"Thalia ist überall" - Uwe Wittstock in der Tageszeitung "Die Welt" über die Macht der Kettenbuchhändler:
Dennoch ist es nützlich, sich die ökonomischen Größenverhältnisse klarzumachen: In der gesamten Buchbranche kann sich mit Thalia inzwischen allenfalls noch die andere Buchhandelskette Weltbild und der Fachverlag Springer Media messen. Bereits Klett als zweitgrößte Verlagsgruppe, hat, dem Branchenblatt "Buchreport" zufolge, nur einen Jahresumsatz von 400 Millionen, Random House von 230 Millionen Euro. Die größten Publikumsverlage wie Rowohlt oder Fischer nehmen mit rund 70 Millionen dazu aus wie Winzlinge.Dieses wachsende wirtschaftliche Gewicht wird aller Erfahrung nach nicht ohne inhaltliche Folgen bleiben. Große Verlage, die auf hohe Umsatzzahlen angewiesen sind, werden sich über kurz oder lang mit der zehnfach größeren Buchhandelskette abstimmen müssen, um den Verkauf ihrer Titel so reibungslos wie möglich zu halten. Die Macht geht in der Buchbranche mehr und mehr von den Verlagen an die Händler über. Damit wächst die Gefahr, dass die Buchproduktion noch windschlüpfriger und austauschbarer wird. Denn ein an literarischen Qualitäten wenig interessierter Händler kauft gern ein, was sich schon in der vergangenen Saison gut verkauft hat. Jene sympathischen Querköpfe unter den Verlegern, die wirklich neue Buchideen durchzusetzen versuchen, werden dagegen schon seit langem immer seltener.
"Schwerhörig" - Florian Balke in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über die Kritik an der Literaturvermittlung ins Ausland, die am vergangenen Wochenende auf der Literaturbiennale in Frankfurt laut wurde:
Die Kritik galt neben der von der Bundeskulturstiftung betriebenen Neuerscheinungs-Website Litrix auch den von der Frankfurter Buchmesse in ausländischen Großstädten unterhaltenen Buchinformationszentren. Es gebe keine Vermittlungstätigkeit der Zentren, die man bei den Verlagen nicht besser oder schneller ausführen könne, sagte Kathrin Scheel, Leiterin Rechte und Lizenzen beim Frankfurter Verlag Schöffling & Co. Das reiche von der Informationsbeschaffung bis zur Erstellung von Probeübersetzungen. Weder über Litrix noch über die Buchinformationszentren habe man je auch nur eine einzige Lizenz ins Ausland verkauft. Stark kritisiert wurde die Übersetzungsförderung durch das Goethe-Institut. Was die Vermittlung von deutschen Autoren ins Ausland brauche, sei eine Förderung, die mehr Geld vergeben, aber auf Eingriffe in den Markt verzichten könne, sagte Petra Christina Hardt, Rechte-Chefin bei Suhrkamp und Insel. Zudem sei der für einen Förderantrag beim Institut notwendige bürokratische Aufwand einfach nicht mehr zeitgemäß, ergänzte Kerstin Schuster, Hardts Kollegin bei S. Fischer. Verlage müssten sich heute, gerade im schnellen Sachbuchmarkt, auf zügigere Entscheidungen über die Vergabe von Geldern verlassen können.
"Der späte Erfolg des Geistesingenieurs" - Über Bergen-Enkheims neuen Stadtschreiber Reinhard Jirgl schreibt die "Frrankfurter Allgemeine Zeitung":
Wer hätte diese Ehrung mehr verdient als ein Autor, der jahrzehntelang nur für die Schublade schrieb, weil er nicht hoffen dufte, jemals etwas davon publizieren zu dürfen. Und der sich, als es dann doch so weit war, sofort als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur etablierte. 1990 erschien das Debüt des 1953 in Ost-Berlin Geborenen: "Mutter Vater Roman". Da war er noch Beleuchter an der Volksbühne. In der DDR hatte er zunächst das Abitur nicht machen dürfen, sich dann aber über die Abendschule doch noch für ein Studium der Elektrotechnik qualifizieren können, das er 1975 abschloss. Stalin war es, der im Gespräch mit Gorki die Schriftsteller als "Ingenieure der Seele" bezeichnet hat. Jirgl war nun wirklich Ingenieur, und kaum übte er diesen Beruf auch aus, begann er zu schreiben. Sein Stil ist von höchster Präzision und einer seltenen radikalen Subjektivität.