Wilhelm Raabe-Literaturpreis an Heinz Strunk

"Gratwanderung am ekelbesetzten Rand der kommunizierbaren Lebenswelt"

21. September 2016
Redaktion Börsenblatt
Heinz Strunk wird für seinen Roman "Der goldene Handschuh" (Rowohlt) mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2016 der Stadt Braunschweig und des Deutschlandfunks ausgezeichnet. Das Preisgeld beträgt 30.000 Euro.

"Literatur vom Feinsten aus einem Milieu vom Gröbsten"

In der Begründung der Jury heißt es: "Heinz Strunks 'Der goldene Handschuh' ist ein in jeder Hinsicht unwahrscheinlicher Roman. Er nutzt die gut recherchierte Geschichte des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka für eine intime Begegnung mit den sozial Ausgeschlossenen der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die ihrerseits eingeschlossen sind im dumpfen Raum ihrer Begierden, Räusche und Aggressionen. Er schildert mit diskreter Empathie ein Leben zwischen Abfall, Gewalt und Dauersuff. Ein Kunststück der erzählerischen Verwandlung, eine virtuose Stimmenimitation, eine Gratwanderung am ekelbesetzten Rand der kommunizierbaren Lebenswelt."

Heinz Strunk finde die sprachlichen Mittel, "uns ein ebenso drastisches wie symptomatisches Kapitel aus der Geschichte der BRD-noir vor alle Sinne zu führen, ohne seine depravierten Figuren moralisch bloßzustellen", fährt die Jury fort. "So dringt er ohne Sozialvoyeurismus in Dimensionen vor, an denen sich schon lange kein deutscher Autor mehr versucht hat." Man sei geschockt und berührt und weiß schon beim Lesen der Geschichte rund um die Reeperbahn-Absturzkneipe "Der goldene Handschuh" in den 1970er Jahren, dass sie sich dauerhaft ins Gedächtnis einprägen wird. "Heinz Strunk, den man bisher vor allem aus eher kabarettistischen Zusammenhängen kannte, setzt hier auf unerwartete Weise popliterarische Traditionen von Hubert Fichtes 'Palette' bis Bret Easton Ellis‘ 'American Psycho' fort, um irgendwo zwischen Dantes "Inferno" und Büchners "Woyzeck" zu landen. Literatur vom Feinsten aus einem Milieu vom Gröbsten", so die Jury.

Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren.

Die Preisverleihung findet am 6. November im Rahmen eines Matinee-Festaktes im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters statt. Der Preisträger wird auch bei der Langen Nacht der Literatur am 5. November lesen, ebenfalls im Kleinen Haus des Staatstheaters.

Der mit 30.000 Euro dotierte Wilhelm Raabe-Literaturpreis wird jährlich vergeben und würdigt einen aktuellen, zeitgenössischen Roman. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Rainald Goetz, Jochen Missfeldt, Ralf Rothmann, Wolf Haas, Katja Lange-Müller, Andreas Maier, Sibylle Lewitscharoff, Christian Kracht, Marion Poschmann, Thomas Hettche und Clemens J. Setz.

In der vergangenen Woche hatte der Regisseur Fatih Akin, dessen Verfilmung von "Tschick" gerade in den Kinos läuft, in der "NDR Talk Show" angekündigt, dass er Strunks Roman auf die Leinwand bringen will.