"Der dritte Gott" - Kerr-Preisträger Hubert Winkels im "Tagesspiegel" über sein Metier:
Wir haben umgeschaltet von ideologischer, auch stilideologischer Außensteuerung auf immanente Textsteuerung. Wir sollten zumindest. Auch die beiden Kernfiguren der gegenwärtigen Kritik, nennen wir sie, da die beiden Begriffe nun einmal in der Welt sind: Emphatiker und Gnostiker. Doch die Leben und Leidenschaft beschwörenden Emphatiker wollen dem Text nicht trauen. Sie ziehen es vor, einem Gefühl zu folgen, das sie als Ureigenes verehren; als ob das fremde Buch und die eigene Seele eines Ursprungs seien. Doch was, so fragen sie umgekehrt, verdrängt der Agnostiker, der philologisch hochgestimmte Exeget, der in Texten Subtexte sucht, an lebendiger Erfahrung? So stehen sich zwei Figuren der Kritik gegenüber, statt anzuerkennen, dass man von Grandiosität entgeistert sein und dann doch weiter fragen kann, welche Baupläne in den schönen Fassaden erkennbar werden. Nichts steht, alles fließt - in zahllosen Kanälen. Aber wir bewundern auch keinen gewaltigen Strom: von Goethe zu Hauptmann oder von Heine zu Brecht, oder von Kerr zu ... Die Traditionen kreuzen sich, verlieren sich, vieles findet Liebhaber, nur weniges viele, und noch weniger bleibt. Das ist unsere Situation - und daran ist auch und besonders die Kritik schuld. In ihr gibt es keine konzertierten Aktionen, Kartelle, runden Tische. Sie ist entlastet vom Hochstemmen in Ewigkeit, von Proselytentum, von Ideologie. Nicht der einzelne Freiheitskämpfer hat das bewirkt, sondern die grundsätzliche Öffnung des Feldes, die Entheroisierung, die Dehierarchisierung, das dauernde Infragestellen der eigenen Vorannahmen. Vorteilhaft ist dabei die Selbstkorrekturkompetenz des einzelnen Kritikers, entscheidend aber die des Systems. Deshalb muss es viele unterschiedliche Medien, viele Zeitungen, viele Textsorten, viele Kritiker geben, doch vor allem müssen die Leser in der Lage sein, sich in einen Text zu versenken, um mit ihm und in ihm die Welt neu zu entziffern.
"Frankfurt hat keine Bohème" - Interview der "Frankfurter Rundschau" mit Joachim Unseld, Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, über die Buchstadt Frankfurt:
Herr Unseld, was fehlt Ihnen in der Buch- und Kulturstadt Frankfurt?
Frankfurt hat als Stadt des Buches eine herausragende Position, schon durch die Buchmesse. Nach München, das die größte Zahl von Verlagen aufweist, sind wir mit Köln und Hamburg und weit, weit vor Berlin die bedeutendste Buchstadt Deutschlands. Hier passiert viel - es könnte allerdings noch mehr geschehen. Frankfurt ist tagsüber sehr, sehr belebt durch die vielen Pendler. Das literarische Leben beginnt aber abends, wenn die Stadt sich wieder geleert hat - dann hat sie halt doch nur 660 000 Einwohner. Es gibt dann einfach zu wenig Publikum.
Warum wandern so viele junge Autoren von Frankfurt nach Berlin ab?
Da wirkt sich die ungeheure Geschichte Berlins als Künstlerstadt seit dem 19. Jahrhundert aus. Während der deutschen Teilung ist eine Künstler-Bohème dort entstanden. Als dann die Mauer fiel, fühlten sich viele jüngere Autoren und bildende Künstler von Berlin angezogen. Sie waren der Ansicht, dort, wo die Brüche und Wunden der Stadt am deutlichsten sichtbar waren, fänden sie das Material, um ihre Moderne zu beschreiben. Hier in Frankfurt gibt es glattpolierte Oberflächen: In der Fassade der Deutschen Bank spiegeln nur Sie sich selbst. Das sind schlechte Voraussetzungen für einen Roman.
In Frankfurt fehlt es also an Brüchen?
Man braucht sehr große Erfahrung und Intellektualität, um hinter die Fassaden Frankfurts zu schauen. Viele glauben, sie täten sich da in Berlin leichter - ich persönlich meine, das ist eine Sackgasse.
"Bildung am Bildschirm" - die "Leipziger Volkszeitung" beschäftigt sich heute mit Lernsoftware:
Lernsoftware für Schüler oder Vorschulkinder scheint das Blättern in Büchern überflüssig zu machen. Und das Lernen selbst soll im wahrsten Wortsinn kinderleicht werden. Allerdings trifft das längst nicht auf jedes Programm zu. Hinzu kommt: Wenn Fachleute ein bestimmtes Programm für gut befinden, dann heißt das nicht, dass alle Kinder auch gut damit zurechtkommen. "Generell gilt, dass Lernsoftware kein Allheilmittel ist, auf manchen Gebieten aber große Vorzüge gegenüber anderen Medien hat", sagt Morten Hendricks, Medienberater am Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft an der Technischen Universität Berlin. Texte, Filme und Animationen, interaktive Übungsaufgaben - einen solchen Mix habe kein Buch und auch keine reine Filmdokumentation zu bieten.