Wer an einem gewöhnlichen Werktag in einer Berliner Zeitung die Seiten mit dem Veranstaltungskalender aufschlägt, wird feststellen, dass er am Abend unter zehn bis zwanzig verschiedenen Lesungen wählen kann: ob im Literarischen Colloquium am Wannsee, im Literaturhaus in der Fasanenstraße, im Brecht-Haus neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem Georg Wilhelm Friedrich Hegel begraben ist, oder in einer der vielen Buchhandlungen: Überall finden Lesungen statt diese spezielle Art der literarischen Veranstaltung, die es so nur in Deutschland gibt. In Italien oder Frankreich wird ein eben erschienenes Buch, das für wichtig erachtet wird, bei Sekt und Häppchen der Presse vorgestellt, hier versammeln sich Literaturfreunde abends in einem Raum, um einem Autor zu lauschen, der aus seinem neuen Roman oder Gedichtband vorliest. Fast könnte man sagen, dass die Lesung zum kulturellen Angebot einer Stadt gehört wie das Kino.
Möglicherweise erlebt man darin einen Nachhall jener Tradition, die im ausgehenden 18. Jahrhundert begründet wurde: die der Literarischen Salons, in denen die wichtigen Leute aus Politik, Wirtschaft und Kultur zusammenkamen, um nach einem Vortrag die Fragen der Zeit zu diskutieren. Das Haus mit dem wohl berühmtesten Salon gibt es noch, es liegt keinen Steinwurf von einem der schönsten Plätze Berlins entfernt, dem Gendarmenmarkt. Wer dort spazieren geht, befindet sich in der alten Mitte Berlins, und wenn er sich auskennt, wird er alle paar Meter stehen bleiben, um bald diesem, bald jenem, dessen Name aus der Vergangenheit herüberleuchtet, seine Reverenz zu erweisen. Fast alle, die zur deutschen Geistesgeschichte gehören, wohnten hier oder stiegen für einige Zeit in einem der Hotels rund um den Platz ab, auch Heinrich Heine, den man gewöhnlich nicht mit Berlin in Verbindung bringt.
Eine Anziehungskraft wie New York
Berlin ist schön, keine Frage. Es gibt keine Stadt, die so grün ist wie Berlin. Nirgends gibt es so viele Straßenbäume und Parks, nirgends so viele Flüsse und Seen. Nirgends findet man so viele Museen und Galerien, nirgends so viele Opernhäuser und Theater, Varietés und Bars, Straßencafés, Restaurants und Eckkneipen, nirgends auch ein so gut ausgebautes Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem man jeden Punkt der Stadt rund um die Uhr erreichen kann. Und obwohl Berlin die einzige deutsche Stadt ist, die auf junge Künstler eine ähnliche Anziehungskraft ausübt wie New York, Paris und London, wohnt und lebt es sich hier nicht nur billiger als dort, sondern auch als in jeder anderen deutschen Stadt. Nirgends gibt es so große und preiswerte Wohnungen, und da so viele Fabrikgebäude leer stehen, kommen bildende Künstler noch immer an bezahlbare Ateliers und freie Theater- oder Tanzgruppen an brauchbare Probenräume.
Das ist wichtig. Aber wie bei allen Weltstädten rührt der Reiz, den die Stadt auf ihre Besucher ausübt, nur zum Teil aus solchen Vorzügen, zum vielleicht größeren bezieht sie ihn aus der Geschichte und dem Wissen darum, wer hier gelebt hat. Schaue ich durchs Fenster meines Arbeitszimmers, sehe ich die Spree und dahinter den Schlosspark, in dem die preußische Königin Sophie Charlotte beim Spaziergang mit dem von ihr verehrten Philosophen Leibniz über den Gottesbeweis diskutierte. Trete ich auf den Balkon, erblicke ich durch die Bäume das Haus, in dem Bertolt Brecht mit dem Komponisten Kurt Weill über die Arbeit an der Dreigroschenoper stritt. Während Weill das Lied von der Seeräuber-Jenny komponierte, schaute er auf den Osttrakt des Schlosses, in dem Friedrich der Große seine Wohn- und Schlafräume hatte. Die permanente Anwesenheit der Abwesenden: Das ist es, was die Faszination solcher Städte ausmacht. Wer weiß, dass Gotthold Ephraim Lessing, Heinrich von Kleist oder E.T.A Hoffmann durch diese Straßen ging, betrachtet sie anders. Überlegt man, warum so viele Autoren hier wohnen, wird auch das ein Grund sein: der Wunsch nach Teilhabe an der sich durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte fortschreibenden Tradition.
Stuckdecken und Kachelöfen
Als ich vor 40 Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, wohnte man in Friedenau, und so bin ich auch nach Friedenau gezogen. Der bürgerliche Stadtteil mit den von Bäumen gesäumten Straßen und den hohen Jahrhundertwende-Häusern war überaltert, die riesigen Wohnungen mit den stuckverzierten Decken, den Parkettfußböden und den Kachelöfen, die damals gerade gegen Gasetagenheizungen ausgetauscht wurden, waren erschwinglich. Günter Grass wohnte hier, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger. Im Buchhändlerkeller, der heute in Charlottenburg ansässig ist, fanden jeden Mittwochabend Lesungen statt, zu denen Autoren aus Westdeutschland, Österreich und der Schweiz eingeladen wurden. Danach ging man ins Bundeseck, einer Kneipe am Friedrich-Wilhelm-Platz, die rund um die Uhr geöffnet hatte, und spielte bis zum Morgengrauen Flipper oder Tischfußball.
Als ich im Jahr 2000 zum zweiten Mal nach Berlin zog, hatte sich die Situation geändert. Die Autoren aus dem alten Westberlin wohnen heute in Charlottenburg und Wilmersdorf, die aus dem alten Ostberlin und die aus Westdeutschland hinzugezogenen am Prenzlauer Berg, in Pankow oder Friedrichshain, wo sie sich der Idee von der pulsierenden Stadt näher wähnen als im ruhigen Westen, und tatsächlich wer am Samstagabend über die Kastanienallee am Prenzlauer Berg geht und die vor den Kneipen und Galerien in Scharen herumstehenden jungen Leute sieht, die sich zum Großteil der Literatur- und Kunstszene zugehörig fühlen, wird erstaunt sein über das quirlige Leben, das dort herrscht, biegt er aber um ein paar Ecken, kommt er zum Kollwitzplatz, der noch vor ein paar Jahren als der Mittelpunkt der literarischen (im Westen schon damals für überholt angesehenen) DDR-Avantgarde galt und der heute mit seinen restaurierten Häusern und teuren Restaurants einen ebenso etablierten Eindruck macht wie der Savignyplatz in Charlottenburg, der im Zentrum gleich dreier literarischer Institutionen liegt: des bereits erwähnten Literaturhauses in der Fasanenstraße, des ebenfalls schon genannten Buchhändlerkellers sowie der Autorenbuchhandlung, beide in der Carmerstraße.
Luft voller Zigarettenqualm
An allen drei Orten finden regelmäßig Lesungen statt, und wenn sie vorbei sind, zieht es das Publikum nicht selten in eine Kneipe an der S-Bahnbrücke, die den Platz zum Süden hin abschließt. Die Kneipe heißt nach ihrem ersten Besitzer, dem Boxer Franz Diener, der mit Max Schmeling im Ring stand, und ist selbst eine Institution. Die Wände sind von einer undefinierbaren Farbe (nikotinbraun, dunkelstes Rot?), die einfachen Tische und Stühle stammen aus den 30er Jahren, ebenso die Lampen, und obwohl auch in Berlin das Rauchen aus der Mode kommt, ist gegen elf die Luft so voller Zigarettenqualm, dass man die Hand nicht mehr vor den Augen sieht, geschweige denn die vergilbten Plakate, die Zeitungsausschnitte und die Hunderte von mit Widmungen versehenen Fotos der berühmten Gäste, all der Sportler, Schauspieler, Sänger, Schriftsteller, die hier ihr Bier getrunken haben und manchmal noch trinken.
Hierhin also gehen die Zuhörer nach den Lesungen, um mit dem Autor zusammenzusitzen, und der Autor, um die nach der Lesung einsetzende Leere zu betäuben. Sie kommen gegen halb elf, nehmen eine Ecke des Lokals in Beschlag, und wenn sie nach Mitternacht aufbrechen, gehen sie an dem kleinen Tisch neben der Tür vorbei, an dem eine uralte Frau sitzt, die mit wachem Blick die Gäste betrachtet, die Mutter des Wirts. Und da sie schon vor 30 Jahren dort saß, schon damals uralt, befällt einen der Verdacht, dass sie auch in 30 Jahren noch da sitzen wird, wenn man selbst längst nicht mehr hingeht.
Ost und West
Zehn bis zwanzig Lesungen am Tag, also rund 4.500 im Jahr, eine geradezu schwindelerregende Zahl. Bei einem Mittel von 15 und einem Schnitt von 30 Zuhörern (wobei es Veranstaltungen mit 10 Zuhörern genauso gibt wie mit 300) kommt man auf die Zahl 135.000. So viele Menschen also gehen in Berlin zu Lesungen, oder besser: so oft sind es immer dieselben, die das tun. Aber auch siebzehn Jahre nach der Vereinigung der beiden Stadthälften verirrt sich kaum jemand aus dem Osten zu einer Lesung im Westen und umgekehrt. Warum? Weil die Ostleser die Westautoren nicht kennen und die Westleser nicht die Ostautoren? Vielleicht. Aber vielleicht liegt es auch einfach an der Kieztreue der Berliner, die sich selten über ihre Bezirksgrenze hinaus bewegen.
Jeder Berliner Bezirk hat die Größe einer mittelgroßen deutschen Stadt, und um jemanden abends in eine Gegend zu locken, die er nur mit dem Auto oder der U-Bahn erreichen kann, braucht es mehr als eine einfache (fast als normale Dienstleistung empfundene) Lesung. Dazu braucht es den Event. Und auch den bietet die Stadt, in Form des jährlichen Akademiefestes oder des immer im Spätsommer stattfindenden Berliner Literaturfestivals, das mit internationalen Namen glänzt, von Doris Lessing bis Jorge Semprún, und im letzten Jahr nicht weniger als 14.000 Besucher angezogen hat.
Für die Autoren selbst gibt es zwei Veranstaltungen, die hervorgehoben werden müssen. Bei beiden handelt es sich um Wettbewerbe und beide haben eine überregionale Bedeutung, d.h. ihr Ausgang wird in den Feuilletons der großen Zeitungen vermerkt: der von Günter Grass gestiftete Döblin-Preis, um den sich alle zwei Jahre rund 500 Autoren bewerben, und der von der Literaturwerkstatt Berlin am Prenzlauer Berg ausgerichtete open mike. Während sich um den Döblin-Preis meistens schon durchgesetzte Autoren bewerben, richtet sich der open mike an Anfänger, die nicht älter als 35 Jahre sein dürfen und noch keine eigene Publikation vorzuweisen haben. Auch um diesen Preis, der für viele, die heute einen Namen haben, zum Sprungbrett für ihre Karriere geworden ist, bewerben sich Hunderte von Autoren, von denen 18 zur Endausscheidung nach Berlin eingeladen werden. Die Veranstaltung, bei der sie wie beim antiken Sängerwettstreit um die Wette lesen, findet in einer umgebauten Brauerei statt. Vor einigen Jahren war ich als Zuhörer dabei, und als ich zwischendurch in den Hof trat, hörte ich einen der Teilnehmer zu einem anderen sagen, dass er nie nach Berlin ziehen würde: zu groß, zu dreckig. Er stammte, wie am Dialekt zu erkennen, aus Sachsen. Und ein halbes Jahr später wohnte er doch hier. Er hatte eine junge Lyrikerin kennen gelernt, die sich als Kellnerin in Mitte durchschlug. Tagsüber rannte er durch die Straßen, abends saß er in einer Ecke der Kneipe, in der sie bediente, und schrieb an einer Erzählung, in der er seine Begeisterung für die Stadt ausdrückte.