Interview mit Jörg Friedrich

»Ich fühle mich ständig durch die Geschichte provoziert«

28. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
Der Zweite Weltkrieg ist ein Dauerthema der Geschichtswissenschaft – das spiegelt sich auch in der kommenden Buchsaison wider. Der Autor Jörg Friedrich nimmt dabei in seinem demnächst erscheinenden Buch die ungewohnte Perspektive des Ostens ein. Für boersenblatt.net hat Wolfgang Schneider mit dem Provokateur unter den deutschen Historikern gesprochen. Und aus den Verlagsprogrammen hat er wichtige Neuerscheinungen ausgewählt, die er im aktuellen BÖRSENBLATT Heft 26, das heute erscheint, vorstellt.
Herr Friedrich, worum geht es in ihrem neuen Buch „Nemesis“? „Nemesis“ handelt von den Kriegen des 20. Jahrhunderts – aber nicht aus der Perspektive, die wir aus dem Schulbuch oder dem Fernsehen gewohnt sind. Da geht es immer darum, dass ein Störenfried (meist der Nationalsozialismus) einbricht in einen mehr oder minder harmonischen Zustand. Der Inhalt dieses Krieges ist es dann, diesen Störenfried zur Strecke zu bringen. Der Sieger setzt ein Recht durch. Nimmt man unseren beschränkten europäischen Blickwinkel ein, hat das tatsächlich zum letzten Mal 1945 funktioniert. Wo funktioniert es nicht, dieses Geschichtsbild? Die Weltkriege waren eben wirklich Weltkriege, und ich habe angefangen, sie einmal von der entgegengesetzten Seite zu betrachten. Aus der fernöstlichen Perspektive, aus der Sicht Japans, Indiens, Chinas, sehen sie ganz anders aus. Im Fernen Osten ging es nicht um einen Befreiungskrieg. Die Westmächte wollten das „weiße Asien“ und ihr koloniales Imperium bewahren, das die Japaner ihnen zu nehmen drohten. Selbstbestimmung für alle? Das galt, wie auch Churchill damals klarmachte, nur für die „erwachsenen“, „ernstzunehmenden“ Nationen, nicht für die Kolonialvölker. Das heißt: der Ordnungs- und Rechtszustand, den der Zweite Weltkrieg erkämpfen sollte, war für die Malaien, Indonesier, Vietnamesen und die ganzen Teilnehmer des Krieges in der östlichen Welthälfte ein Unrechtszustand. Den zweiten Weltkrieg als Befreiungskrieg zu beschreiben, entlockt den Menschen im Fernen Osten ein müdes Lächeln. Die Frage der Moralisierung des Krieges stellt sich dort überhaupt nicht – das habe ich bei „Brand“ gemerkt, an den Reaktionen des Publikums dort. Im Westen war die ständige Frage: Wollen Sie die Täter zu Opfern machen? Die Bombardierungsmächte zu Unrechtsmächten? Für das Publikum im Fernen Osten war dagegen klar, dass diese Bombardierungsmächte in erster Linie keine edlen Ritter waren, sondern Mächte, die einen Herrschaftszustand erkämpfen und behaupten. Die Japaner gelten als die Kriegsverbrecher des Fernen Ostens. Schreiben Sie diese Geschichte jetzt um? Die Japaner waren zweifellos ungeheuer brutale Eroberer, aber sie standen zugleich auf gegen einen anderen Eroberer, und das verschaffte ihnen starke Sympathien. Sie haben den Krieg propagandistisch als Befreiungskrieg geführt – Asien den Asiaten. Es ging gegen den gemeinsamen Feind, nämlich diese weiße Kolonialistenbande, die da seit mehreren Jahrhunderten saß. Die Japaner haben eine fürchterliche und grausame Herrschaft ausgeübt, sie sind schlimmer gewesen als alle Kolonialherren zusammen. Trotzdem hat man ihre Aggression als ersten Schritt in Richtung der asiatischen Selbstbestimmung gesehen. Nemesis ist die Göttin der Vergeltung und strafenden Gerechtigkeit. Wie ist das zu verstehen? Ich meine damit die Pyrrhussiege. Als die Japaner verjagt waren, glaubten alle – die Franzosen in Vietnam, die Holländer in Indonesien, die Briten in Indien –, jetzt hätten sie die Sache wieder unter Kontrolle. Stattdessen entglitt den Kolonialmächten im Zweiten Weltkrieg endgültig die Herrschaft. Für die unterdrückten Völker war dieser Krieg ein Vulkan, der ihre nationalen Selbstbestimmungsrechte an die Oberfläche schleuderte. Das ist der Ansatz meines Buches: Betrachten wir das 20. Jahrhundert einmal nicht vom deutschen Nabel aus, sondern im Zusammenhang mit dem weltweiten Prozess der Entkolonisierung. Für die Deutschen hört die Betrachtung ja meist da auf, wo die Wehrmacht nicht hingekommen ist. Vom pazifischen Krieg kennt man Pearl Harbour und Hiroshima. Das große Thema dieses Krieges, der große und vergebliche Selbstbehauptungsversuch von Imperien, ist dagegen kaum existent. Das ist eine Frage, die hierzulande aufgrund der verständlichen Konzentration auf das Problem der deutschen Schuld noch nicht angekommen ist. Und die amerikanische Forschung? Es ist für die amerikanische Wissenschaft ein großes Thema, ob der Krieg im Pazifik auf rassistischer Grundlage geführt wurde. Für Roosevelt, für Churchill, für die amerikanischen Generäle war es eine völlig klare Sache, dass es im Pazifikkrieg um die weiße Vorherrschaft geht. Entsprechend verhielten sich auch die Soldaten. Es war nicht so, dass da die Haager Landkriegsordnung gegolten hätte. Es gab seitens der Amerikaner kein Kriegsrecht. Es war ein „war without mercy“. Die Matrix des gerechten Krieges, die die Deutung des europäischen Krieges bestimmt, funktioniert hier nicht. Letztlich geht es in Ihrem Buch also um das Scheitern der militärischen Gewalt? Genau. Die Kriege tun nicht das, was Clausewitz und die politischen Opernregisseure von ihnen erwarten: eine politische Situation bereinigen, so dass ein neuer politischer Ausgangspunkt für eine Balance, eine neue Ordnung möglich wäre. Im Osten hört der Zweite Weltkrieg ja auch gar nicht auf. Zwischen 1945 und ’49 entfaltet sich im vermeintlich von den Japanern befreiten China der Bürgerkrieg, und die Kommunisten, die sich da durchsetzen, sind dann der große Gegner der Amerikaner in Korea. Da sind die Weltmächte des Zweiten Weltkriegs versammelt. Eine Million Chinesen kämpfen dort mit russischen Waffen, und die Amerikaner bomben die Koreaner, ein Opfervolk des Zweiten Weltkriegs, in die Steinzeit zurück. Dieser Luftkrieg ist alles andere als Schwert der Gerechtigkeit. Die Lust zu provozieren ist Ihnen nicht unbekannt? Wenn man darangeht, ein Buch zu schreiben, muss man doch etwas Neues zu sagen haben und nicht das Vorhandene in umgerührter Form noch einmal wiederholen wollen. Da tritt man dann aber dem Vorhandenen auf den einen oder anderen Zeh. Und was die Provokation betrifft – ich fühle mich ständig durch die Geschichte provoziert, wenn ich mich schon wieder frage: Verdammt, warum taucht das eigentlich nicht in unserem Geschichtsbewusstsein auf? Belgien zum Beispiel, die zweimal unschuldig überfallene Opfernation im Kontext der Weltkriege. Dass die belgische Kolonialgeschichte eine der allerbrutalsten war, mit zehn Millionen Toten im Kongo – das verunziert dieses Bild nicht, das wird verschluckt vom historischen Bewusstsein. Deshalb gibt es für den Historiker ständig etwas zu tun. Nemesis – allein in dem Titel wird auch wieder Ihr historisches Pathos spürbar. Was ich nicht negativ meine, denn wie soll man die infernalischen Leidensgeschichten anders als mit einem gewissen Pathos erzählen? Achten Sie sehr bewusst auf solche Aspekte der Darstellungsweise? In diesen Kriegen verdichten sich das Leiden und die Tragik in einer aller Moral spottenden Weise. Da ist die Frage des richtigen Tons ganz wichtig, damit die Dinge nicht ihre Dimension verlieren und verflachen. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, das Gefäß zu finden, in dem ich dem Leser die Ereignisse aushändigen kann. Martin Walser hat von Ihrer „tatsachengestützten Lakonie“ gesprochen. Lakonie ist Subtraktion. Man nimmt sich als Kommentator zurück und lässt den Leser mit der Wucht der Ereignisse allein. Man fängt als Autor die Erschütterung nicht ab. Wie umfangreich wird das Buch? 500 Seiten steht in der Vorschau. (Lacht) Wird ’n bisschen dicker. Wenn Sie mich vor einer Woche gefragt hätten, hätte ich gesagt: 700 Seiten. Jetzt hat mir der Russische Bürgerkrieg noch ein Bein gestellt. Auch darüber weiß man fast nichts im Westen, ein unglaubliches Gemetzel mit Millionen Toten, bei dem diverse Mächte nach Belieben in Russland herumpfuschten – das firmiert heute meist als „Revolutionswirren“. Da kommen also nochmal 50 Seiten drauf. Jetzt mache ich mir aber beinahe Sorgen. Wird das Buch denn überhaupt fertig? (Lacht) Das muss fertig werden! Wie gesagt, der Anfang war ein Artikel über den Bombenkrieg in Korea – und dann hat mich dieses Buch wie ein Strudel in die Tiefe gezogen. Seit zwei Jahren versuche ich, vom Grund wieder an die Oberfläche zu kommen. Zweimal habe ich dem Verlag zugemutet, das Buch zu verschieben. Das kann ich denen nicht nochmal antun. Es muss fertig werden. Da will ich Sie nicht aufhalten. Danke für das Gespräch!