Nachholbedarf
In diesem Frühjahr werden viele Werke von Schriftstellerinnen wiederentdeckt. Kein Zufall, sondern auch ein Zeichen dafür, dass sich etwas verändert. Nicht nur im Literaturbetrieb.
In diesem Frühjahr werden viele Werke von Schriftstellerinnen wiederentdeckt. Kein Zufall, sondern auch ein Zeichen dafür, dass sich etwas verändert. Nicht nur im Literaturbetrieb.
Vor einem Jahr hatte das Projekt #vorschauenzählen die Frühjahrsnovitäten 2020 unter die Lupe genommen: Wie viele Autorinnen finden sich in den Programmen? Eine Erkenntnis: »Je höher das literarische Prestige eines Verlags, desto mehr scheint er auf Männer im Programm zu setzen«, formulierten die Literaturwissenschaftlerinnen im »Spiegel«, und: »Je ernsthafter es zugeht, desto männlicher; je unterhaltsamer es wird, desto weiblicher.«
Schaut man ein Jahr später in die Verlagsprogramme, scheint es Bewegung zu geben. Der Frauenanteil in der Belletristik ist gestiegen. Auch die Hälfte der 25 Jahresbestseller 2020 in den von Media Control ermittelten Top 25 »Erzählende Literatur« stammt von Frauen. In der gerade bei Kein & Aber erschienenen, höchst lesenswerten Anthologie »Schreibtisch mit Aussicht« geben 23 Schriftstellerinnen von Terézia Mora über Elfriede Jelinek bis zu Zadie Smith Einblick in die Situation schreibender Frauen. Herausgeberin Ilka Piepgras macht darauf aufmerksam, dass sie sich für Erzählperspektiven rechtfertigen und mit stereotypen Rollenklischees herumschlagen müssten – oder mit der Frage, wer sich denn während der Lesereise um die Kinder kümmere. Sie weist auch auf Forschungsprojekte der Universitäten Rostock und Innsbruck zum Rezensionsvolumen hin. Demnach sind Frauen als Rezensentinnen und als Gegenstand von Rezensionen in prestigeträchtigen Publikationen »schockierend unterrepräsentiert«, so das Fazit. »Ganz offensichtlich erwarten die Feuilletons mehr von den Werken männlicher Autoren. Und wo man Substanz voraussetzt, findet man sie eher als dort, wo man sie nicht vermutet.«