Gastspiel von Karin Schmidt-Friderichs

Wir haben das Vakzin

7. Januar 2021
von Börsenblatt

Die Buchwelt verfügt über einen Immunschutz gegen »Social Distance«. Er ist sogar die Kernkompetenz der Branche. Das schreibt Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs in ihrem Neujahrsgruß.

Karin Schmidt-Friderichs

Hinter uns allen liegt ein Jahr, das wir noch vor einem Jahr um diese Zeit der Sachgruppe Science-Fiction zugeordnet hätten. Ein Jahr, das uns beinahe aller physischen Buchevents beraubt hat, die unser Branchenjahr strukturieren, die Meilensteine und Höhepunkte sind. Ein Jahr, das uns herausgefordert, vielleicht auch in Momenten Angst gemacht hat, mit Sorge erfüllt. Ein Jahr aber auch, in dem wir über uns hinausgewachsen sind.

Wer hätte am 13. März, als die Kanzlerin und die Länderchefs uns mit dem für die Woche darauf beginnenden ersten Lockdown konfrontierten, gedacht, dass wir durch geschlossene ­Ladentüren hindurch das Lebensmittel Buch verkaufen können? Wer hätte uns die beispiellose Aufholjagd nach dem ersten Lockdown zugetraut, die unseren Jahresumsatz beinahe auf Vorjahresniveau katapultiert hätte, wäre nicht der zweite Lockdown ins Finale des Weihnachtsgeschäfts geplatzt?  

All das hat Kraft gekostet, und ich würde nichts lieber tun, als Ihnen zu versprechen: 2021 wird alles gut. Ich befürchte aber, vor uns liegt noch eine weitere Zeit der Herausforderung, und ich sehe mit Sorge die dicht gedrängt vor den Skiliften anstehenden Menschen. Mit Zuversicht sehe ich, wie die Impfungen anlaufen. 

Es gibt jedoch ein Signal der Hoffnung, das mich mindestens genauso beschäftigt: Wir Menschen sind nicht für »Social Dis­tance« gemacht, wir brauchen einander. Corona bedroht nicht nur unsere physische Gesundheit und Resilienz, es bedroht mit Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln auch das, was uns Menschen als soziale Wesen ausmacht. »Social Dis­tance« ist grundsätzlich ein irreführender Begriff, denn was wir in Pandemiezeiten benötigen, ist physischer und gerade nicht psychischer Abstand. 

Hinter uns liegt auch ein Jahr, in dem wir über uns hinausgewachsen sind.

Karin Schmidt-Friderichs

Seit neun Monaten »lernen« wir nun, unsere Kontakte zu priorisieren, gute und bessere Freunde, uns wichtige und verzichtbare Begegnungen zu »ranken«, wir beginnen, unser Gegenüber als »Gefährder« unserer Gesundheit zu werten. Wir bleiben zu Hause und halten unsere Türen verschlossen. 

Zur Eindämmung von Corona ist das alles gut, für eine offene und vielfältige Gesellschaft kann dieses »Learning« Gift sein.

Gastfreundschaft und das Öffnen von Türen gelten nicht nur um Weihnachten herum als fundamentale Bausteine der Nächs­tenliebe. Inklusion und Offenheit für das Neue und das Andere sind Grundwerte unseres Miteinanders in einer offenen und toleranten Gesellschaft. 

Biontech / Pfizer und Moderna haben das Vakzin gefunden, auf das wir unsere Hoffnung im virologischen Kampf gegen Covid setzen. Das Vakzin gegen die mit Covid einhergehende Unter­teilung in »wir« und »die«, gegen das Einander-fremd-Werden, ­gegen die soziale Distanz – dieses Vakzin ist unsere Kernkompetenz. Schon immer.  

Brücken bauen

Bücher erschließen uns andere Welten, neue Erkenntnisse, fördern Empathie und Dialektik, machen fremde Gedanken vertraut. Sie haben damit die Kraft, Brücken zu bauen. Und das brauchen wir in der Zeit verordneter Dis­tanz mehr denn je. Vielleicht ist das der Grund, warum unsere Branche im Vergleich zu anderen glimpflicher durch dieses Coronajahr gekommen ist. Ganz sicher ist dies der Impfstoff, den wir beisteuern können, um dem Virus nicht nur virologisch die Stirn zu bieten und die Welt nach Covid zu gestalten. 

Wenn es stimmt, dass Krisen immer auch Chancen sind, dann tragen wir die Verantwortung, diese Chance zu ergreifen, und wir dürfen dabei auf etwas bauen, das uns dieses schwierige Jahr ganz klar vor Augen geführt hat: Die Menschen wollen lesen. Helfen wir ihnen dabei, Orientierung und Halt zu finden, versorgen wir sie weiter mit verlässlichen Informationen und durchdachten Denkanstößen. Geben wir ihnen den Immunschutz gegen die sozialen Nebenwirkungen von Corona.