Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb - Teil 5

Mutterschaft im Literaturbetrieb

16. Juli 2026
Börsenblatt Serie

Zwischen Existenzängsten und ihrem Lehramtsstudium hat Ricarda Junge den Anschluss an die Branche verloren. Das Schreiben blieb. Wie sie den Weg zurück zur Veröffentlichung gefunden hat, beschreibt sie im fünften Teil unserer Serie über Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb.

Ein Porträtfoto der Autorin Ricarda Junge

Ricarda Junge

Das Gegenteil beweisen

Jahrelang versuchte ich, dem Literaturbetrieb zu beweisen, dass Mutterschaft mich nicht weniger produktiv machen würde. Ich schrieb aus dem Wochenbett, reiste mit Kleinkind zu Lesungen, arbeitete krank, feierte auf Buchmessen, organisierte Betreuung und funktionierte.

Angefangen hatte es mit einem Satz meines Lektors. 2007, ich war im achten Monat schwanger und hatte gerade den Vertrag für mein drittes Buch, einen Roman, unterschrieben. Beim Anstoßen im Restaurant sagte mein Lektor: "Schade, vermutlich ist das dein letztes Buch.“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. "Wieso das denn? Wollt ihr euch von mir trennen?“

Noch heute muss ich darüber lachen, dass ich wie in einer Liebesszene reagierte. Er hob augenzwinkernd das Sektglas und deutete auf meinen Bauch. "Literatur ist eine Geliebte, die niemanden neben sich duldet, schon gar kein Kind.“ Damals begriff ich nicht gleich, dass er das einem werdenden Vater niemals gesagt hätte. Ich dachte nur: Ich werde das Gegenteil beweisen.

Ich hielt mich für stark. Für diszipliniert. Für eine jener Frauen, die alles schaffen.

Ricarda Junge

Um jeden Preis funktionieren

Und das tat ich. Jedenfalls glaubte ich das lange. Ich schrieb Kolumnen, Artikel, Romane, sagte keine Termine ab, organisierte Babysitter, arbeitete nachts, arbeitete fiebrig, arbeitete immer. Ich hielt mich für stark. Für diszipliniert. Für eine jener Frauen, die alles schaffen.

Erst viel später begriff ich, wie sehr ich die Logik eines Betriebs verinnerlicht hatte, in dem ständige Verfügbarkeit als Leidenschaft gilt und Erschöpfung möglichst unsichtbar bleiben soll. Solange ich trotz Kindern funktionierte, galt ich als bewundernswert.

Als ich nach meiner Trennung mit zwei Kindern allein dastand und plötzlich Termine absagen musste, weil ein Kind krank war oder Betreuung ausfiel, wurden die Anfragen weniger. Die finanzielle Unsicherheit, die vorher schon da gewesen war, wurde nun existenziell.

Als Verräterin kam ich mir nicht vor, doch den Verlust eines bedeutenden Teils meiner selbst spürte ich wohl. Und zwar schmerzlich.

Ricarda Junge

Verschwinden aus dem Literaturbetrieb

Ein Steuerberater riet mir damals, Sozialhilfe zu beantragen. Stattdessen schrieb ich mich an der Humboldt-Universität für ein Lehramtsstudium ein. Ich nahm Kredite auf, arbeitete nebenher, studierte mit Mitte dreißig zwischen Seminarraum, Kinderbetreuung, Haushalt und Nachtarbeit.

Irgendwann verschwand ich aus dem Literaturbetrieb. Keine Einladungen mehr, keine Nachfrage nach dem nächsten Roman. Ein befreundeter Schriftsteller hielt mir vor, meine Literatur und mein Talent für den "schnöden Mammon“ verraten zu haben. Als Verräterin kam ich mir nicht vor, doch den Verlust eines bedeutenden Teils meiner selbst spürte ich wohl. Und zwar schmerzlich.

Aber ich hörte nie auf zu schreiben.

Erschöpfte Mütter, kein persönliches Versagen

Im Schuldienst begegnete ich plötzlich Menschen, die ähnlich lebten wie ich: erschöpfte Mütter, überforderte Familien, Kolleginnen am Rand ihrer Kräfte. Zum ersten Mal verstand ich, dass vieles, was ich für persönliches Versagen gehalten hatte, strukturell war.

Wie viele Frauen sich täglich beweisen müssen. Wie viele dabei ausbrennen. Und welche Geschichten verloren gehen, wenn nur diejenigen dauerhaft Kunst machen können, die ökonomisch oder familiär abgesichert sind.

Langsam begann ich wieder literarisch zu arbeiten. Anders als früher. Nicht mehr, um dazuzugehören oder etwas zu beweisen, sondern um von dieser Wirklichkeit zu erzählen.

Sie ist keine Geliebte, kein Schutzraum und kein Heiligtum mehr, das ich verraten könnte, sondern ein Werkzeug, nein, mein Schwert gegen Schweigen, Wegsehen und Schönrederei.

Ricarda Junge

Rückkehr mit verändertem Verständnis

Nach fast fünfzehn Jahren ohne Veröffentlichung ist nun wieder ein Roman von mir erschienen. Ich bin zurückgekehrt, aber nicht als dieselbe Person und nicht in denselben Literaturbetrieb. Ich war immer Schriftstellerin, auch in den harten Jahren, in denen niemand mehr recht daran glaubte und ich nur noch selten zum Schreiben kam.

Meine Vorstellung davon, was Literatur kann, hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert. Sie ist keine Geliebte, kein Schutzraum und kein Heiligtum mehr, das ich verraten könnte, sondern ein Werkzeug, nein, mein Schwert gegen Schweigen, Wegsehen und Schönrederei.

Vielleicht brauchte ich genau diesen Abstand zum Literaturbetrieb, um zu verstehen, wovon ich eigentlich erzählen wollte — und für wen.

Über die Autorin

Ricarda Junge veröffentlichte zwischen 2002 und 2014 mehrere Romane und Erzählbände, darunter "Die komische Frau“ und "Die letzten warmen Tage“. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Nach vielen Jahren als freie Autorin studierte sie Lehramt und arbeitet heute als Lehrerin an einer Grundschule. 2026 erschien nach langer Veröffentlichungspause ihr fünfter Roman "Die schönste Zeit“ in der Edition Faust. Darin erzählt Junge über Fürsorge, Überforderung und Gewalt im deutschen Schulalltag.