Klagenfurt-Totalisator

Der Neue Markt der Literatur: Vom Guten, Schönen, Baren

27. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
Rechtzeitig vor dem Start des diesjährigen Bachmannpreis-Wettlesens in Klagenfurt hat die Riesenmaschine, ein von Mitgliedern der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA) um Vorjahres-Siegerin Kathrin Passig, Holm Friebe und Sascha Lobo betriebenes kollaboratives Weblog, eine Klagenfurt-Aktienbörse ins Netz gestellt – zum Zweck „frühzeitiger Favoritenerkennung“ und, wie es heißt, als Service für „überforderte Zuschauer, Lesemuffel und Verlagsagenten, die kieloben im Wörthersee treiben“.
Die Spielregeln des virtuellen Monopoly: Mit der Registrierung erhält jeder Teilnehmer 5.000 Dollar Spielgeld, die der Abwechslung halber nicht in Pharma- oder IT-Werte, sondern in „Scheuermann“, „Oesterle“ & Co., die Aktien der 18 Kandidaten, investiert werden. Die Aktien haben einen Einheits-Startwert von 5.55 Dollar; allein jene des frischgebackenen Bachmann-Preisträgers wird zum Börsenschluss am Sonntag zum Kurs von 100 Dollar zurückgekauft. Platz und Sieg? Wer am Ende das meiste Geld hat, gewinnt.

Damit die Anleger nicht blind in Werte investieren, wartet die Börsenaufsicht der Riesenmaschine mit wertvollen „stock informations“ auf: Säuberlich aufgelistet werden etwa die Zahl bislang veröffentlichte Bücher, Auszeichnungen und Google-Treffer der Kandidaten sowie – seit dem Vorjahr ein preisrelevantes Kriterium – ein Link zum jeweiligen Videoporträt. Hoch gehandelt am Klagenfurt-Totalisator werden kurz vor Beginn des Wettbewerbs Silke Scheuermann (O-Ton-Videoporträt: „So ein kleiner Plot im Gedicht schadet einfach nicht.“) und Riesenmaschine-Autor Jochen Schmidt („Das ist ja offensichtlich, dass ich meine Texte aus dem normalen Leben schöpfe.“). Ebenfalls weit oben in den Charts: Der von Iris Radisch vorgeschlagene Peter Licht („Das Geld, ist es schon überwiesen, eigentlich?“).

Viel wurde im Land der Dichter und Denker schon vom Doppelcharakter der „Ware Buch“, vom Spagat zwischen Kunst und Kommerz geschrieben. Den Erfolg eines Autors an der Performance seiner Aktie zu messen, scheint vor diesem Hintergrund nur konsequent. Ob die Aktion der 2006 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten Riesenmaschinisten die Offline-Variante von Klagenfurt dereinst ablösen wird, steht noch dahin. Witzig ist das Spielchen allemal – auch wenn man die als Sonderpreis ausgelobte „Nacht mit Jochen Schmidt“ nicht gewinnen sollte. Um es mit den Worten eines Kommentarschreibers zu sagen: „Spannende Geschichte – vielleicht lese ich am Ende sogar mal was von einem der Teilnehmer, während ich auf die Kursaktualisierungen warte.“