Jetzt schwärmen sie wieder. Das heißt, erst schwärmen sie aus und dann schwärmen sie, die Verlagsrepräsentanten, die Außendienstler die Vertreter. In Stadt und Land und über den Fluss und in die Hinterwälder, wo die tiefe Provinz ist. Nichts und niemand ist vor ihnen sicher, denn sie haben ja eine Mission, sind Missionare mit einer Botschaft: Sehet her, wir haben da etwas, etwas Schönes, das auch etwas Gutes ist, Kunst, die die Kunst beherrscht, die kränkelnden Bilanzen zu heilen, die bitteren Mienen aufzuhellen, der Zukunft ein freundliches Gesicht zu geben.
Wobei man selbst das beste Beispiel gibt, denn das Gesicht des Vertreters / der Vertreterin (im Weiteren seien die Damen jeweils mitgedacht) ist einfach immer freundlich; nur beim Thema Remission darf kurz ein leichter Schatten drüberhuschen. Und man freut sich ja auch, hat sich ein halbes Jahr lang nicht gesehen, und Mail und Fax und Telefon können die wirkliche, tatsächliche Begegnung nicht ersetzen, den festen Händedruck, den Blick ins Auge, neugierig und offen; nur manchmal sieht es aus, als blitzte da ein leichter Vorwurf.
Nun ja, es lässt sich ja auch nicht leugnen, nicht alle Prophezeiungen sind eingetroffen, ein strenger Zeigefinger weist da auf Stapel und Regale, wo noch so manches steht von dem, was der Vertreter letztes Mal mit ganz besonders freundlichem Gesicht als »unbedingt« und »ja, auf jeden Fall« empfohlen, wenn nicht gar befohlen hatte, da steht es, liegt es, frisch wie am ersten Tag und doch wie ist das möglich? , als sei es unter der Folie angestaubt.
Man hatte den Verlag gewarnt. Das kann man jetzt zwar nicht laut sagen, aber so wars doch, das ganze Programm hatte so etwas Buchhandelresistentes, ausdrücklich hatte man während der Vertretersitzung den kleinen Lyrikband über die Maßen gelobt, aber die waren ja auch völlig ironieresistent, haben nichts gemerkt, man ist eben immer zu vornehm. Nun denn, dann merken sie es eben jetzt, geben Sie schon her, wir tauschen um, die neuen Titel, Sie werden sehen. Und gleich sind sie wieder da, die freundlichen Gesichter.
Ja, doch, ein bisschen Theater darf schon sein, oder vielmehr, bei Licht besehen, ist das nicht alles jeweils eine kleine Inszenierung, gelernter Text mit eingestreuter Improvisation? War es nicht schon ein Kammerspiel, als der Autor dem Verleger und dann der Verleger dem Autor? Und dann, große Besetzung, die Vertretersitzung? Und nun wieder, das Zweipersonenstück?
Nur der Autor, als der seinen Text schrieb, war ganz für sich. So wie der Leser dann am Ende. Und wie der Vertreter auf der B 76 zwischen Kiel und Eckernförde.
Oder wird etwa das ganze Theater auch da noch fortgesetzt? Ist womöglich gerade dann die Zeit der großen Monologe? O ja, so ist es, das sind die Augenblicke der Leidenschaft, die Momente des Zorns und der angedrohten Rache. Aber auch die der klammheimlichen Freude, der satten Zufriedenheit, der leisen Verzweiflung nach noch leiserem Addieren. Es sind die Stunden der wahren Empfindung: ganz großes Theater, bei dem zum Glück nur eines fehlt das Publikum.
Die Buchhandlung am Gänsemarkt, da ist sie ja. Na, dann wolln wir mal.