C. H. Beck-Lektor Ulrich Nolte hat eine klare Position: "Ein gutes Lektorat sollte eigentlich bei allen Themen politisch sensibel vorgehen", so seine Meinung. Und er bringt den Balanceakt im Verlag auf den Punkt: "Beim Nahostkonflikt sind die Unsicherheiten besonders groß, weil eine doppelte Angst verbreitet ist: Wie kann ich sicher sein, dass Kritik an Israels Politik nicht als latent antisemitische Israelkritik verstanden oder missverstanden wird? Und wie kann ich vermeiden, dass Verständnis für das Sicherheitsbedürfnis Israels nicht als Rechtfertigung des Unrechts verstanden wird, das den Palästinensern angetan wird?"
Die öffentliche Diskussion sei sehr aufgeheizt und voller gegenseitiger Unterstellungen, bestätigt Nolte. Der Gedanke, den Umgang mit solchen Fragen an ein spezialisiertes Sensitivity-Reading zu delegieren, liegt für ihn durchaus nahe, aber: "Ich selbst würde es nicht tun, weil ich zum einen Vertrauen in das Urteilsvermögen unserer Autorinnen und Autoren sowie in das eigene Urteilsvermögen habe – und weil ich zum anderen keinen Nahost-Sensitivity-Reader kenne", sagt Nolte. Lektorat erfordert für ihn generell Fingerespitzengefühl fürs Thema und Respekt gegegenüber den Autoren. "Man kann nicht einfach sagen: 'So darfst du das nicht formulieren!', sondern muss eher fragen: 'Meinst du das wirklich so? Können wir das nicht weniger angreifbar und missverständlich formulieren?'"