Matthias Ulmer antwortet Hermann-Arndt Riethmüller

Vielfalt schafft Nachfrage

17. Mai 2021
von Börsenblatt

Der Verleger Matthias Ulmer widerspricht den Marktmacht-Thesen des Buchhändlers: "Ist es nicht so, dass Thalia/Osiander trotz Marktmacht keinen ausreichenden Funktionsrabatt haben?"

Matthias Ulmer

Lieber Herr Riethmüller, ich kann Ihre Argumentation nachvollziehen. Das erinnert mich sehr an die Diskussion in der Landwirtschaft, die mich täglich begleitet: es ist klar, dass die Margen der Produktion von landwirtschaftlichen Gütern zum Leben kaum reichen. Nur über die Lösung des Problems ist man sich nicht einig, es gibt zwei Ansätze:

  • Die einen sagen, die Verbraucher werden nicht mehr zahlen, die Betriebe müssen wachsen, sie müssen technologisch aufrüsten, sie müssen auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig werden, nur so können sie Kosten senken und Marge gewinnen.
  • Die anderen sehen das Problem schon in der Vermarktung von Lebensmitteln: das System des Lebensmitteleinzelhandels mit seiner Marktmacht erzwingt Produktionsformen, die nicht nachhaltig sind, belastet die Umwelt und die Gesundheit und reduziert Vielfalt. Aber es gibt keine Reform im System, es gibt nur den Weg aus dem System auszubrechen. Und das heißt lokale Vermarktung, kleine Produktion, nachhaltig und mit angemessenen Preisen.

Sie ahnen, wo ich die Parallele zum Buchhandel sehe. In Ihrem Beitrag beziehen Sie sich auf die Thesen von Herrn Beckmann und halten sie durchgängig für falsch. Ich finde Ihre Argumente interessant, halte sie aber auch nur für einen Ausgangspunkt für eine Diskussion und nicht für ein Ergebnis. Sie schreiben: "Das Bemerkenswerte an diesen Thesen ist (…), dass sie dem deutschen Buchmarkt vorgaukeln, eigentlich sei alles in schönster Ordnung, wenn da nur nicht ein paar Störenfriede mit ihrer Marktmacht das bewährte Geschäftsmodell in Frage stellen würden“.

Sind Sie allen Ernstes der Meinung, dass das Buchhandelssystem, das Thalia/Osiander entwickeln, in schönster Ordnung ist? Sie schreiben, der unabhängige Buchhandel habe keinen ausreichenden Funktionsrabatt, mangels Marktmacht. Aber ist es nicht so, dass Thalia/Osiander trotz Marktmacht keinen ausreichenden Funktionsrabatt haben, obwohl er erheblich höher als beim unabhängigen Sortiment ist? Sind die Zahlen etwa nicht rot und werden die Verlage nicht nachdringlich zur Rabatterhöhung gedrängt, weil auch das Maximum noch nicht genug ist?

Sie beklagen die steigenden Direktumsätze der Verlage. Ich nenne Ihnen zwei gute Beispiele: Wittwer/Thalia hat die Campusbuchhandlungen geschlossen, seitdem sind die Direktbestellungen bei uns deutlich gestiegen. Auch die Übernahme von Herwig durch Osiander hat zu einer Ausdünnung des Programms und damit zu deutlich mehr Direktbestellungen bei uns geführt. Und ich vermute jetzt mal, ohne es zu wissen, dass die Fusion mit Lehmanns beim Thieme Verlag nicht zu mehr Buchhandelsgeschäft führt, sondern auch hier man sich auf mehr Direktbestellungen einrichten kann.

Dass man mit der Zentrallager-Innovation das System der Barsortimente empfindlich geschädigt hat und mit dem jetzigen Schritt die Axt an den ganzen Baum legt, das ist legitim. Aber erwarten Sie nicht Lob und Bewunderung von denen, die auf das System der Barsortimente weiter bauen.

Matthias Ulmer

Überproduktion ist in Ihrem Handelsmodell natürlich ein Fehler. Im Idealfall gibt es genau so viele Neuerscheinungen und aktive Backlisttitel, wie das Angebot einer großen Thalia-Filiale umfasst. Dann findet jeder Kunde, was er sucht, und man kann auf nationaler Ebene ein Marketing auf dieses Angebot begrenzen. Das ist schlank und effizient, ermöglicht eine ideale Warenwirtschaft, und auf die altmodischen Barsortimente können Sie dann auch verzichten.

Und was würde das für eine kleine Vorortbuchhandlung bedeuten, mit 50 Quadratmetern? Wäre für die das ideale Buchhandelssystem eines, in dem die Überproduktion auf ihr Angebot von vielleicht 15.000 Titeln reduziert ist?

Wenn man davon ausgeht, dass in der Buchhandlung sein soll, was der Kunde sucht, dann ist das wohl richtig. Wenn man aber davon ausgeht, dass der Kunde etwas im Angebot finden will, was er nicht gesucht hat, dann ist das Thema Überproduktion ein ganz anderes. Vielfalt schafft Nachfrage. Haben Sie den Beruf Buchhändler ergriffen, um zwölf unterschiedliche Joghurt-Sorten immer in der richtigen Zahl im Kühlregal zu haben? Oder nicht doch, weil Sie Leser für etwas begeistern wollten, was Ihnen wichtig schien?

Wenn man sich als Buchhandlung im Wettbewerb mit Amazon sieht und Innovationen bei den Discountern und Drogeriemärkten sucht, dann ist vermutlich Thalia der innovationsfreudigste Marktakteur. Dass man mit der Zentrallager-Innovation das System der Barsortimente empfindlich geschädigt hat und mit dem jetzigen Schritt die Axt an den ganzen Baum legt, das ist legitim. Aber erwarten Sie nicht Lob und Bewunderung von denen, die auf das System der Barsortimente weiter bauen.

Eine letzte Anmerkung: haben Sie beim Vergleich von Bad Säckingen und Weil am Rhein wirklich zwei gleich große Städte mit gleicher Kaufkraft verglichen? Und ist es Zufall, dass Sie bei der Schweizer Grenzstadt Weil ausgerechnet die Schweizer Verlage Kein&Aber und Unionsverlag als Beispiel nehmen?

Nein, die Welt wird nicht untergehen. Aber Sie sind dabei, entscheidende Weichen für die Entwicklung des Buchhandels in Deutschland zu stellen. Und die eingeschlagene Richtung finden viele sehr problematisch. Damit müssen Sie leben, ein Zurück gib es für Sie nicht mehr. Und für Ravensbuch auch nicht mehr, das ist es, was weh tut.

Herzlichst
Ihr Matthias Ulmer