Zum 100. Geburtstag von Wolf Jobst Siedler

Berlins konservative Stimme und großer Verleger

17. Januar 2026
Redaktion Börsenblatt

Wolf Jobst Siedler, Gründer des Siedler Verlags, wäre am 17. Januar 2026 100 Jahre alt geworden. Jens Dehning, langjähriger Programmleiter des Siedler Verlags, hat dem Börsenblatt eine Erinnerung an den großen Verleger zur Verfügung gestellt.
 

Wolf Jobst Siedler

Wolf Jobst Siedler

Er hätte Herausgeber der "ZEIT" oder der "FAZ" werden können (beide Blätter umwarben ihn), aber er wollte partout in Berlin bleiben. Hier, in seiner Geburtsstadt, hatte Wolf Jobst Siedler in den sechziger Jahren als Kulturchef des "Tagesspiegels" die Debatten geprägt und später die Springer-Buchverlage Ullstein und Propyläen geleitet. 1980 gründete er seinen eigenen Verlag, an dem sich bald Bertelsmann als Partner beteiligte. Berlin – das war der Ort, an dem Siedler seine konservativen Überzeugungen leidenschaftlich ausleben konnte. Denn zu seinem großen Schmerz waren die bürgerliche Welt, der er entstammte, und das Preußen, das er liebte, nach 1945 in Trümmer gefallen. Was danach neu aufgebaut wurde, missfiel Siedler aus tiefstem Herzen, ästhetisch und politisch. In Berlin war besonders eindrücklich zu erleben, wie Städte und Gesellschaften sich rasend verändern. Und so paradox es klingen mag: zu Siedlers Lebensthema wurde es, den Verfall zu beklagen und das endgültig Vergangene zu bewahren. Seine Bücher "Die gemordete Stadt" und "Abschied von Preußen" sind ein kluger, zorniger Abgesang auf das preußische kulturelle Erbe.

Überhaupt war die Geschichte seine große Leidenschaft. Als 17-jähriger Luftwaffenhelfer während des Zweiten Weltkriegs war er wegen "Wehrkraftzersetzung" zu neun Monaten Zuchthaus verurteilt und zur "Frontbewährung" nach Italien geschickt worden, wo er den Krieg überlebte. Auch diese Erfahrung hat seinen unabhängigen Geist und seinen Sinn für die Wirkmacht historischer Erzählungen geschärft. Viel später als Verleger machte er Joachim Fests Hitler-Biographie zum Riesenerfolg und bot Albert Speer mit dessen Memoiren die große Bühne, um sich erfolgreich als angeblich unpolitischen Technokrat zu präsentieren. (Erst nach Siedlers Tod hat der Historiker Magnus Brechtken 2017 mit seiner großen Speer-Biographie ausgerechnet im Siedler Verlag den Speer-Mythos endgültig entlarvt und die Mithilfe des Verlegers beschrieben – ein Stück Vergangenheitsbewältigung im eigenen Haus).

Siedler war Berliner Großbürger aus Überzeugung, er legte stets Wert darauf, Nachkomme des Bildhauers Johann Gottfried Schadow zu sein, dem Schöpfer der Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Und als Verleger knüpfte er ein weitgespanntes konservatives Netzwerk. In seinem eigenen Verlag wurden Politiker-Memoiren (etwa von Helmut Schmidt, Franz-Josef Strauß oder Hans-Dietrich Genscher) und andere Geschichtswerke regelmäßig zu Bestsellern. Bis heute ist Siedler der renommierte Verlag für bedeutende historische und politische Erzähler, von Anne Applebaum und Robin Alexander bis hin zu Jens Stoltenberg und Joachim Gauck. Wolf Jobst Siedler, der 2013 im Alter von 87 Jahren starb, versammelte nicht nur prominente Autoren in seinem Verlag, er hatte ein Faible für einfach gut erzählte Geschichten. Sein bis heute populärstes eigenes Buch ist "Auf der Pfaueninsel", ein farbiges Panorama von großer Geschichte auf einer kleinen Insel in der Havel. Das Buch ist im Siedler Verlag lieferbar.

Wolf Jobst Siedler wäre am 17. Januar 2026 100 Jahre alt geworden.