Eröffnung Buchhändlertage

Auf der Suche nach dem verlorenen Blumenstrauß

14. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
Ilija Trojanow hat im literarischen Vorsatz zur Eröffnung der Buchhändlertage am heutigen Donnerstag ein Plädoyer für die Buchpreisbindung gehalten.
Aus den USA kommend, wo in den vergangenen Jahren eine Buchhandlung nach der anderen geschlossen wurde, musste er völlig entsetzt feststellen, dass die Eidgenossen jubelnd den Fall der Schweizer Buchpreisbindung feierten. Für ihn ist die Buchpreisbindung ein wesentliches Instrument für den Erhalt der kulturellen Vielfalt in der Branche. Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder hat über die Notwendigkeit gesprochen, dass die Branche sich den wirtschaftlichen und technischen Veränderungen stellen muss. Und damit der Inhalt nicht fehlt, gehöre zur Digitalisierung auch die Ausbildung dazu. Das sei Sinn und Zweck des Forum Zukunft, das im Mittelpunkt der diesjährigen Buchhändlertage steht. Als dann Bundesministerin Annette Schavan die Bühne betrat, um der Buchbranche ihre Unterstützung bei den weiteren Verhandlungen zum Urheberrecht Zweiter Korb zuzusichern, musste der Autor dieser Meldung leider den Saal verlassen, um den verloren gegangenen Blumenstrauß für die Ministerin wieder zu finden. Lesen Sie hier die Eröffnungsrede des Vorstehers: I. Wenn morgen heute ist, hat die Buchwelt ein anderes Gesicht. Der Blick nach vorn: er steht Verlegern und Buchhändlern für ihr Geschäft gut an. Bücher blicken weit in die Vergangenheit und weit in die Zukunft: nicht ohne Grund haben die diesjährigen Buchhändlertage ein Forum Zukunft in ihren Mittel-punkt gestellt. Mit diesem Blick nach vorn möchte ich Sie, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, zu den Buchhändlertagen 2007 herzlich begrüßen und Sie willkommen heißen. Ich begrüße Ilija Trojanow, der uns mit seiner Anwesenheit – ein Buchjahr mehr – daran erinnert, dass das berufliche Handeln von Verlegern und Buchhändlern an Voraussetzungen hängt, die sie selbst nicht erbringen können. Und der mit seiner Ouvertüre zeigt, dass Fortschritt Fortschreiten bedeutet und nicht Fortgeschrittensein - auch in Sachen Preisbindung. Herzlichen Dank, Ilija Trojanow. Ich begrüße Annette Schavan, Bundesministerin für Forschung und Bildung, die uns mit Ihrer Anwe-senheit - wenn ich das so sehen darf - zeigt, dass Forschung und Bildung ohne eine gesunde Verlags- und Buchhandelslandschaft nicht denkbar ist, und die uns mit ihrem Vortrag einmal mehr die ent-scheidende Bedeutung der politischen Rahmenbedingungen für das Buch vor Augen führen wird. Herzlichen Dank, Frau Ministerin, liebe Frau Schavan, dass Sie noch vor Ihrer Kabinettsklausur zu uns gekommen sind und zu uns sprechen werden. II. Wenn morgen heute ist, hat die Buchwelt ein anderes Gesicht. Die Feststellung hat ihre Tücke. Zu-mindest für alle, die den Satz konditional lesen. Denn als zeitliche Aussage ist sie eher beängstigend. Haben wir genügend Gespür für ihre performative Dringlichkeit? Tun wir rechtzeitig genug für die Zukunft des Buches und damit für unsere eigene berufliche und unternehmerische Zukunft? Zugegeben, mit Fünf-nach-zwölf-Nachrichten wie die der Klimaveränderung müssen wir zurzeit erst leben lernen. Doch auch die Buchwelt hat irreversible Seiten. Dazu brauchen wir nur auf den Audio-markt zu schauen. Oder auf die Entwicklung der digitalen Welt. Oder auf den Zustand unserer eige-nen inhaltlichen Fachkompetenz - also auf die buchhändlerische Ausbildung und Fortbildung. III. Wenn morgen heute ist, dann haben sich nicht nur die digitalen Landschaften neben dem Verlagswe-sen verändert, sondern das Verlagswesen selbst. Deshalb bedarf der Sicherung, was man die Dauer-haftigkeit des Gedruckten, seinen Werkcharakter, seine Authentizität nennen könnte. Wie kann die digital übermittelte Gestalt eines Textdokumentes vor seiner permanenten Veränderbarkeit und Mani-pulierbarkeit bewahrt werden? Wie ist das darin enthaltene geistige Eigentum des Urhebers zu wah-ren? Wie die in der verlegerischen Aufbereitung liegende eigene Leistung? Wie kann das Recht des Empfängers auf die unveränderte Textgestalt gewährleistet werden – unsere Leser werden uns noch an diese unsere Leistung erinnern, wenn wir selbst sie vergessen sollten? Wenn morgen heute ist, müssen für die mediale Zukunft neue Filtersysteme etabliert werden, ohne die die für den modernen Kulturstaat konstitutive Öffentlichkeit nicht zu gewinnen ist. Was sich im Buch- und Verlagswesen über einen langen Erfahrungs- und Lernprozess eingespielt hat, ist für die digitale Welt erst noch zu gewinnen. Wenn die Verbindung von Autor, Druck, Verlag und Markt erhal-ten werden soll, darf die allgemeine Zugänglichkeit nicht mit einer auch nur teilweisen Zerstörung des Marktes und damit der ökonomischen Basis des Verlagswesens bezahlt werden - durch Schranken, Eingriffe und Beeinträchtigungen der Vielfalt. Kürzlich tickerte eine Meldung über die Agenturen, die wie folgt begann: „Im Rahmen des G8-Gipfels in Heiligendamm haben sich die Teilnehmer auf Selbstverpflichtungen zur besseren Förderung und Schutz des geistigen Eigentums geeinigt.“ Liest man dies unbefangen und vor dem Hintergrund, dass die Regie beim G 8-Gipfel in den Händen unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel lag, könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Branche und der Börsenverein mit ihrem Begehren nach einer Stärkung des Urheberrechts hier in Berlin offene Türen einrennen. Das ganze Gegenteil ist, Sie wis-sen es, der Fall. Wenn morgen heute ist, sind nicht die Interessen der Verleger und Buchhändler zu schützen. Sie sind nicht mehr und nicht weniger zu schützen als andere Interessen von Marktteilnehmern auch. Es geht vielmehr darum, dasjenige Distributionsinstrument zu bewahren, das nach allen Erfahrungen am effi-zientesten die Verbindung der entscheidenden Merkmale für das Buch zu sichern vermag: „Perma-nenz“, „Selektivität“ und „Öffentlichkeit“. Deshalb brauchen wir unsere Buchhandlungen, wir brau-chen unsere Buchsortimente - stationär und interstationär in einem. IV. Wenn morgen heute ist, sind Verleger und Buchhändler nur wettbewerbsfähig im großen Medienge-schäft der globalen Konzerne - bei denen sich, fast unter der Hand, Hard- und Software, Trading und Content als Unternehmensziele miteinander verbunden haben -, wenn ihre fachlichen und ihre sozia-len Kompetenzen nicht zu schlagen sind. Wenn morgen heute ist, brauchen wir junge Buchhändler und Buchhhändlerinnen, die so aus- und fortgebildet sind, dass sie die immer schneller sich entwi-ckelnden technischen und kaufmännischen Innovationen einordnen und bewerten und darauf reagie-ren können. Wir brauchen den modernen Beruf des Buchhändlers als gesellschaftliches Leitbild. Wir brauchen für das Ineinander von alter und neuer Welt Buchhändler: für einen klugen, selbstbewuss-ten, kritischen Umgang mit den Medien, mit deren Welt und mit unserer Zukunft. V. Wenn morgen heute ist: Vor einem Jahr veranstaltete ein inter- nationaler Club von Verlegern unter seinen Autoren eine Rundfrage: „Was ist für Sie die gefährlichste Vorstellung des Jahres?“ In einem Neujahrsbrief auf dieses Jahr habe ich diese Frage im Börsenblatt umformuliert: „Was wäre für Sie die am meisten zu befürchtende Entwicklung für die Buchbranche?“ „Behindert die Voraussetzung geistigen Eigentums bei digitalem Datentransfer Forschung, Wissen und Bildung?“ „Zerstört Konzentration und Verdrängung über kurz oder lang die Vielfalt der Bücher, eine Vielfalt, an deren gesellschaftlichem Sinn wir festhalten und deren Erhalt unsere Pflicht ist für die vom Gesetz gegebenen Privilegien?“ „Wird die Risikobereitschaft der Verleger und Buchhändler durch zunehmende Ökonomisierung geringer und damit auch die Nachhaltigkeit der inhaltlichen Substanz unseres Angebots – das, was uns auf Dauer von den anderen Medien gerade unterscheidet?“ „Gefährden wir durch beständiges Agieren in den Randzonen der Preisbindung - wie in diesen Tagen in der Schweiz gut zu sehen - den inneren Konsens, der sie trägt?“ VI. Ehe morgen heute ist und die Buchwelt ein anderes Gesicht hat, sollten wir hier bei den Buchhändler-tagen miteinander über solche Fragen sprechen. Fragen zu stellen, die auch immer dangerous ideas sind. Man kann sie verdrängen. Doch angesichts der sich rapide ändernden Rahmenstrukturen der Buchkultur, angesichts der sich immer schneller ändernden Marktbedingungen für den Handel mit dem Buch, angesichts des unübersehbaren Wandels in Formen und Inhalten des Buches, sind wir gut beraten, uns mit solchen dangerous ideas zu befassen. Bei allen wirtschaftlichen Fragen aber, bei allen Konflikten, Problemen, Lösungen und notwendigen Entscheidungen, die uns bedrängen und umtreiben, sollten wir nicht unsere kulturellen Möglichkeiten und Verpflichtungen außer Acht lassen, als unseren Besitz und als unsere eigentliche „Not-Ration“. Ihnen verdankt der Börsenverein und unsere Unternehmen ihre Kraft und für sie stehen wir in der Öffentlichkeit. So würdigt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 1950 Persönlichkeiten, die mit ihrer literarischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Arbeit als Friedensstifter wirken. Als Neuanfang wollte er nach dem Zweiten Weltkrieg diese Auszeichnung verstehen und damit eine politische Hal-tung dokumentieren. Die Auszeichnung ist seitdem ein Symbol des Ausgleichs und der Versöhnung. Deshalb freue ich mich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels den diesjährigen Preisträger gewählt hat. In der Meldung, die in dieser Stunde an die Presse geht, heißt es: „Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2007 Saul Fried-länder und ehrt damit den epischen Erzähler der Geschichte der Shoah, der Verfolgung und der Ver-nichtung der Juden in der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft in Europa. Saul Friedländer ist einer der letzten miterlebenden und mitlebenden Historiographen des früh ange-kündigten, offen geplanten und mit maschineller Präzision ins Werk gesetzten Völkermords. Er entzieht sich der in der Beschreibung von Geschichte angelegten Distanzierung und gibt jener Fas-sungslosigkeit Raum, welche die einzig mögliche Reaktion auf ein noch immer unfassbares Verbrechen ist. So beschreibt er nicht nur die Entstehung, die Vorbereitung und den Vollzug des Mas-senmordes von Nachbarn an ihren Nachbarn, sondern dokumentarisch genau, stilsicher und mitlei-dend die klassische Triade der Gewalt: die Täter und ihre Obsessionen, die Opfer und ihre Verzweif-lung, die schweigende Menge der Zuschauer mit ihrer Lust und ihrem Schrecken – und wenige, zu wenige Retter. Saul Friedländer hat den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestat-tet, Gedächtnis und Namen geschenkt. Er hat den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückge-geben, deren Anerkennung die Grundlage des Friedens unter den Menschen ist. Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Vorsteher.“ Der Friedenspreis wird am Messesonntag, dem 14. Oktober 2007, in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Zu dieser Feier lade ich Sie schon jetzt herzlich ein. Meine Damen und Herren, mit dieser Nachricht eröffne ich die diesjährigen Buchhändlertage in Berlin. Ich wünsche Ihnen konstruktive Gespräche, innovative Versammlungen, viel Entschlusskraft, den Blick nach vorn und Freude an unserem eigenen Handeln.