Deutscher Buchpreis 2019 an Saša Stanišić

"Herkunft" ist Roman des Jahres

Saša Stanišić wurde soeben im Frankfurter Römer für seinen Roman "Herkunft" (Luchterhand) mit dem Deutschen Buchpreis 2019 (#dbp19) ausgezeichnet. "Der Autor adelt die Leser mit seiner großen Fantasie", urteilte die Jury. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Saša Stanišić kurz nach der Preisverleihung

Saša Stanišić kurz nach der Preisverleihung © vntr.media

Die Begründung der Jury:

"Saša Stanišić ist ein so guter Erzähler, dass er sogar dem Erzählen misstraut. Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist. Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte. Der Autor adelt die Leser mit seiner großen Fantasie und entlässt sie aus den Konventionen der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit. 'Das Zögern hat noch nie eine gute Geschichte erzählt', lässt er seine Ich-Figur sagen. Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen. 'Herkunft' zeichnet das Bild einer Gegenwart, die sich immer wieder neu erzählt. Ein 'Selbstporträt mit Ahnen' wird so zum Roman eines Europas der Lebenswege."

Stanišić war in diesem Jahr zum dritten Mal (nach 2006 und 2014) in der Juryauswahl für die Long- bzw. Shortlist des Deutschen Buchpreises. Die Kameras fingen Stanišić freudig überraschte Reaktion ein, als Heinrich Riethmüller den Namen des Preisträgers verkündete. Die Gratulationen von links und rechts erwiderte Stanišić noch strahlend, doch während Börsenvereinsvorsteher Riethmüller die Jurybegründung verlas, war schon die Anspannung spürbar, die den Autor neben ihm auf der Bühne erfasste. Denn Stanišić nutzte die Aufmerksamkeit des Publikums und der Kameras für eine ernste Botschaft: Sichtlich um Fassung bemüht, kritisierte er die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke, der die Fakten des bosnisch-serbischen Krieges leugne. „Ich hatte das Glück zu entkommen“, sagte Stanišić, „und ich feiere mit Olga Tokarczuk die Literatur, die alles versucht, und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet – und zwar freiwillig“.

Stanišić bedankte sich herzlich bei der Jury und bei seinem Verlag, insbesondere seiner Lektorin Katja Saemann, und, da er selbst gesundheitlich nicht in Form war, rief dem Publikum zu: „Lassen Sie sich nicht anstecken – außer von guter verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur!“

Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2019 gehören an: Petra Hartlieb (Hartliebs Bücher, Wien), Hauke Hückstädt (Literaturhaus Frankfurt am Main), Björn Lauer (Hugendubel Frankfurt), Jörg Magenau (freier Literaturkritiker), Alf Mentzer (Hessischer Rundfunk), Daniela Strigl (Literaturwissenschaftlerin) und Margarete von Schwarzkopf (Autorin und Literaturkritikerin).

"Der Deutsche Buchpreis will die Aufmerksamkeit auf die deutschsprachige Romanliteratur in ihrer Qualität und Vielfalt lenken. In den letzten 15 Jahren ist er für die Gegenwartsliteratur und unseren Literaturbetrieb unverzichtbar geworden. Nicht nur, weil dieser Preis Autorinnen und Autoren unterstützt, sich zu entfalten und eine größere Öffentlichkeit zu erlangen, sondern insbesondere auch, weil zu keinem Zeitpunkt so leidenschaftlich über Bücher gesprochen wird, wie im Umfeld dieser Preisverleihung", sagt Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Für die Auszeichnung waren außerdem nominiert:

  • Raphaela Edelbauer: "Das flüssige Land" (Klett-Cotta)
  • Miku Sophie Kühmel: "Kintsugi" (S. Fischer)
  • Tonio Schachinger: "Nicht wie ihr" (Kremayr & Scheriau)
  • Norbert Scheuer: "Winterbienen" (C.H.Beck)
  • Jackie Thomae: "Brüder" (Hanser Berlin).

Saša Stanišić erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro.

Der Preisträger wurde in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 203 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2018 und dem 17. September 2019 erschienen sind. Aus diesen Romanen wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt. Daraus haben die Jurorinnen und Juroren sechs Titel für die Shortlist gewählt.

Zur Auszeichnung

Mit dem Deutschen Buchpreis 2019 zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland.
 
Unter dem Hashtag #buchpreisbloggen stellen 20 Literaturbloggerinnen und -blogger die nominierten Titel 2019 vor. Die Rezensionen sind unter www.deutscher-buchpreis-blog.de und über die Social-Media-Kanäle des Deutschen Buchpreises abrufbar.
 
Weitere Informationen und Termine des Preisträgers rund um die Frankfurter Buchmesse können abgerufen werden unter www.deutscher-buchpreis.de.
  
Der Hashtag des Deutschen Buchpreises ist: #dbp19

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2 Kommentar/e

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  • Annette Sievers, pmv Peter Meyer Verlag

    Annette Sievers, pmv Peter Meyer Verlag

    Gut gemacht, Saša Stanišić.

  • Nationenbucht

    Nationenbucht

    Der serbische Nationalismus ist so finster wie der slowenische, der kroatische, der bosnische... ach ja und natürlich so finster wie der deutsche und der jeder anderen sogenannten Nation. Dass Peter Handke sich mit dem serbischen Nationalismus einlässt, ist jeder Kritik von Saša Stanišić wert. Was jedoch Saša Stanišić nicht klärt ist, dass Peter Handkes Nationalismus als ein serbischer Nationalismus nur deshalb ein Problem für die öffentliche Meinung in Deutschland ist, weil er sich gegen die völkerrechtswidrige Bombardierung Serbiens 1998/99 durch die NATO unter maßgeblicher Beteiligung Deutschlands richtet. Wenn nun Saša Stanišić hier gegenüber der deutschen Öffentlichkeit seine Kritik am Nationalismus Handkes äußert, ohne sie gegenüber dieser Öffentlichkeit vor dem Hintergrund der NATO-Aggression, also der "Gauernstaaten" - wie Handke sie nennt - gegen Serbien zu betrachten, dann unterscheidet er sich für mich gar nicht von Peter Handke.

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