach kostenlosen Büchern hat die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen avj zu einer Bestandsaufnahme veranlasst. Das Ergebnis: schockierend. Deshalb fordert die avj in einer "Frankfurter Erklärung" ein Eingreifen der Politik

Der Vorstand der avj (v.l.): Barbara Thieme (DK), Bernd Herzog (Frechverlag), Franziska Hauffe (Klett Kinderbuch) und Kristy Koth (Edition bi:libiri)

Knappe Buchbestände in Einrichtungen für Kinder

Die avj hat ihre Mitgliedsverlage um eine Einschätzung der Lage gebeten. Die Ergebnisse seien "schockierend": In der internen Umfrage gaben 48 Mitgliedsverlage der avj für den Zeitraum Januar bis August 2022 an, zusammen mehr als 9.200 Anfragen nach kostenfreien Exemplaren erhalten zu haben. Viele Pädagog:innen in Kitas, Schulen, Horten und in der außerschulischen Leseförderung begründeten ihre Anfragen häufig damit, dass nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stünden, um den Kindern und Jugendlichen ausreichend Bücher und andere Medien zur Verfügung zu stellen. "Das Geld reicht gerade für das Mobiliar – für die Bücher, den eigentlichen Grundstock jeder Leseecke und Bibliothek, reicht es dann aber nicht mehr"“, so Bernd Herzog, Vorstandsvorsitzender der avj.

Förderprogramme zusammengestrichen

In einer "Frankfurter Erklärung" warnt die avj "eindringlich vor den Folgen der fehlenden Investition, denn Bücher für Heranwachsende bilden die Grundlage für Lesekompetenz, Bildungserfolge und schlussendlich gesellschaftliche Teilhabe. Die Kulturtechnik Lesen ist Voraussetzung für selbstständig denkende Bürger*innen und damit eine wesentliche Säule der demokratischen Grundordnung." Neueste Studien wie die IFS-Schulpanelstudie vom März 2022 zeigten, dass die Lesefähigkeit der Schüler:innen weiter dramatisch sinke. "Anstatt mehr an Vermittlung, Geldern und Lesestoff zur Verfügung zu stellen, werden derzeit Förderprogramme zusammengestrichen und das Problem auf die Bürger*innen abgewälzt", konstatiert die avj.

Bücher für mehr als eine Million Euro: umsonst?

"Da den Verlagen die Leseförderung sehr wichtig ist, haben fast alle Mitgliedsverlage in der Vergangenheit ausgewählte Anfragen in beachtlichem Umfang unterstützt – aber die Verlage sind eben auch Wirtschaftsunternehmen, die gerade in Zeiten steigender Preise für Papier, Energie und Fracht, nicht zuletzt die wirtschaftliche Verantwortung für ihre Autor*innen, Illustrator*innen, Übersetzer*innen und Mitarbeiter*innen tragen", heißt es in der "Frankfurter Erklärung" weiter. Im Zuge der Mitgliederumfrage habe sich gezeigt, dass pro Anfrage nach Einschätzung der zuständigen Abteilungen im Durchschnitt bis zu 3 Exemplare erbeten wurden. "Für 2022 wären das für alle 97 avj-Mitgliedsverlage hochgerechnet mehr als 80.000 kostenlose Exemplare. Bei einem durchschnittlichen Ladenpreis von 12,61 Euro (Stand: 2021) entspricht das einem jährlichen Buchhandelsumsatz von über 1 Million Euro." Da ist das Porto zum Verschicken noch nicht mitgerechnet.

Die Forderungen der "Frankfurter Erklärung"

Deshalb fordert die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlage im Namen ihrer knapp 100 Mitgliedsverlage

  • "ein klares Bekenntnis der politischen Entscheider*innen zur Notwendigkeit des Ausbaus der Lese- und Medienkompetenz
  • die Weiterführung des Sprachförderprogramms 'Sprach-Kitas'
  • die Erweiterung der Förderprogramme der öffentlichen Hand für die Ausstattung von Kita, Klassen-, Schul- und Institutsbibliotheken
  • die Verankerung von Literaturvermittlung in außerschulischen Betreuungsangeboten
  • gezielt wirkende Förderprogramme für leseschwache Kinder und Jugendliche."

Die Mitgliedsverlage der avj stehen dabei für Gespräche und gemeinsame Ideen zur Verfügung.