"Der Dichter und die Brandstifter" - Henryk M. Broder über den Fall Salman Rushdie bei "Spiegel online":
Kann das wahr sein? Ist das die Zukunft der Berichterstattung: der inszenierte Kniefall? Auf CNN wird Lord Ahmed, der erste Muslim, der zum Mitglied des britischen Oberhauses ernannt wurde, zu Salman Rushdie befragt, der demnächst zum "Ritter" geschlagen wird. Rushdies Ernennung zum Sir hatte die "religiösen Gefühle" der islamischen Welt verletzt - wieder einmal. Lord Ahmed also: "Ich trete für die absolute Rede- und Meinungsfreiheit ein, aber diese Freiheit muss mit Verantwortung praktiziert werden." Der Reporter verzog keine Augenbraue. Er fragte nicht nach, wie absolut das "absolut" gemeint war und was von der Meinungsfreiheit übrig bleibt, wenn ein Buch mit einem Mordaufruf beantwortet wird. Zur Erinnerung: Vor 18 Jahren hatte Salman Rushdie mit seinen "Satanischen Versen" einige Mullahs in Iran so sehr erzürnt, dass sie ein Kopfgeld auf ihn ausgelobt hatten. Was war es im Einzelnen, das Lord Ahmed so wütend machte? "Er hat ein schlechtes Buch geschrieben, es beleidigt nicht nur den Propheten Mohammed, sondern auch Jesus und Maggie Thatcher, und das ist genauso schlimm." Der CNN-Reporter lächelt. Und nickt. Und schweigt.
"Postkutschenpferde der Kultur" - der Südkurier schreibt über die finanzielle Lage der Literaturübersetzer:
Aber nicht nur die öffentliche Wertschätzung des Berufs ist gering; prekär ist zumal die materielle Situation derer, die ihn dennoch ausüben. Man müsse sich Übersetzer als glückliche Menschen vorstellen, meinte Albert Camus einmal. Stimmt dies, so kann es, jedenfalls hierzulande, nicht an der Bezahlung liegen. Denn ein zufriedenstellendes Einkommen haben in Deutschland allenfalls Fachübersetzer. Sie übertragen Gebrauchstexte ins Deutsche und sind meist fest angestellt. Während der literarische Übersetzer in aller Regel freiberuflich arbeitet, und zwar nicht selten am Rande des Existenzminimums. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der literarischen Übersetzer in Deutschland wird auf rund 12000 Euro geschätzt. Davon gehen noch Steuern und Betriebsausgaben ab; Kranken-, Urlaubsgeld und dreizehntes Monatsgehalt gibt es auch nicht. Der Übersetzer Tobias Scheffel nannte es bei einer Diskussion im Rahmen der 6. Baden-Württembergischen Übersetzertage in Freiburg einen "Skandal", dass im Verlagswesen viele von ihrer Arbeit leidlich bis gut leben könnten, nur die Übersetzer nicht. Die notorisch schlechte Bezahlung kritisiert auch eine im Jahr 2002 in Kraft getretene Novellierung des Urheberrechts (gleich den Autoren hat ein Übersetzer rechtlich den Status eines Urhebers) und mahnt eine Änderung an. Seitdem herrscht Streit zwischen Übersetzern und Verlegern über die bis heute nicht erfolgte Umsetzung der gesetzlichen Vorgabe.
"Lose Blätter und Büroartikel" - Jens-Christian Rabe hat sich für die "Süddeutsche Zeitung" die Ausstellung über Ordnung im Deutschen Literaturarchiv Marbach angesehen:
Es ist der unverstellte Blick in die Gedankenwerkstatt der Autoren, der hier fasziniert. Ernst Jünger sammelt sinn- und sachverwandte Wörter zu "Hand", Oskar Pastior ausgeschnittene Buchstaben zum Anagrammieren, Rudolf Borchardt "Deutsche Namen ausländischer Gartenpflanzen" - und Kurt Pinthus "Sonderbare Juden" von Nostradamus bis zum Berliner Erfinder des öffentlichen Nahverkehrs, Simon Kremser. ... Nicht immer geht das elegante Konzept der vielgestaltigen Ausstellung, die nicht weniger 200 Exponate umfasst, so gut auf. Die Beispiele in den Abschnitten zum Puzzeln, Zählen, Träumen und Einordnen wirken in ihrer Zusammenstellung nicht immer zwingend. Beeindruckend viele aufregende Funde lassen sich dennoch machen.