Zum Tod von Jürgen Habermas

"Der Nestor des Friedenspreises ist nicht mehr unter uns"

15. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Abschied von Jürgen Habermas: Der Philosoph, Soziologe und Friedenspreisträger des Jahres 2001 ist am 14. März im Alter von 96 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Martin Schult, beim Börsenverein Referent für den Friedenspreis.

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Jürgen Habermas

Er hat den politischen und gesellschaftlichen Diskurs der Nachkriegszeit entscheidend mitgeprägt und bis heute Generationen von Geisteswissenschaftlern nachhaltig beeinflusst. Nun ist Jürgen Habermas, Friedenspreisträger von 2001, am 14. März im Alter von 96 Jahren verstorben. Der folgende Nachruf von Martin Schult basiert auf einem Beitrag, der 2024 zum 95. Geburtstag des Friedenspreisträgers erschienen ist.

Mit praktischer Vernunft gegen schießwütige Cowboys

Wie groß der Einfluss von Jürgen Habermas auf den öffentlichen Diskurs war, und wie sehr man immer wieder auf klärende Worte von ihm hoffte, das zeigte sich auch bei der Verleihung des Friedenspreises, als er fünf Wochen nach "9/11", dem Terroranschlag vom 11. September 2001, in seiner Dankesrede mit praktischer Vernunft auf schießwütige Cowboys reagierte, verhärtete Orthodoxien kritisierte und erläuterte, was passieren kann, wenn die Welt von der Wissenschaft entzaubert wird.

Noch vor kurzem schieden sich die Geister an der Frage, ob und wie weit wir uns einer gentechnischen Selbstinstrumentalisierung unterziehen oder gar das Ziel einer Selbstoptimierung verfolgen sollen. Über die ersten Schritte auf diesem Wege war zwischen den Wortführern der organisierten Wissenschaft und der Kirchen ein Kampf der Glaubensmächte entbrannt.

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Der Kern des demokratischen Gemeinwesens

Das sollte das eigentliche Thema der Rede des Friedenspreisträgers sein: ein Diskurs über den "Erbstreit zwischen Philosophie und Religion", um auf die oben gestellte Frage eine mögliche Antwort zu finden. Jan Philipp Reemtsma, der bei Habermas promoviert hatte, sollte zuvor – so der Plan – in seiner Laudatio die wissenschaftlichen Leistungen und den gesellschaftlichen Einfluss des Preisträgers erläutern und beides an der Begründung des Stiftungsrates messen.

Der hat sich für Habermas als Preisträger entschieden, weil er "durch seine Gesellschaftstheorie die Tradition kritischer Aufklärung fortgeführt und mit einer weit über sein Fach hinausreichenden Wirkung Freiheit und Gerechtigkeit als die Grundlagen in Erinnerung gebracht hat, an die jede staatliche Macht gebunden ist und die den unaufgebbaren Kern des demokratischen Gemeinwesens ausmachen."

Pflichtlektüre für die Politik

Ein Festakt für die Philosophie und die Demokratie – das also war am 14. Oktober 2001 in der Paulskirche für den weltweit bekannten Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule geplant, dessen Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns" (1982) vielleicht auch Pflichtlektüre für den damaligen Bundespräsidenten Rau und Bundeskanzler Schröder gewesen war.

Zumindest hatten beide ihr Kommen angekündigt, um mit den Menschen vor Ort und an den Fernseh- und Radiogeräten den Äußerungen Habermas‘ zu folgen, mit denen er vor einem unkontrollierten Einsatz der neuen Gentechnologie warnen wollte.

Man muss nicht an die theologischen Prämissen glauben, um die Konsequenz zu verstehen, dass eine ganz andere, als kausal vorgestellte Abhängigkeit ins Spiel käme, wenn die im Schöpfungsbegriff angenommene Differenz verschwände und ein Peer an die Stelle Gottes träte – wenn also ein Mensch nach eigenen Präferenzen in die Zufallskombination von elterlichen Chromosomensätzen eingreifen würde, ohne dafür einen Konsens mit dem betroffenen Anderen wenigstens kontrafaktisch unterstellen zu dürfen.

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Die Weltkugel geriet ins Schwanken

Mit religiösen Themen beschäftigte sich Jürgen Habermas seit Ende der 1990er Jahre in verstärktem Maße und betrachtete sie im Spiegel der philosophischen Wissenschaftsgeschichte – allen voran mit Immanuel Kants Beiträgen, der "eine scharfe Grenze zwischen dem moralischen Glauben der Vernunftreligion und dem positiven Offenbarungsglauben" gezogen hat, der zwar zur Seelenbesserung beigetragen habe, aber mit seinen Anhängseln, den Statuten und Observanzen zur Fessel geworden sei.

Kurz vor der Preisverleihung hatte der Philosoph mit "Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?" einen Band herausgebracht, in dem er sich mit der Genforschung befasst hat, die, so Habermas, seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms sowohl Ängste schüre als auch Euphorie auslöse.

In der Paulskirche wollte Habermas seine Gedanken dazu weiter ausführen und an der Religion reiben. Doch dann passierte etwas, das die Weltkugel ins Schwanken brachte …

Auf einmal stand alles in den Sternen

Als ich 2001 meine Tätigkeit beim Friedenspreis als Assistent von Marlott Linka Fenner antrat, kannte ich natürlich die Debatten um die Preisverleihungen an Annemarie Schimmel und Martin Walser. Bei diesem kulturellen Großereignis jetzt aktiv dabei zu sein, faszinierte mich – vor allem, weil Frau Fenner und ich in jenem Jahr nicht nur die Verleihung des Friedenspreises, sondern auch die Eröffnungsveranstaltung der Frankfurter Buchmesse organisieren sollten.

Wochenlang hingen wir an den Telefonen, verschickten Einladungen, generierten Ab- und Zusagenlisten, bereiteten Drucksachen vor und waren im steten Kontakt mit Preisträger und Laudator, damit am 9. Oktober bei der Eröffnung der Buchmesse und am 14. Oktober bei der Preisverleihung alles perfekt ablaufen würde.

Am 11. September gegen Mittag erhielt ich einen Anruf meiner Schwiegermutter mit einer Nachricht, die sich noch nicht richtig einordnen ließ: Ein kleines Flugzeug sei in New York in ein Hochhaus geflogen … eine Stunde später offenbarte sich das wahre Ausmaß. Der Terroranschlag mit drei Passagierflugzeugen ließ gegen Nachmittag die Twin Towers in New York einstürzen und verwüstete in Washington das Pentagon. Fast 3.000 Menschen kamen durch den islamistischen Terroranschlag ums Leben.

Fassungslos schauten wir mit unseren Kolleg:innen auf den Fernsehschirm und wussten: Dieses Attentat würde die Welt verändern. Und ob die Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse und die Verleihung des Friedenspreises überhaupt stattfinden könnten – das stand auf einmal in den Sternen …

Die Grenzen der Menschlichkeit

In den kommenden Tagen wurden die beiden Veranstaltungen von den Beteiligten – Börsenverein, Politik, Polizei, aber auch Preisträger und Laudator – hinterfragt, durchleuchtet, auf den Prüfstand gestellt. Nach langen Diskussionen wurde entschieden, bei der Eröffnung verstärkte Sicherheitskontrollen durchzuführen, was letztlich zu mehr als einer Stunde Verzögerung führte.

Beim Friedenspreis wäre so etwas schwieriger, brauchte es doch wegen der Liveübertragung im Fernsehen einen festen Beginn. Reemtsma und Habermas wollten unbedingt, dass die Verleihung stattfindet, letzterer überlegte sogar, seine Dankesrede umzuschreiben. Auch der Bundespräsident und der Bundeskanzler wollten weiterhin kommen, denn – das wurde in den nächsten Wochen deutlich – nicht nur sie, sondern große Teile der Bevölkerung erhofften sich von Jürgen Habermas klärende Worte, wie sich dieses unfassbare Ereignis, bei dem die Grenzen der Menschlichkeit in vielerlei Hinsicht überschritten wurde, einordnen ließ.

Drohte ein Krieg der Kulturen oder der Religionen? Wie würde die Antwort der USA ausfallen? Und könnte man angesichts dieses Terrors zukünftig noch friedlich zusammenleben?

Ganz entscheidend dabei war aber, ob Frau Fenner und ich es uns überhaupt zutrauten, all die Aufgaben, die nun an uns gestellt wurden, erfüllen zu können. Ich staune heute noch darüber, dass wir, als wir gefragt wurden, ob wir für alle Eingeladenen die Hand ins Feuer legen würden, dem zustimmten – freilich erst nachdem wir sämtliche Listen noch einmal durchgegangen waren. Unverhofft erhielt ich dadurch einen Schnellkurs im Who is Who der deutschen Buchbranche, von dem ich heute noch profitiere.

Kurzum, unsere Zuversicht, begleitet von der großen Umsicht der Polizei, führte tatsächlich dazu, dass wir auf manche zeitraubenden Sicherheitsmaßnahmen verzichten konnten und für einen pünktlichen Beginn sorgten. Und auch der Friedenspreisträger erfüllte nach der Laudatio von Jan-Philipp Reemtsma und der Verlesung der Urkunde mit seiner Dankesrede alle Erwartungen.

Wenn uns die bedrückende Aktualität des Tages die Wahl des Themas aus der Hand reißt, ist die Versuchung groß, mit den John Waynes unter uns Intellektuellen um den schnellsten Schuss aus der Hüfte zu wetteifern.

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Ein alttestamentarischer Klang

Gleich mit diesen Anfangsworten sorgte Habermas für eine Grundstimmung in der Paulskirche, die es ihm ermöglichte, danach sowohl emotional alas auch analytisch über "9/11", vor allem aber über Glaube und Wissen im Allgemeinen, zu sprechen. Laut Habermas begründeten die Terroristen um Osama Bin Laden den Anschlag mit ihren religiösen Überzeugungen. Für sie würden das Pentagon und die Twin Towers als Wahrzeichen der globalisierten Moderne den Großen Satan verkörpern.

Doch auch in der Reaktion des Westens erkannte der Philosoph religiöse Elemente. Die Sprache der Vergeltung, in der nicht nur der amerikanische Präsident reagierte, habe einen "alttestamentarischen Klang", so Habermas, Synagogen, Kirchen und Moscheen seien voll. Aber:

Trotz seiner religiösen Sprache ist der Fundamentalismus ein ausschließlich modernes Phänomen. An den islamischen Tätern fiel sofort die Ungleichzeitigkeit der Motive und der Mittel auf. Darin spiegelt sich eine Ungleichzeitigkeit von Kultur und Gesellschaft in den Heimatländern der Täter, die sich erst infolge einer beschleunigten und radikal entwurzelnden Modernisierung herausgebildet hat

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Der Riss der Sprachlosigkeit

Habermas verortete den aus dieser Haltung entstandenen Hass auf alles Moderne in dem Gefühl der Erniedrigung, das auch durch das Fehlen einer gemeinsamen Sprache zwischen den säkularisierten Teilen der Welt und einer verhärteten Orthodoxie angesichts des "Zerfalls traditionaler Lebensformen" ausgelöst wurde.

Der Riss der Sprachlosigkeit würde aber auch das eigene Haus entzweien, dem man wohl nur mit einem Commonsense, "der sich im kulturkämpferischen Stimmengewirr gleichsam als dritte Partei zwischen Wissenschaft und Religion einen eigenen Weg bahnt", begegnen könne.

Den Risiken einer andernorts entgleisenden Säkularisierung werden wir nur mit Augenmaß begegnen, wenn wir uns darüber klar werden, was Säkularisierung in unseren postsäkularen Gesellschaften bedeutet. In dieser Absicht nehme ich das alte Thema „Glauben und Wissen“ wieder auf. Sie dürfen also keine „Sonntagsrede“ erwarten, die polarisiert, die die einen aufspringen und die anderen sitzen bleiben lässt.

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Der Erbstreit zwischen Religion und Philosophie

Jürgen Habermas nahm sich zumindest am Anfang seiner Rede des Themas "Terror" an und erfüllte somit die Erwartungen. Im weiteren Verlauf ging er nicht mehr direkt auf den Anschlag ein, doch so manche Aussage, die er traf, um den "Erbstreit zwischen Religion und Philosophie" im Angesicht der Diskussion um die Gentechnologie zu erörtern, passte auch zur aktuellen Situation.

Das religiöse Bewusstsein muss erstens die kognitiv dissonante Begegnung mit anderen Konfessionen und anderen Religionen verarbeiten. Es muss sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen, die das gesellschaftliche Monopol an Weltwissen innehaben. Schließlich muss es sich auf die Prämissen des Verfassungsstaates einlassen, die sich aus einer profanen Moral begründen. Ohne diesen Reflexionsschub entfalten die Monotheismen in rücksichtslos modernisierten Gesellschaften ein destruktives Potenzial.

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Etwas Analytisch-Beruhigendes

Habermas‘ anschließende Erörterung eines gemeinsam erarbeiteten Commonsense, mit dem Gläubige wie Ungläubige Entscheidungen treffen können, ohne aufeinander loszugehen, war gleichermaßen anspruchsvoll wie erhellend.

Und somit schaffte er etwas, was in der Tat ungewöhnlich war: Er gab sowohl denen, die von ihm eine Hilfestellung im Umgang mit dem Terroranschlag erwartet hatten, als auch denen, die sich von den hitzigen Debatten über die Gentechnologie irritiert fühlten, einen Text in die Hand, der allein schon durch die analytische Herangehensweise des Urhebers etwas Beruhigendes hatte.

Dass die Probleme der Welt nicht mit einer Rede gelöst werden können, dass es keine Weisheit letzter Schluss gibt, dass um Verständnis gerungen und falsche Wege vermieden werden sollten – das fand sich im letzten Satz der Rede wieder, den Habermas als Frage in Bezug über den Umgang mit der Gentechnologie stellte, der aber in anderen Kontexten ebenfalls seine Berechtigung hat.

Müsste nicht der erste Mensch, der einen anderen Menschen nach eigenem Belieben in seinem natürlichen Sosein festlegt, auch jene gleichen Freiheiten zerstören, die unter Ebenbürtigen bestehen, um deren Verschiedenheit zu sichern?

Jürgen Habermas in seiner Dankesrede 2001

Texte mit scheinbarer Nüchternheit

Unter dem Titel "Glaube und Wissen" veröffentlichte anschließend nicht nur der Börsenverein, sondern auch Habermas‘ Hausverlag Suhrkamp seine Rede. Und auch in den folgenden Jahren nahm der Friedenspreisträger Stellung zu aktuellen Ereignissen, sei es die Corona-Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine 2022 oder das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 mit dem anschließenden Einmarsch der israelischen Armee in den Gaza-Streifen.

Dass er in diesen Texten immer den Bezug zur eigenen Gesellschaft suchte, brachte ihm aufgrund der hohen Emotionalität über diese Ereignisse auch immer wieder Kritik ein, störte man sich doch an der scheinbaren Nüchternheit dieser Texte und der angeblich fehlenden Empathie. Doch ist es nicht das, was ein Philosoph tun muss: das Thema in einen weiteren (historischen, philosophischen, sozialen, aber auch humanistischen) Kontext stellen und ihn sowohl an der Gesellschaft als auch an den von ihnen eingesetzten Institutionen spiegeln?

Der Nestor des Friedenspreises ist also nicht mehr unter uns. Doch seine in der Frankfurter Paulskirche geäußerten Gedanken zu einer friedlichen Ko-Existenz sowohl zwischen religiösen und säkularisierten Gesellschaften als auch von Religion und Wissenschaft bleiben erhalten und lassen sich an den Reden seiner Friedenspreiskolleg:innen spiegeln. Denn das scheint in diesen unfriedlichen Zeiten fast wichtiger denn je zu sein.