Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb - Teil 1

Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?

18. Juni 2026
Börsenblatt Serie

Immer mehr Autor:innen sind auf einen Brotberuf angewiesen, manche kehren der Literatur ganz den Rücken. Das Vorwort von Slata Roschal und Katharina Bendixen bildet den Auftakt zu einer wöchentlich erscheinenden, fünfteiligen Reihe, in der Autor:innen Einblicke in ihren Ausstieg geben.

Katharina Bendixen (l.) und Slata Roschal

Katharina Bendixen (l.) und Slata Roschal

Ein Bruch in der Geschichte

Eine schöne Geschichte geht so: Ein junger Mensch schreibt gerne, studiert eine Geisteswissenschaft, publiziert Texte in Zeitschriften und mit Mitte zwanzig einen ersten Roman; nennt sich fortan Autor:in und bekommt Preise, Stipendien, Residenzen. Mit Ende dreißig, wenn viele Förderungen nicht mehr greifen, wird er oder sie dank Vorschüssen, Lesehonoraren und gelegentlichen Workshops zwar nicht reich, kann aber beruhigt jedes dritte Jahr einen Roman publizieren.

Und was, wenn diese Geschichte irgendwo bricht? Wenn Kinder dazwischenkommen, Sorgeverpflichtungen, aber auch Krankheiten, eine Pandemie, Kriege und damit einhergehend Sparmaßnahmen im kulturellen Bereich? Wenn Autor:innen den Literaturbetrieb verlassen, wird darüber höchstens hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Wir haben vier Kolleg:innen darum gebeten, von ihrem Ausstieg zu erzählen: Warum sind sie diesen Schritt gegangen, wie sah die Entscheidungsfindung aus? Schreiben sie weiterhin? Und wie müsste ein Literaturbetrieb gestaltet sein, in den sie zurückkehren würden?

Es ist also keineswegs zufällig, wer komplett aussteigen muss; es sind Autor:innen mit Sorgeverantwortung, aus prekären Verhältnissen, mit gesundheitlichen Belastungen, ohne Aussicht auf ein Erbe.

Die Textreihe: Ausstiegsgeschichten

Eine repräsentative Auswahl unterschiedlicher Literaturgattungen, Jahrgänge und Geschlechter zusammenzustellen, erwies sich als schwierig: Wir kannten einige talentierte Autor:innen, die lange nichts publiziert hatten – aber waren sie wirklich "ausgestiegen“ oder würden sie unsere Anfrage als Affront empfinden? Wie sollten wir Kolleg:innen kontaktieren, die längst ihre Websites und ihre Social-Media-Accounts deaktiviert hatten? Und was war mit jenen Autor:innen, die den Betrieb schon vor so langer Zeit verlassen hatten, dass wir sie schlicht nicht kannten?

Wir fragten Verleger:innen, Lektor:innen, Bekannte von Bekannten. Ein Autor wurde uns empfohlen, der die Strukturen des Literaturbetriebs seit Jahrzehnten ablehnte; unsere Bitte um einen Text beantwortete er strikt: "Wie Sie sich denken können, möchte ich damit nichts zu tun haben.“ Eine Autorin erklärte ihre Abkehr vom Literaturbetrieb mit "gesundheitlichen Gründen“. Eine ehemals erfolgreiche Lyrikerin hatte alle Brücken eingerissen und das Land verlassen, eine andere zog ihren Beitrag nach wenigen Tagen wieder zurück. Nach und nach aber entstand eine Textreihe, die den Literaturbetrieb aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nimmt.

Die Teilnahme an dieser Textreihe bedeutet für die vier Autor:innen, wieder in die Öffentlichkeit zu treten, von der sie sich bewusst verabschiedet haben. Wir danken Tobias Hülswitt, Ricarda Junge, Kathrin Klingner und Thilo Reffert für ihre offenen, mutigen Beiträge, die dem Narrativ der Leistungsgesellschaft widersprechen und deutlich zeigen, dass es zum literarischen Erfolg mehr braucht als gute Texte.

In jeder Ausstiegsgeschichte spielt das Geld eine Rolle, oft wird die Verantwortung für die eigenen Kinder erwähnt; es wird aber auch grundlegende Kritik an den Strukturen eines Literaturbetriebs geübt, der Verwertungslogiken über Textqualität stellt. Tobias Hülswitt ging bereits in den 2010er Jahren auf Abstand zum Literaturbetrieb, Ricarda Junge legte eine fünfzehnjährige Publikationspause ein, im Zuge der Coronapandemie wechselten Kathrin Klingner und Thilo Reffert den Beruf.

Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, sie einfach aufzugeben. Es geht zu viel verloren, wenn ihre Perspektiven aus der Literatur verschwinden. 

Ausstieg als Verlust für Literatur und Gesellschaft

Seitdem dominiert in allen gesellschaftlichen Bereichen der Rotstift, so schrieb unlängst Mareice Kaiser darüber, wie Journalist:innen derzeit reihenweise ihrem Beruf den Rücken kehren. Für unsere Textreihe haben wir Kolleg:innen gesucht, die trotz ihres literarischen Erfolgs inzwischen fest in einem anderen Beruf stehen. Autor:innen, deren Arbeit von den aktuellen Kürzungen betroffen ist, sind also noch nicht vertreten; dabei verlassen derzeit immer mehr von ihnen den Betrieb. Oft führt der erste Schritt in einen Teilzeitjob. Wer aber trotz des klassischen "Brotberufs“ im Literaturbetrieb bestehen will, der braucht Tage mit vielen Stunden.

Es ist also keineswegs zufällig, wer komplett aussteigen muss; es sind Autor:innen mit Sorgeverantwortung, aus prekären Verhältnissen, mit gesundheitlichen Belastungen, ohne Aussicht auf ein Erbe. Dabei sind nur sie in der Lage, auf Augenhöhe über soziale Probleme, über Armut, Klassismus, Diskriminierung zu schreiben. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, sie einfach aufzugeben. Es geht zu viel verloren, wenn ihre Perspektiven aus der Literatur verschwinden.

Die Textreihe ist also nicht nur ein Einblick in die Realien eines Literaturbetriebs, in dem sich soziale Ungleichheit fortsetzt, sondern auch ein Appell an eine transparente, zeitgemäße und kontinuierliche Kulturpolitik.

Was es braucht: Honorare, Förderung, Kulturpolitik

Es ist hinlänglich bekannt, was Urheber:innen benötigen ‒ die konsequente Einhaltung von Mindesthonoraren, ein breites Angebot an langfristigen Arbeitsstipendien, familienfreundliche Residenzaufenthalte und Dotierungen, die sich am durchschnittlichen Einkommen in Deutschland orientieren. Sonst wird Bücherschreiben zu einem luxuriösen Hobby oder einem quälenden Ausnahmezustand, sonst verschwindet die Vielfalt der zeitgenössischen Literatur. Auch wir Herausgeberinnen kennen aus unserem Alltag die Angst, die mit jedem abschlägigen Stipendienbescheid, mit jedem schlecht bezahlten Artikel, mit jeder Woche ohne Lesungsanfrage wächst ‒ und wissen nicht, wie lange wir als freie Autorinnen noch arbeiten können. Die Textreihe ist also nicht nur ein Einblick in die Realien eines Literaturbetriebs, in dem sich soziale Ungleichheit fortsetzt, sondern auch ein Appell an eine transparente, zeitgemäße und kontinuierliche Kulturpolitik.

Über die Autorinnen

Katharina Bendixen, geboren 1981 in Leipzig, lebt seit 2008 als freie Autorin in Leipzig und publizierte seither acht Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschien der Erzählband "Eine zeitgemäße Form der Liebe“ (Edition Nautilus, 2025). Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds (2020/21), die Kinder- und Jugendliteraturresidenz in Echternach/Luxemburg (2023) und das Albrecht-Lempp-Stipendium (2025). Im Herbst erscheint mit "Ins Sparschwein rein? Oh nein!“ ihr erstes Bilderbuch (Klett Kinderbuch, gemeinsam mit David Blum).

Slata Roschal, geboren 1992 in Sankt Petersburg, studierte Literaturwissenschaften in Greifswald und wurde in München promoviert. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Nominierungen, Stipendien und Preise, unter anderem den Kunstförderpreis des Freistaates Bayern und den BücherFrauen-Preis. Sie war Writer in Residence u. a. an den Universitäten Innsbruck und Nancy, hielt Poetikvorlesungen an der LMU München und übersetzt Lyrik aus dem Russischen. Sie verfasst Artikel und Rezensionen für die FAZ, SZ, ND, SWR, TraLaLit u. a.). Zuletzt erschien der Lyrikband "Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“ (Wunderhorn 2025). Im Juli 2026 erscheint ihr neuer Roman bei Ullstein/claassen.

Zwischen Finanzdruck, Lebensrealität und Neustart

Das Vorwort von Katharina Bendixen und Slata Roschal eröffnet eine Serie über Erfahrungen von Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb, geschrieben von Autor:innen mit eigenen Erfahrungen. So geht es weiter:

  • Sechs Gründe für den Ausstieg: Schreiben zwischen Zwang und Nähe zum eigenen Leben – Rückkehr nur mit finanzieller Sicherheit (Autor: Tobias Hülswitt; 25. Juni)
  • Neustart nach Corona: Zukunftsängste, Warteschleifen und Quereinstieg – inklusive Undercover-Verdacht (Autorin: Kathrin Klingner; 02. Juli)
  • Sinnarbeit im Klassenzimmer: Verlässliches Einkommen statt unsicherer Tantiemen – warum Unterricht fehlt, ungeschriebene Texte aber nicht (Autor: Thilo Reffert; 09. Juli)
  • Zwischen Literaturbetrieb und Mutterschaft: Verfügbarkeit, Erschöpfung und das Privileg, Kunst dauerhaft machen zu können (Autorin: Ricarda Junge; 16. Juli)