9 Uhr 40
Vorsteher Gottfried Honnefelder eröffnet die 180. Hauptversammlung mit dem traditionellen Hammerschlag
In seiner Eröffnungsrede lässt der Vorsteher das vergangene Jahr Revue passieren, "das nicht so stromlinienförmig verlaufen ist, wie wir das gedacht haben".
Als wichtige Ereignisse führt Honnfelder unter anderem an: Die Gründung des Buchhandelsriesen DBH, die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Katharina Hacker, das Branchenprojekt VTO oder die Krise der BAG.
9 Uhr 50
"Wir müssen eine erheblich höhere Geschwindigkeit aufnehmen für eine marktwirtschaftliche Lösung des Urheberrechtsproblems", mahnte der Vorsteher an. Schnelligkeit sei auch beim Aufbau von VTO gefragt. Viel zu wenig Verlage mit viel zu wenigen Titeln beteiligten sich bislang.
"Wir brauchen die gleiche hohe Geschwindigkeit, uns auf die Folgen der Konzentration einzustellen."
Honnefelder kündigte an, "dass wir uns auch in Zukunft nicht von Partikularinteressen instrumentalisieren lassen". Es gebe im Börsenverein "nach wie vor einen feinen Sinn dafür, was für uns alle gut ist".
10 Uhr 15
Der Verleger Klaus G. Saur wird für seine langjährigen Verdienste mit der Friedrich Perthes-Medaille geehrt
10 Uhr 20
Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis beginnt seinen Jahresbericht. Er verweist auf das Forum Zukunft, das dieses Jahr erstmals bei den Buchhädlertagen stattfindet. "Nur, wer die Zukunft kennt, kann entsprechende Geschäftsmodelle entwickeln." Weitere Themen in der Rede von Skipis: VTO, die Entwicklungen beim Urheberrecht und die Aufgaben des Börsenvereins als Verband, "der in erster Linie verschiedene Interessen zueinander bringen muss."
10 Uhr 45
Lorenz Borsche stellt den Antrag, die nun anstehenden Vorstandswahlen aus formalen Gründen um ein Jahr zu verschieben. Der Antrag wird mit großer Mehrheit abgelehnt.
11 Uhr
Die zur Wahl stehenden Vorstandskandidaten stellen sich vor: Gottfried Honnefelder als Vorsteher, Jürgen Horbach als Schatzmeister, die Buchhändler Thomas Wrensch, Viola Taube sowie Stephan Jaenicke als Vorstandsmitglieder. Von den drei Kandidaten können nur zwei gewählt werden.
Stimmberechtigt sind 187 Mitglieder im Saal, dazu kommen zehn Stimmübertragungen. Bereits per Briefwahl abgestimmt haben 136 Mitglieder.
11 Uhr 15
Es gibt eine 15-minütige Pause
11 Uhr 40
Schatzmeister Jürgen Horbach präsentiert den Jahresbericht 2006. "Wir kommen nun zum lyrischen Höhepunkt des Tages: Der Poesie der Zahlen. Wer Gedichte liebt und sie versteht, wird eines Tages auch die Schönheiten und Abgründe eines Finanzberichts schätzen lernen."
Für 2007 sei ein nahezu ausgeglichener Haushalt geplant, sagte Horbach. Voraussichtlich werde jedoch ein Plus von rund 150 000 Euro erzielt werden.
12 Uhr 05
Wahlleiter Fritz von Bernuth gibt die Ergebnisse der Vorstandswahl bekannt. Abgegeben wurden 354 Stimmen.
Vorsteher Gottfried Honnefelder ist mit 273 Stimmen gewählt (Briefwahl 105)
303 Stimmen für Jürgen Horbach (111 Briefwahl)
Viola Taube ist mit 240 Stimmen gewählt (99 Briefwahl)
219 Stimmen für Stephan Jaenicke (101 Briefwahl)
Thomas Wrensch wurde sehr knapp nicht gewählt.
Alle gewählten Vorstandsmitglieder nehmen die Wahl an.
12 Uhr 10
Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis erläutert die Beitragsstrukturreform, über die es heute abzustimmen gilt.
12 Uhr 25
Die Diskussion ist eröffnet. Hartwig Bögeholz (AUB) und Lorenz Borsche (eBuch) kritisieren die Beitragsungerechtigkeit der Beitragsstrukturreform, die die kleineren Mitglieder überdurchschnittlich belasten würden.
Borsche rechnete vor: Einer wie Thalia werde mit 15 Cent pro 1000 Euro belastet, kleinere Buchhandlungen mit ca. fünf Euro pro 1000 Euro.
Die wirklichen Probleme liegen in dieser enormen Spreizung, so Borsche. "Wenn wir an dieser Formel nicht ganz drastisch etwas ändern, wird es keine Beitragsgerechtigkeit geben."
Uwe Fischer (AUB) sagte: "Dieses Papier kann nicht mehr als ein erster Schritt sein." Er halte 2009 für erheblich zu spät, um über die neue Beitragshöhen zu reden."
Karl-Peter Winters gab zu bedenken, dass es eine wirklich gerecht Beitragsstruktur für alle nicht geben könne. Er mahnte an, "nicht zu ideologisch zu werden, sonst haben wir am Ende eine Beitragsstruktur, die uns politisch schaden würde."
Im Hintergrund stehe auch immer die Frage, ob sich der Mitgliedsbeitrag für das einzelne Unternehmen rentiert. "Das ist für größere Unternehmen eine sehr viel nüchternere Betrachtung als für kleine."
12 Uhr 50
Die Beitragsstrukturreform wurde angenommen - bei zahlreichen Gegenstimmen und Enthaltung
12 Uhr 55
Jürgen Horbach berichtet zur Lage der BAG und merkte an. Wir sind nicht auf der Mitgliederversammlung der BAG, sondern auf der des Börsenvereins. Und wir sollten uns mit den Konsequenzen der gestern getroffenen Entscheidungen für den Börsenverein befassen.
Man habe nun die Situation, dass der neu BAG-Vorstand mit dem Vorstand des Börsenvereins in weitere Verhandlungen auf Basis des Kölner Modells treten werde.
Horbach stellte klar: Der Börsenvereinsvorstand ist ganz klar der Meinung, wegen der Dringlichkeit der Handlungen, dass wir nicht über das angebotene Kölner Modell hinaus wollen. Das jedoch nicht, um Gespräche abzuweisen, sondern um Ihnen, den Börsenvereinsmitgliedern, eine klare Meinung mitzuteilen. Wir glauben, dass die Sanierung der BAG aus einer Hand kommen muss. Das sehen wir nur mit dem Kölner Modell gewährleistet.
Den gleichen Beschluss habe auch der Aufsichtsrat der BBG gefasst. Und das vor allem in Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung und auch darauf, was noch an finanziellen Mitteln benötigt wird, fügte Vorsteher Gottfried Honnefelder an.
Ralf Alkenbrecher, Ex-BAG-Vorstand, fragte: Warum soll die Sanierung nicht auch mit einem Anteil von 74,9 Prozent möglich sein? Alkenbrecher bittet alle Beteiligten, ganz schnell zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.
Helmut Richter sagte: Ich möchte, dass der BAG-Verein die BAG behält, weil die Börsenvereins-Holding-Betriebe nicht transparent sind. Wir haben immer noch Zeit für unser Modell der Genussscheine.
Volker Neumann, neuer BAG-Vorstand, meldete sich ebenfalls zu Wort: Wir haben die Aufgabe, gemeinsam mit dem Börsenverein uns für die Rettung der BAG einzusetzen. Er habe gehofft, dass der Vorsteher gestern aufgestanden wäre und gesagt hätte, an den 0,1 Prozent soll es nicht scheitern.
Karl-Peter Winters merkte an: Aus ökonomischen Gründen sei die 100-prozentige Übernahme die vernüfntigste Lösung. Das Kölner Modell sei bereits ein sehr großes Entgegenkommen gewesen, ein größeres als ich es eigentlich verantworten kann. Für 100 Prozent der Anteile wird ein Unternehmenswert von 6,5 Millionen Euro angesetzt, für ein Unternehmen, das in der Krise ist. Wir zahlen also einen hohen Betrag aus Solidarität. Aber irgendwo gibt es dafür eine Grenze. Diese sehe ich im Kölner Modell erreicht. Aber die BAG hat auch Kunden, deren Geduld man nicht überstrapazieren darf. Das sollten wir nicht vergessen.
Rudolph Braun-Elwert: Es geht genau um dieses x, was über 25 Prozent liegt, Dies nämlich bedeutet Mitsprache. Ich bin der Meinung, dass man mehr Mut aufbringen muss, in der Definition, was 25 Prozent bedeutet. Keine Mitsprache, keine Autonomie. In Folge auch keine Eigenständigkeit der BAG. Wir sollten uns auch darüber im Klaren sein, dass der BAG-Verein über seine Auflösung sprechen will und muss. Die Verhandlung über die Auflösung des BAG-Vereins muss mit in die Verhandlungen zwischen BAG-Verein und Börsenvereins einbezogen werden.
Jochen Mende: Wenn die Gespräche nicht zu einem 25 plus x-Ergebnis führen, dann ist der BAG-Verein aufzulösen.
Reinhilde Ruprecht hakt nach, warum der Börsenvereinsvorstand dem BAG-Verein nicht entgegenkommen möchte.
Manfred Keiper sieht nicht allein das Problem BAG. Was hier ans Licht kommt, ist eine Vertrauenskrise des Verbands. Außerdem hatte Keiper ein kritisches Wort für das Börsenblatt übrig. Das dieses ausgerechnet zur Mitgliederversammlung der BAG ein großes Porträt von Guido Zanolli gebracht habe, sei "ein Skandal" - wofür ein Teil der Versammlung dem Rostocker applaudierte.
13 Uhr 30
Oliver Voerster plädiert ebenfalls für eine schnelle Lösung.Die Haltung des Vorstands ist nachvollziehbar. Wenn man eine Rettungsaktion plant, will man auch schnell die notwendigen Veränderungen selbst herbeiführen. Gleichzeitig fragte Voerster: Inwieweit hätten die BAG-Mitglieder Einfluss auf eine Erhöhung der Gebühren? Dazu sagte Alexander Skipis: Es gibt einige Punkte innerhalb des Vertrags, die die Stärke der Mitglieder begründen.
Horbach merkte an: Ob Gebühren bleiben oder erhöht werden, kann niemand sagen.
Zum Abschluss der Diskussion sagte Horbach: Ich würde dies als stillschweigende Anregung bei der klaren Linie des Börsenvereinsvorstands mitnehmen.
In einem Statement unter dem Punkt Verschiedenes beklagt sich Thalia-Chef Michael Busch über die Usancen im Zusammenhang mit dem Fall der Preisbindung in der Schweiz: Bei manchen deutschen Mitbewerbern wie Weltbild und Hugendubel herrsche eine große "Scheinheiligkeit". Auf der einen Seite beklagten sie den Fall der Preisbindung, auf der anderen Seite nutzten sie ihn schamlos aus. "Das Reden ist das Eine. Die Taten sind aggressive Preispolitik."
Thalia habe sich bis jetzt zurückgehalten und kein unter dem alten Preisbindungsreglement gebundenes Buch preisreduziert angeboten: Und wir bleiben auch dabei aber irgendwo gibt es auch Grenzen, wo wir zum Handeln gezwungen sind.
Busch verwies auf die Situation in England kurz vor dem Fall des Net Book Agreement Mitte der 90-er Jahre: "Die Preisbindung hat in einem Land ein Riesenloch, und es besteht die Gefahr, dass sich Wasser nun seinen Weg sucht."
13 Uhr 45
Die Mitgliederversammlung ist beendet!
Lesen Sie hier die Eröffnungsrede des Vorstehers zur 180. Hauptversammlung
In Kreuzberg, also in unmittelbarer Nähe zu unserem heutigen Tagungsort, wurde vor gut 100 Jahren einer der großen unbekannten Dichter des letzten Jahrhunderts, Peter Karl Höfler, geboren. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts inzwischen hatte er sich umbenannt in Jesse Thoor schrieb er ein herrliches Gedicht, das wie eine Momentauf-nahme des heutigen Börsenvereins wirkt. Erlauben Sie mir, Ihnen die sechs Zeilen dieses Gedichts als Kurzfassung meines Jahresberichts, den ich Ihnen zu geben habe, vortrage:
In einem Haus
In einem Haus, auf feinem Tannenreiser,
sitzen ein Bettelmann und ein Kaiser.
Beide summen und lachen und trinken
Und reden laut und leise und winken.
Ein volles Jahr rollt über das Dach.
Ein volles Jahr rollt über das Dach.
Ein volles Jahr ist vergangen seit der letzten Hauptversammlung. Gewiss, das Interesse am Buch ist in den letzten Jahren nicht mehr so selbstverständlich gewachsen wie in vergangenen Jahrzehnten. Doch nach vier Jahren Stagnation und Rückgang (2001 2004) konnten wir 2006 zum zweiten Mal wieder eine leichte Steigerung im deutschen Buchhandel verzeichnen. Das ist ermutigend, auch wenn wir wissen, dass sich diese Entwicklung Bettelmänner und Kaiser wohl ungleich zu teilen haben. Ob in diesem insgesamt positiven Resultat nur die steigende Konjunktur zum Ausdruck kommt, oder ob sich ein struktureller Wandel abzeichnet, wird sich bereits im zweiten Halbjahr herausstel-len.
Jedenfalls sind bisher unsere Befürchtungen, dass trotz notwendiger Rationalisierung bei zunehmender Konzentration - alles stromlinienförmiger werde, nicht eingetroffen; das meiste blieb so vielfältig, wie wir es wünschen. Doch der Bücherfluss verläuft nun einmal nicht in einem geraden, breiten Strom, seine Scheitellinie ergibt sich aus vielen einzelnen Mäandern und nicht umgekehrt. Das gilt auch für die buchhändlerischen Ereignisse des abgelaufenen Vereinsjahres ich habe, stellvertretend für viele, 20 Tage der Chronologie der laufenden Ereignisse herausgegriffen, und bin neugierig, welches Bild Sie daraus gewinnen:
Am 23. Mai finden in Berlin die Buchhändlertage 2006 statt. Die anwesenden 600 Verleger und Buchhändler empfinden das Jahrestreffen als Erfolg. Norbert Lammert hält eine denkenswerte Abschlussrede zur Selbstverantwortung und notwendigen Selbstkon-trolle der Branche im Hinblick auf die vom Gesetz gegebenen Privilegien. Der Vorsteher kündigt an, die inneren und äußeren Regeln der Branche zum 1. Dezember 2006 zu novellieren.
Am 24. Mai beschließen der Aufsichtsrat der Börsenvereins-Beteiligungsgesellschaft BBG und der Vorstand des Börsenvereins das Projekt VTO Volltextsuche online.
Am 23. Juni wird in Frankfurt der Bundessieger im Vorlesewettbewerb des Deut-schen Buchhandels ermittelt.
Am 1. August werden fast unbemerkt von der Öffentlichkeit aus Verlagskauf-leuten Medienkaufleute für digitale und Printprodukte. Das Berufsbild passt sich der Gegenwart an.
Am 17. August meldet dpa, dass sich Weltbild und Hugendubel zur DBH Buch Handels GmbH & Co. KG zusammenschließen.
Am 13. September treffen sich auf Einladung der Bundesministerin für Forschung und Bildung, Annette Schavan, Vertreter der Bibliotheken, der wissenschaftlichen Forschungsinstitutionen und des Börsenvereins, um über die unterschiedlichen Einstellungen zur Urheberrechtsnovellierung zu sprechen.
Am 20. September beschließt der Länderrat des Börsenvereins, die Beitragsstaffel zu ändern und mehr Beitragsgruppen einzuführen. Die Deckelung soll aufgehoben werden. Ziel ist mehr Beitragsgerechtigkeit, vor allem für die kleineren Mitglieder des Börsenver-eins.
Am 2. Oktober verleiht der Börsenverein im Frankfurter Römer zum zweiten Mal den Deutschen Buchpreis an Katharina Hacker. Der Preis ist bereits mit der zweiten Vergabe international anerkannt.
Am 8. Oktober verleiht der Börsenverein in der Frankfurter Paulskirche den Frie-denspreis des Deutschen Buchhandels 2006 an Wolf Lepenies.
Am 9. Oktober meldet die Frankfurter Buchmesse mit 285.000 Besuchern einen neuen Besucherrekord.
Am 9. November beschließen die Abgeordneten der 116. Abgeordnetenversamm-lung im Goethehaus ihre Selbstauflösung.
Am 5. Januar 2007 treffen sich auf dringliche Einladung des Vorstehers im Frank-furter Buchhändlerhaus der Vorstand des Börsenvereins, der Aufsichtsrat der BBG, der Vorstand des BAG-Vereins und der Aufsichtsrat der BAG-GmbH. Einziges Thema ist, wie die überschuldete BAG vor der Insolvenz bewahrt werden kann. Die Börsenvereinstochter MVB stellt ein Darlehen in Höhe von 3 Millionen Euro zur Verfügung.
Am 18. Januar sprechen sich in München die auf der Jahrestagung der Publi-kumsverlage versammelten Verleger für das Münchner Modell aus - als Branchenrege-lung zur Übersetzervergütung.
Am 23. Januar diskutieren Wissenschaftler, Verleger und Bibliothekare in Berlin über das Publizieren zwischen Open Access und Urheberrecht.
Am 26. Januar lehnen die deutschen Verlage den am 24. Januar vom Kabinett verabschiedeten Gesetzesentwurf zur Umsetzung der Enforcement-Richtlinie der Europäischen Union ab.
Am 15. März wird aus der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Buchhandlungen (AUB) ein Verein, der die Interessen des unabhängigen Sortiments vertreten will.
Am 21. März eröffnet in Leipzig die Buchmesse. Bis zum 25. März werden 127.000 Besucher die Buchmesse als Lesefest gefeiert haben. Der Vorsteher überreicht bei der Eröffnung den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung an Gert Koenen und Michail Ryklin.
Am 24. März treffen sich auf der Leipziger Buchmesse die Mitglieder der BAG zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. Sie nehmen die Darlehenszusage des Börsenvereins an und beschließen, bis zur nächsten Mitgliederversammlung der BAG möge der BAG-Vorstand neben dem sogenannten Kölner Modell, das der BAG-Vorstand gemeinsam mit dem Börsenverein in Köln erarbeitet hatte, weitere Zukunftsmodelle für die BAG ausarbeiten und zur Entscheidung vorlegen. Das Ergebnis ist bekannt; ich komme darauf zurück.
Am 23. April findet in Deutschland der Welttag des Buches statt erstmals als Dachkampagne Welttag des Buches hier und überall.
Am 1. Mai beginnt Bettina Münzberg ihre Tätigkeit als Leiterin des Berliner Büros. Zuvor haben der Geschäftsführer der MVB, Ronald Schild, der Chefredakteur des Börsenblatts, Dr. Torsten Casimir, und die Geschäftsführerin des Sortimenter-Ausschusses, Dr. Kyra Dreher, ihre Tätigkeit aufgenommen.
Am 2. Mai lehnt der Schweizer Bundesrat das Ausnahmegesuch des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes und des Börsenvereins zum Erhalt der Buchpreis-bindung ab. In der Schweiz fällt die Buchpreisbindung.
Am 11. Mai meldet Thalia, dass die Gruppe im kommenden Jahr die Buchabteilun-gen in 89 Karstadt Warenhäusern übernehmen wird.
Am 14. Juni findet in Berlin eine Mitgliederversammlung der BAG statt.
Die Marksteine des Berichtsjahres sind diffus. Aber soviel wird deutlich: Das Buch hat sich ganz offensichtlich behauptet und als stark erwiesen, und das nicht nur in seinem kulturellen Eigenwert, sondern auch in seiner politischen Relevanz und in seinem wirtschaftlichen Gewicht. Das gilt für den Weg des Buches in die digitale Informationswelt wie für seine Selbstbehauptung angesichts der urheberrechtlichen Zumutungen, die aus der Politik kamen.
Es gilt aber auch für zusätzliche Verwertungsformen wie z.B. die Sondereditionen der Presseverlage und die Entdeckung des gebrauchten Buches als Handelsobjekt. Beides könnte m.E. Anlass sein, über die seit Jahren ungenutzte wirtschaftliche Kraft der Backlist nachzudenken im stationären Buchhandel, aber auch in den Verlagen ehe andere
diesen Markt endgültig besetzen.
Und nicht zuletzt hat sich das Buch als stark erwiesen durch seine öffentliche Wirkmächtig-keit ich erinnere nur an den überragenden Erfolg des neuen Deutschen Buchpreises.
So weit, so gut. Doch die eben aufgezählten Ereignisse sind keine Leistungsschau, sie zeigen auch, was wir im vergangenen Vereinsjahr nicht erreicht haben: Geschwindigkeit.
Geschwindigkeit ist die zurückgelegte Strecke in der Zeit. Oder vornehmer ausgedrückt: die Ableitung des Ortes nach der Zeit.
Wo standen wir vor einem Jahr?
Wo stehen wir heute?
Wo werden wir in einem Jahr stehen?
Wir müssen erheblich Geschwindigkeit aufnehmen für eine marktwirtschaftliche Lösung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft, um politische Reaktionen zu vermeiden, wie denen, mit denen wir seit dem vergangenen Sommer mühevoll zu kämpfen haben.
Die Auseinandersetzungen um das Urheberrecht sind für Urheber und Verlage überwiegend Abwehrkämpfe gewesen. In diesem harten Ringen, sei es um den sogenannten Zweiten Korb oder um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Internet, hat der Börsenverein seine ganze öffentliche Kraft in die Waagschale werfen müssen, um unserer Branche lebensnotwendige Rahmenbedingungen zu erhalten. Ich bin sehr froh darüber, dass es uns an zwei entscheidenden Stellen gelungen ist, über Bündnisse politische Gestaltungsmöglichkeiten zu gewinnen. Die nach Monaten intensiven Formulierens an der Leipziger Verständigung fixierten gemeinsamen Standpunkte von Börsenverein und Deutschem Bibliotheksverband haben uns in Berlin Durchsetzungskraft verschafft. Mit der vom Schriftstellerverband, dem deutschen P.E.N. und dem Börsenverein veröffentlichten "Frankfurter Mahnung" haben wir für unsere Anliegen öffentliches Echo und Zustimmung erhalten. Wie sich das Urheberrecht weiter entwickelt, wird nicht nur an der Kraft unserer Argumente, sondern auch an unserer Fähigkeit hängen, auch Kompromisse zu schließen und Bündnisse einzugehen.
Wir müssen erheblich schneller werden beim Aufbau von Volltextsuche online. Wenn ich mir die Anzahl der Verlage anschaue, die bisher Titel in VTO eingestellt haben, wenn ich mir anschaue, in welchem Verhältnis zum Umfang ihrer jährlichen Novitäten oder gar zu ihrer Backlist diese Verlage Titel eingestellt haben, dann muss ich unwillkürlich an den König des Evangeliums denken, der zum Hochzeitsessen seines Sohnes einlädt, Ochsen und Mastvieh schlachtet, und seine Gäste gehen statt dessen auf den Acker oder ihren
Geschäften nach. (Wer nachlesen möchte: Matthäus 22.4)
Und wenn wir feststellen, dass wir bereits seit Jahren ein neues VLB brauchen - und wir brauchen es heute und nicht morgen dann liegt meines Erachtens auf der Hand, dass wir für VTO ein verbessertes Geschäftsmodell benötigen, ein ähnlich solidarisches Geschäftsmodell wie für das VLB. In diese Richtung sollte die MVB ihr Angebot ändern und entwickeln, denn VTO wird nur ein Erfolg, wenn wir alle unabhängig von der unterschiedlichen Wichtigkeit einer digitalen Datenbank für das einzelne Mitglied im Augenblick beteiligt sind und das erzeugen können was digitaldeutsch so schön traffic heißt. Auch wenn eine solidarische Teilnahme uns in der Aufbauphase Geld kosten wird, müssen wir uns zu dieser historischen Investition entscheiden.
Und wir brauchen mehr Verständnis für unsere Übersetzer auch wenn deren Vertreter seit Jahren uneinsichtig sind.
Und wir brauchen die gleich hohe Geschwindigkeit, uns auf die Folgen der Branchenkon-zentration einzustellen, wie diese Konzentration sie selbst vorlegt. Stattdessen diskutieren wir mit Lust und Ausdauer über den Wert der Unabhängigkeit buchhändlerischer Abrechnungsverwaltung.
Und wir brauchen im Verhältnis von Bund und Ländern einen kühnen Griff, um eine wirkliche Reform mit maßgeblichen Vorteilen und Einsparungen zu beginnen. Die Suche nach ausgleichenden Wegen lädt zu sehr zum Hinhalten ein - wir sollten eine solche Einstellung nicht weiter hinnehmen.
Das alles sind Beispiele. Wir haben um im physikalischen Bild zu bleiben noch nicht die optimale Betriebstemperatur für das buchhändlerische System von morgen für unsere wirklichen Probleme. Es scheint, als verbräuchten wir zuviel Energie für die Beschäftigung mit uns selbst, für unsere eigenen, manchmal nachbarschaftlichen, aber immer hausgemachten Probleme, bei der sich unsere Betriebstemperatur in unnötige Hitze umsetzt. Geschwindigkeit ist ja auch die Ableitung der Energie nach dem Impuls. Jenseits der optimalen Betriebstemperatur ergeben sich niedrigere Wirkungsgrade, und Überhitzung ist mit Zerstörungsrisiken des Systems verbunden.
Deshalb ist meine herzliche Bitte an Sie: Lassen Sie nicht zu, dass die Toleranzgrenzen unseres Systems überschritten werden. Lassen Sie nicht zu, dass wir unsere Konzentrati-on auf die wichtigen, vor uns liegenden Aufgaben verlieren. Schon jetzt ist der Verlust an Geschwindigkeit, den wir in diesem Frühjahr durch die Vorgänge bei der BAG erlitten haben, erheblich das Hauptamt kann ein Lied davon singen. Ob bei der BAG, ob im Ausgleich des Bundes mit den Ländern, ob bei VTO oder dem VLB - lassen wir nicht zu, uns gegen unseren Willen und gegen die Regeln der Klugheit von partikularen Interessen instrumentalisieren zu lassen.
Es gibt nach wie vor im Börsenverein einen feinen Sinn dafür, was für uns alle gut und richtig ist. Und dem sollten wir Raum verschaffen.
Ich wünsche uns allen eine erfolgreiche Hauptversammlung
2007.