Wilhelm Cornides, ein Unteroffizier der Wehrmacht, war im Sommer 1942 in Galizien stationiert. So beginnt der Teil 3 Shoah in Saul Friedländers zweitem Band über das Dritte Reich und die Juden. Sofort sind wir in einer Erzählung, in einem Bericht, den man nicht vergessen kann. Wilhelm Cornides war Tagebuchschreiber. Am 31. August notiert er, wie er im Bahnhof Rawa Ruska auf seinen Zug wartete und plötzlich ein anderer Zug mit 38 Viehwaggons voller Juden einfuhr. Er sei mit einem Polizisten ins Gespräch gekommen, um zu erkunden, wo die Juden denn alle her kämen: Das sind wahrscheinlich die Letzten von Lemberg. Das geht jetzt schon seit drei Wochen ununterbrochen so. In Jaroslau haben Sie nur 8 übrig gelassen, kein Mensch weiß warum. Zwischen Wilhelm Cornides und dem Polizisten habe sich dann folgendes Gespräch entwickelt: Wie weit fahren die noch? Nach Belzec. Und dann? Gift. Wilhelm Cornides fragte: Gas? Worauf der Polizist mit den Achseln zuckte. Er fügte aber noch hinzu: Am Anfang haben sie sie, glaube ich, immer erschossen. Etwas später, Wilhelm Cornides war in seinen Zug eingestiegen, setzte er das Gespräch mit einer Frau eines Bahnpolizisten fort, die ihm erklärt, dass manchmal auch Transporte mit deutschen Juden durch kämen. Die Frau versprach Cornides ausserdem, ihm das Lager Belzec zu zeigen, wenn sie daran vorbei führen. Dies findet bei Cornides folgenden Niederschlag in seinem Tagebuch: 18.20 Uhr . Wir sind am Lager Belzec vorbeigefahren. Vorher ging es lange Zeit durch hohe Kiefernwälder. Als die Frau rief: Jetzt kommt es, sah man nur eine hohe Hecke von Tannenbäumen. Ein starker süßlicher Geruch war deutlich zu bemerken. Das stinkt ja schon, sagte die Frau. Ach Quatsch, das ist ja das Gas, lachte der Bahnpolizist, der zu ihnen ins Abteil gekommen war. Inzwischen wir waren ungefähr 200 Meter gefahren hatte sich der süßliche Geruch in einen scharfen Brandgeruch verwandelt. Das ist vom Krematorium, sagte der Polizist. Kurz darauf hörte der Zaun auf. Man sah ein Wachhaus mit SS-Posten davor.
Es gibt unterdessen eine Vielzahl von Studien über den Holocaust und das Dritte Reich, angefangen mit Dietrich Uwe Adam und Raul Hilberg, den noch älteren Quellensammlungen von Josef Wulf oder unlängst Peter Longerichs Darstellung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Es gibt ausführliche Überblicksarbeiten über das Dritte Reich etwa von Richard Evans und Michael Burleigh sowie wichtige Studien über Auschwitz und das Reichssicherheitshauptamt von Sybille Steinbacher, Michael Wild und Ulrich Herbert. Von Ian Kershaw gibt seit einigen Jahren eine sozialhistorisch eingebettete zweibändige Hitler-Biographie. Diese Liste lässt sich seitenlang fortsetzten und so stellt sich die Frage, warum die Arbeit von Saul Friedländer sich so sehr von all diesen Versuchen abhebt und auszeichnet?
Es ist ein bekannter Topos, dass sich die Vernichtung der europäischen Juden weder juristischen angemessen ahnden, emotional begreifen oder historisch darstellen lässt. Doch wenn es einen historischen Versuch gibt, dem eine Annäherung am eindrucksvollsten gelungen ist, dann ist es sicher das Werk von Saul Friedländer. Die Geschichte die er erzählt macht dabei auch erstmals die Rolle des Antisemitismus für den Holocaust und für die Geschichte des Dritten Reiches in seinem ganzen Ausmaß deutlich. Dieses Buch lässt uns bei aller Vorsicht, vorschnelle Urteile zu treffen, nicht nur mit offenen Fragen zurück. Hier wird die Bedeutung des Holocaust für die Geschichte des Nationalsozialismus erstmals in seinem ganzen Ausmaß deutlich dargestellt. Das Buch verändert zudem ein Bild, welches in Deutschland trotz Goldhagen noch weit verbreitet ist. Der Holocaust wird gerne contra-intuitiv nicht als Resultat des deutschen und europäischen Antisemitismus gedeutet: Lieber schreibt man über bürokratische, banale Täter, oder geldgierige Arisierer. Die naheliegende Erklärung, dass der Antisemitismus sei er katholisch, protestantisch, gottgläubig oder biologisch Motiviert - das ausschlaggebende Motiv für den Mord an den europäischen Juden war, das belegt dieses Buch auf jeder Seite.
Viele Historiker waren unsicher, wie es Saul Friedländer gelingen sollte, angesichts der fast unüberwindbar scheinenden methodischen und vor allem narrativen Schwierigkeiten den zweiten Band seines opus magnum über Die Jahre der Vernichtung zu beenden: Denn sein Vorgehen, konsequent die Perspektiven von Tätern, Zuschauern und Opfern zu berücksichtigen, schien bereits in dem ersten Band, der die Jahre 1933-1939 abdeckt, an eine Grenze zu stoßen. Friedländer ist an keiner Stelle bloß schematisch vorgegangen: Immer zeigt er wie unterschiedlich sich verschiedene Zuschauer, Opfer und Täter jeweils verhalten und geäußert haben. Gerade dadurch kommt das zutiefst moralische in Friedländers Buch zum Ausdruck. Er zeigt vor allem mit größter Eindringlichkeit welche Spielräume, welche Freiheit sich so oder auch ganz anders zu verhalten für Zuschauer und Täter selbst in Nazi-Deutschland bestand. Ihm ist es dabei auch gelungen, die nach Ausbruch des 2. Weltkrieges räumlich immer vielschichtigere und ganz Europa erfassende Geschichte in all diesen Perspektiven zu durchdringen.
Mit den beiden großen Bänden über das Das Dritte Reich und die Juden hat Friedländer seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust zu einer umfassenden Gesamtdarstellung und deutung zusammenführen können. Ihm ist damit gelungen, was er in den 80er in der berühmten Kontroverse mit Martin Broszat angesprochen hatte, als er dessen Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus vehement kritisierte. Er sah darin wie im gleichzeitigen Historikerstreit - die Tendenz, den Zivilisationsbruch von Auschwitz in der historischen Gesamtdarstellung der NS-Zeit zurücktreten zu lassen und dass unter der rührigen Hand des zukünftigen Historikers die normalen Anteile des Bildes von der NS-Zeit übergewichtig werden ...und dies nicht etwa, weil jedes Bewußtsein den Schrecken der Vergangenheit verschwinden lassen möchte, sondern weil das menschliche Erinnerungsvermögen durchaus einer Tendenz zu erliegen neigt, die nichts mit nationalen Besonderheiten zu tun hat: Es zieht das Normale dem Abnormalen, das Verstehbare dem schwer Verstehbaren, das Vergleichbare dem Schwervergleichlichen, das Erträgliche dem Unerträglichen vor. Friedländer argumentierte in seinen grundlegenden Debattenbeiträgen dabei vor allem auch gegen die von Broszat formulierte Unterscheidung zwischen einer vorgeblich objektiven, nur noch wissenschaftlich operierenden Zeitgeschichtsforschung deutscher Historiker und der trauernden und auch anklagenden Erinnerung, besetzt von schmerzlichen Empfindungen vieler vor allem auch jüdischer Menschen, die auf einer mythischen Form dieses Erinnerns beharren, und machte die in dieser Unterscheidung implizierte Ausgrenzung jüdischer Erinnerung aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sichtbar, die ihn auch persönlich treffen musste. Im Nachhinein erscheint Broszats Plädoyer für eine Historisierung unter neuem Licht, denkt man an die Diskussion um den Umgang mit seiner eigenen NSDAP-Mitgliedschaft. Dass erst die Zusammenführung der Erinnerungen der Opfer mit der Analyse von NS-Staat und Gesellschaft zu einer richtigen Erkenntnis führen, zeigt dagegen Das Dritte Reich und die Juden.
Bereits in seinem 1978 veröffentlichten Band Wenn die Erinnerung kommt... hatte er in einem ebenso bewegenden wie nachdenklichem Buch seiner eigenen Biographie und den Wurzeln seines Schreibens über den Nationalsozialismus nachgespürt. Geboren 1933 in einem gutbürgerlichen Prager Elternhaus waren seine Eltern 1939 nach Frankreich entkommen. Unter immer verzweifelter werdenden Umständen versuchten sie das Überleben zu organisieren und gaben ihren zehnjährigen Sohn schließlich in die Obhut eines katholischen Internats, der um dort unter falschen Namen aufgenommen zu werden - zum katholischen Glauben übertreten mußte. Sie selbst versuchten in die Schweiz zu gelangen, wurden aber nach Frankreich zurückgeschickt, von dort vermutlich nach Auschwitz deportiert und ermordet. Aus den wenigen erhaltenen Briefen und Dokumenten und den Fragmenten der eigenen Erinnerungen rekonstruiert er das Kind, das er war, und kontrastiert diese Erinnerung mit seinen Tagebucheinträgen aus dem Israel des Jahres 1977.
Eine zentrale Rolle spielen in den Erinnerungen ebenso wie in seinen historiographischen Werken die Dokumente, die er nicht nur interpretiert und als Quelle der Darstellung benutzt, sondern ausführlich zitiert und damit auch den Opfern eine Stimme und eine Individualität gibt. Daraus erwächst eine wichtige Triebkraft für die historische Darstellung, wie er in den Erinnerungen festhält
Bald werden die letzten Spuren den anderen nichts mehr zu sagen haben. Ich muß es also aufschreiben. Schreiben bedeutet die Konturen der Vergangenheit mit Linien nachzuzeichnen, die weniger vergänglich sind als alles übrige, Schreiben bedeutet, das Dasein eines Menschen festzuhalten, bedeutet von einem Kind erzählen zu können, das eine Welt untergehen und eine andere entstehen sah.
Doch, wie Friedländer über seine ersten Bemühungen kurz nach dem Krieg über Belzec oder Majdanek zu schreiben festhält, der Schleier zwischen mir und den Ereignissen zerriß nicht. Ich hatte am Rande der Katastrophe gelebt; eine vielleicht unüberwindliche Distanz trennt mich von jenen, die unmittelbar vom Strudel der Ereignisse mitgerissen worden waren und ich selbst sah mich, allen meinen Bemühungen zum Trotz nicht so sehr als Opfer denn vielmehr als Zuschauer. So sollte ich zwischen mehreren Welten umherirren, die ich vielleicht besser als viele andere kannte und verstand, ohne jedoch in der Lage zu sein, mich rückhaltlos mit einer dieser Welten zu identifizieren, spontan zu fassen, zu begreifen, mich dazugehörig zu fühlen.
So sind die Themen seiner Auseinandersetzung von Beginn an durch seine eigenen Erfahrungen ebenso wie durch den Versuch geprägt, sich dem anzunähern, was den verfolgten und ermordeten Juden widerfahren ist. Seine Rettung im katholischen Internat und die damit verbundene widersprüchliche Erfahrung eines Vichy verbundenen Katholizismus waren Grundlagen für seine frühen Untersuchungen aus den 60er Jahren: die eindringlich kommentierte Dokumentensammlung zu Papst Pius XII. und das Dritte Reich und über Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten.
Die Veränderung in der Wahrnehmung des Nationalsozialismus vom Inbegriff des Bösen zu wollüstiger Beklemmung und hinreißenden Bildern in Kunst und Literatur, z.B. in Filmen der 70er Jahre von Fassbinder, Syberberg oder Visconti, analysiert Saul Friedländer in seiner wegweisenden und bis heute wichtigen Untersuchung über Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nationalsozialismus, in der er der Faszination der NS-Ästhetik auch in der Gegenwart nachgeht und damit auch die zentrale Rolle ideologisch-kultureller Faktoren als Triebkräfte des Nationalsozialismus und der antijüdischen Politik sichtbar macht, die auch seine beiden Bände über Das Dritte Reich und die Juden leitet.
Saul Friedländers Werk ist besonders facettenreich. Von großer Bedeutung ist dabei seine wesentliche Mitwirkung in zwei in den 90er Jahren eingesetzten Untersuchungskommissionen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus: die über den Bertelsmann Verlag und die Bergier-Kommission über die Schweiz und den Nationalsozialismus, die beide mit umfassenden Publikationen abgeschlossen wurden.
In der eingangs zitierten Passage aus dem Kapitel Shoah folgt auf das Zeugnis des deutschen Unteroffiziers der Bericht des 16 jährigen Moshe Flinker, der ungefähr zeitgleich in Brüssel folgende Situation der Juden beschreibt: Es ist, als befinde man sich in einem großen Saal, in dem viele Menschen fröhlich sind und tanzen und wo es auch einige Menschen gibt, die nicht glücklich sind und die nicht tanzen. Und von Zeit zu Zeit werden einige von diesen letztgenannten Menschen abgeholt, in einen anderen Raum geführt und erwürgt. Die glücklichen Menschen, die im Saal tanzen, merken das überhaupt nicht. Vielmehr sieht es so aus, als erhöhe das noch ihre Freude und verdopple ihr Glück.
In diesen Zitaten wird das bemerkenswerte an Saul Friedländers Werk deutlich: Es ist seine durch eine hohe Selbstreflexion erlangte Fähigkeit, immer wieder die Stimmen der Zeit so in die Analyse einzufügen, dass in seiner Darstellung Wissenschaft und Kunst, die beiden Seiten der Geschichtsschreibung, eine Verbindung eingehen, wie sie nur wenigen großen Historikern gelingen kann.
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