Buchhändler-Aktionen

Dichten

2. Juni 2005
Redaktion Börsenblatt
"Selber dichten macht Spaß": Unter diesem Motto animierte die Buchhandlung Lehmkuhl das Publikum zu poetischen Versuchen. "Wie wohl ist dem, der dann und wann etwas Schönes dichten kann." Was zu Zeiten Wilhelm Buschs keine ungewöhnliche Beschäftigung war, ist heute den meisten peinlich: Gedichte schreiben ist out, und wenn, sind es allenfalls Reime fürs Poesiealbum.

Oder für den Kühlschrank. Denn mit dem Sprach-Baukasten "Kühlschrankpoesie" aus dem Verlag Sanssouci und seinen mehr als 500 Buchstaben und Wörtern auf Magnetplättchen entdeckt fast jeder seine lyrische Ader. Noch amüsanter als in der heimischen Küche kann es jedoch werden, wenn die Verse in aller Öffentlichkeit geschmiedet werden, wie beispielsweise vor dem Schaufenster der Buchhandlung Lehmkuhl in München.

"Inspiriert hat uns die Kampagne 'Ich schenk dir ein Gedicht' der Stiftung Lesen", sagt Inhaber Erwin Schumacher. In Schwabing lockten jedoch nicht Verse von Friedrich Schiller die Kunden auf den Pfad der Poesie, sondern die Küchenlyrik-Kästen und das Motto "Selber dichten macht Spaß". Die Buchhandlung baute drei große Magnettafeln auf und forderte die Passanten dazu auf, ein kleines Gedicht zu fabrizieren. Damit sich das Lehmkuhl-Team trotz der Aktion auf seine Kundschaft konzentrieren konnte, engagierte Schumacher für die Zeit von 11 bis 15 Uhr eigens einen Mitarbeiter: "Er war den Leuten behilflich und schenkte nebenbei Prosecco und Saft aus."

Viele Jugendliche und Paare an Magnettafeln

Vor allem Jugendliche und Paare wurden angelockt. Kein Wunder: Neben der Standardlyrik-Schachtel hatte das Lehmkuhl- Team auch ein Set mit Liebesbotschaften bereitgestellt. So übte man sich vor dem Laden im Reimen und hatte Spaß dabei. Natürlich hätten es, meint Schumacher, ein paar Kunden mehr sein können, die sich an den Magnettafeln versuchten, doch erfolgreich war die Aktion dennoch. Immerhin wurden auch einige Kästen der "Kühlschrankpoesie" verkauft.

Und wer weiß: Vielleicht hatte die Lyrik-Aktion auf der Straße ja auch einen kleinen pädagogischen Nutzen: Das Spiel mit Buchstaben, Wörtern und Reimen macht Spaß und weckt Interesse an Sprachgebilden, die vor allem für Schüler als langweilig gelten. Heute schon gedichtet? Nicht zuletzt Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger empfiehlt in seinem Buch "Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser" (Carl Hanser), es doch einmal selbst zu versuchen. Am besten gleich zu Hause an der Kühlschranktür.