Christian, der Held Ihres Romans Teil der Lösung, interessiert sich für die Geschichte der Roten Brigaden in Italien. Was reizt ihn so sehr an diesem Thema?
Er schlägt sich als freier Journalist von Auftrag zu Auftrag durch, hat kein Geld und wohnt für zwei Monate in der unrenovierten Eigentumswohnung seiner Freundin in Prenzlauer Berg. Er steht auf der Kippe, würde gerne schreiben. Er ist wohl so ein Eichendorffscher Taugenichts, vielleicht einer der letzten dieser Art. Ihn fasziniert die Vorstellung, 20 Jahre lang untergetaucht zu sein und nach so langer Zeit mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert zu werden. Die Kämpfer von damals sind heute Ärzte, Krimiautor, Sozialarbeiter, Professoren. Nicht das Politische ist für ihn ausschlaggebend, sondern das Dunkle an der Vergangenheit, das Spekulative und auch das Spektakuläre. Aber das ist nur ein Strang. Es gibt auch eine tolle Liebesgeschichte, klandestine Gruppen, die durch Berlin laufen und U-Bahn-Automaten verkleben und Staatsschützer, die versuchen, diese Gruppen zu instrumentalisieren. Ich will nicht Geschichte nacherzählen oder etwas aufarbeiten. Ich will die reine Gegenwart.
Ihr Roman gehört also nicht zu den zahlreichen Büchern, die sich dreißig Jahre nach 1977 mit dem Deutschen Herbst auseinandersetzen?
Der sogenannte bewaffnete Kampf in Deutschland interessiert mich nicht derart. Allerdings waren die 70er Jahre auch für mich eine politisch prägende Zeit. Es ärgert mich, dass sie heute in den Medien auf verquere Weise dargestellt werden. Da sind die dominierenden Figuren Joschka Fischer und Antje Volmer, als hätte es nicht eine große Masse autonomer Linker gegeben, die dem Staat so fern standen wie dem Terror.
Geht es Ihnen auch darum, Möglichkeiten politischen Handelns heute auszuloten?
Unbedingt. Das Buch spielt zu weiten Teilen in Berlin und beschreibt, wie die Stadt im Augenblick strukturiert ist, wie sie aussieht und wie sie umgebaut wird. Der Prolog spielt vor den Überwachungskameras im Sony-Center. Viele Dinge werden auf Bildschirmen wahrgenommen. Und es gibt zumindest eine Gruppe, die sich dezidiert gegen diese Form des Stadtumbaus wehrt.
Begeben Sie sich also in das Autonomenspektrum von heute?
Den Ehrentitel Autonome würde ich dem schwarzen Block heute nicht mehr unbedingt verleihen. Die weibliche Hauptfigur ist eine radikale junge Frau, die aus einem großen Ethos heraus handelt. Sie ist hoch reflektiert, eine Studentin der Literaturwissenschaft, die gerade eine Magisterarbeit über Jean Paul schreibt. Die passt in kein gängiges politisches Muster. Es gibt ein Rollen-Model dafür. Das habe ich erst später gesehen, bei einer Demonstration in Kreuzberg. Da ging es mir wie Uwe Johnson. Nicht dass ich mich mit ihm vergleiche möchte. Aber so wie Johnson eines Tages in der Public Library in New York seine Gesine entdeckt hat, habe ich diese junge, unaufdringliche und zugleich unglaublich gut aussehende Frau am Rand des Schwarzen Blocks gesehen. Sie wirkte sehr entschieden, sehr protestantisch und passte da rein wie die Faust aufs Auge, also überhaupt nicht. Da dachte ich: Das ist sie, das ist meine Nele. Ich war sehr glücklich, sie gefunden zu haben.
Aber Sie haben nicht mit ihr gesprochen?
Ich schreibe ja keine Reportage, sondern Fiktion. Ich habe ihre Familiengeschichte erfunden und erzähle sie nebenbei mit. Sie kommt aus Waren an der Müritz, ist aber zu jung, um von der DDR noch etwas mitgekriegt zu haben. Christian dagegen kam schon 1988 nach West-Berlin. Aber darum geht es mir nicht. Ich will weg von all diesem Ost-West-Blödsinn. Das ist unerträglich. Das ödet mich nur noch an. Ich habe einige jüngere Freunde, die noch in der DDR geboren wurden, für die das längst keine Rolle mehr spielt, bzw. biografisch nie gespielt hat. Die lesen Deleuze oder Foucault. Lebenslängliche Fixierungen an die Feinde von einst sind einfach nur ruinös.