Max Riethmüller über Mitarbeiterführung

„Wer schweigt, schürt Unsicherheit“

30. April 2021
von Sabine van Endert

Am Montag startet der LibriCampus, zum zweiten Mal rein digital. „Die Buchhandlung von morgen“ lautet das große Thema, es soll um Trends, „Touchpoints“ und Teams gehen. Den Input für die Mitarbeiterführung und Teamgestaltung liefert der Berater und Buchhandelsexperte Max Riethmüller. Ein Gespräch über Transparenz, Feedback und Wertschätzung.

Max Riethmüller, Trainer

Max Riethmüller

Wie vermittelt man als Chef*in Sicherheit in unsicheren Zeiten?
Da sein - das klingt banal, ist aber das wichtigste. Beim Wechsel von offener und geschlossener Buchhandlung und wieder zurück ist das nicht immer einfach. Chef*in und Team sollten eine Einheit bleiben, das kann man fördern, indem man gezielt Gemeinsamkeiten pflegt, zum Beispiel einen Online-Lesekreis mit allen Mitarbeiter*innen ins Leben ruft. Corona ist fürchterlich, hat aber vielleicht auch etwas Gutes – Zeit zum Laden renovieren oder Instagram installieren vielleicht. Das darf man sich ruhig auch bewusst machen

Sollten Inhaber*innen wirtschaftliche Schwierigkeiten im Team besprechen oder lieber verschweigen?
Hier ist Transparenz angebracht. Man muss nicht ins Detail gehen, aber die grobe Lage sollte allen bekannt sein. Wer schweigt, um Unsicherheiten im Team zu vermeiden, erreicht meistens das Gegenteil. Natürlich sollten auch die Gegenmaßnahmen besprochen werden, Kurzarbeit zum Beispiel. Und die Ideen der Mitarbeiter sollten gehört werden.

Was schlecht läuft wird kritisiert, die Dinge, die gut laufen, werden als selbstverständlich hingenommen. Wie lässt sich das ausbalancieren?
Der erste Schritt ist, gar nicht erst in den Kategorien „gut“ und „schlecht“ zu denken. Wenn eine Mitarbeiterin viel von Belletristik, aber wenig von Kochbüchern versteht, sollte man ihre Leistung anerkennen und loben und ihr Defizit als Entwicklungsfeld betrachten. Der zweite Schritt ist, permanent Rückmeldungen zu geben. Feedback ist das beste Führungsmittel überhaupt – und damit meine ich nicht das Jahresgespräch mit standardisiertem Fragebogen am Jahresende. Das Ziel ist, jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin einmal in der Woche ein Feedback zu geben. Dafür braucht man nicht ins Büro gehen, das geht auf der Fläche.

Fällt es in angespannten Zeiten schwerer, den Mitarbeiter*innen Freiräume fürs selbstbestimmte Arbeiten zu lassen?
Ja, vermutlich geht das bei vielen sogar noch einen Schritt weiter, d.h. es wird nicht einmal angewiesen, sondern die Inhaber*innen erledigen die Dinge gleich selbst. Damit bremst die Führungskraft das Team, noch bevor es überhaupt losgeht.   Schöner wäre, das Team mitzunehmen.

Stichwort Chefrolle und Freundschaft: Im Buchhandel sind die Teams oft klein. Erschwert das die Rollenabgrenzung?
Ein kleines Team ist beim Thema Führung eher von Vorteil. Was das Thema Freundschaft zu Mitarbeiter*innen angeht: Beide Seiten müssen sich ihrer unterschiedlichen Rollen bewusst sein. Auch wenn man abends noch gemeinsam Bier trinken war, muss es in Ordnung sein, wenn nächsten Morgen der freie Samstag nicht gewährt werden kann. Wenn Mitarbeiter*innen eigenverantwortlich handeln, ist das aber kein Problem.

Die einen sind seit Jahrzehnten dabei, andere kommen neu hinzu. Wie funktioniert gelungene Integration?
Der eine ist 20 Jahre da, der andere einen Monat – das sollte nicht verglichen werden. Die Frage ist: Wer ist worin gut? Der eine verkauft Romane an Stammkunden, die andere bringt Instagram in Schwung; beides ist wichtig für den Laden. Manchmal hilft eine Teamsitzung, bei der alle sich gegenseitig für ihre Stärken loben. 

Für Aufregung hat im Börsenblatt kürzlich ein „Brandbrief“ einer Gruppe von Auszubildenden gesorgt. Der Tenor des Schreibens: Wir werden allein gelassen, ausgenutzt, nicht ausgebildet. Wie steuert man rechtzeitig gegen?
Also erstmal finde ich es großartig, dass die jungen Leute sich äußern. Dahinter steckt in jedem Fall ein Gefühl, das man ernst nehmen muss und nicht leugnen darf. Anders als in früheren Zeiten wollen die Auszubildenden heute gehört werden und dafür habe ich viel Verständnis. Ich arbeite viel mit Auszubildenden vieler verschiedener Branchen zusammen. Meine Erfahrung ist: das ist eine Generation, die beteiligt werden und mitreden will. Die Azubis von heute sind die Buchhändler von morgen - das im Kopf zu haben ist der erste Schritt zu einer erfolgreichen Ausbildung.  

Max Riethmüller hat bei Osiander in der Mitarbeiterentwicklung mitgearbeitet und den Bereich Ausbildung geleitet, er ist systemischer Coach, Verkaufstrainer und Trainer am mediacampus in frankfurt.

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