Offener Brief wegen "Nius"-Buch

Autoren distanzieren sich vom Westend Verlag

21. Mai 2026
Redaktion Börsenblatt

In einem Offenen Brief kritisieren über 30 Autorinnen und Autoren, darunter Gregor Gysi und Ulrike Herrmann, eine "Neuausrichtung" des Westend Verlags. Sie sehen Rechtspopulismus im Verlagsprogramm, wollen Konsequenzen ziehen. In einem Statement widerspricht der Verlag den Vorwürfen.

Man habe sich für einen Offenen Brief (20. Mai), der Börsenblatt online vorliegt, entschieden, "nachdem Sie auf unsere Aufforderung zu einem Gespräch mit keinem Wort eingegangen sind", begründen die Unterzeichnenden ihren Schritt. Weiter heißt es:

"Wir haben in Ihrem Verlag unterschiedliche Sachbücher vorgelegt. Wir haben das im Sinne der Positionierung getan, die sich bis vor Kurzem auf Ihrer Homepage fand: 'Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit.' Wir stellen mit Interesse fest, dass Sie diese Passage inzwischen gestrichen haben.

Wir haben 'Westend' als Ort geschätzt, an dem sehr unterschiedliche Überzeugungen aufeinanderstießen, die allerdings in aller Regel von demokratischem Geist und dem Willen nach Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt waren. Wir haben im Sinne der Meinungsfreiheit selbstverständlich auch akzeptiert, dass Sie das Portfolio Ihres Verlages um Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt erweitert haben."

Der Stein des Anstoßes

Insbesondere das moniert der Offene Brief: "Mit der Veröffentlichung des von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegebenen Bandes 'Links – Deutsch / Deutsch – Links' haben Sie nun das Spektrum Ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert. Dieses Buch ragt nicht nur dadurch heraus, dass Sie damit Ihren Verlag den Führungspersonen eines Portals zur Verfügung stellen, das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft. Der Band enthält zudem Texte von Autorinnen und Autoren, deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei.

Wir erkennen ausdrücklich Ihr selbstverständliches Recht an, zu veröffentlichen, was Sie wollen, auch wenn Sie damit rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine weitere Plattform bieten. Wir nehmen allerdings für uns das Recht in Anspruch, unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen."

Unterzeichnet haben den Offenen Brief 31 Autorinnen und Autoren, darunter Gregor Gysi, Ulrike Herrmann und Andrea Ypsilanti, sowie das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft. 

So reagiert der Westend Verlag

"Mit Bedauern haben wir den genannten offenen Brief zur Kenntnis genommen", schreibt der Westend Verlag in einen Statement vom 21. Mai. "Auf unserer Website finden Sie unser dezidiertes Selbstverständnis, dass wir ' … uns ausdrücklich als Plattform für kritische, an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientierter Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit …' verstehen. Ebenso betonen wir unmissverständlich, dass abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen, bei uns nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen werden." Gerade unterschiedliche, auch gegensätzliche Ansätze würden helfen, und dies halte der Verlag für wesentlich dabei, favorisierte Analysen zu schärfen und weiterzuentwickeln. "Seit jeher pflegen wir mit unseren Autorinnen und Autoren einen engen und diskursiven Austausch, deswegen stehen unsere Türen, wie jeder weiß, und auch in Anspruch nimmt und nahm, immer offen. Darauf hatten wir erneut hingewiesen", endet das Statement.