Martin Mosebach im Gespräch

»Der Analytiker des Autors ist der Leser«

28. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
Der Büchner-Preisträger Martin Mosebach sprach auf Einladung des BÖRSENBLATTS mit dem Literaturkritiker Martin Lüdke über Nietzsche, die Religion, reaktionäre Einsichten und den Erzähler als Patienten. Lesen Sie hier Auszüge aus dem im aktuellen BÖRSENBLATT veröffentlichten Interview.
Es reizt Sie, gegen den Strom zu schwimmen. Sie bevorzugen, nicht nur als konservativ, sondern sogar als reaktionär bezeichnet zu werden … Mosebach: Ich würde das Wort reaktionär dem Wort konservativ deshalb vorziehen, weil es mir mehr entspricht. Es ist weiter weg von konkreten politischen Programmen. Die wichtigste reaktionäre Einsicht besagt: Die Welt ist unreformierbar, es gibt keine Rezepte, die Welt zu heilen. Daraus ergibt sich notwendigerweise ein Abstand zur konkreten Politik des Tages. Auch in Ihrem Buch »Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind« wenden Sie sich gegen Konzessionen an den Zeitgeist: das Aufweichen der strengen Form. Ich möchte dem eine Einsicht des Philosophen Ernst Tugendhat entgegenhalten, der meinte, dass Religion sicher auf ein anthropologisches Bedürfnis zurückgehe, ihre Aus-übung aber mit intellektueller Unredlichkeit einhergehe. Mosebach: Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass der erste Teil des Satzes stimmt, aber den zweiten wage ich zu bezweifeln. Ich glaube, es gibt auch von einem intellektuellen Standpunkt her akzeptable, vielleicht sogar notwendige Wege zur Religion. Wir brauchen die Religion, wenn wir an der Vorstellung festhalten wollen, dass der Mensch mehr ist als ein vernunftbegabtes Säugetier. Ohne die Religion müssten wir uns eingestehen, dass diese Vorstellung ein Wahn, ein Irrsinn ist. Vor diesem Eingeständnis schreckt der Normal-atheist aber zurück. Und was ist mit Nietzsche? Mosebach: Nietzsche besaß diese Radikalität. Deswegen größte Bewunderung für Nietzsche. Inwieweit spielen solche Gedanken in Ihren Romanen eine Rolle? Mosebach: Sie spielen, um das ausdrücklich zu sagen, keine bewusste Rolle. Ich bin Katholik, erkenne die Autorität der Kirche an. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, das Stück »Rotkäppchen und der Wolf« zu schreiben, bis oben hin voller Häresien. Ich mache sie mir nicht zu eigen, sie haben sich einfach in der Arbeit ergeben, besitzen ihre innere ästhetische Notwendigkeit. Ich setze mich nicht hin und sage: Ich habe diese und jene Überzeugung und jetzt mache ich daraus ein Buch. Ich glaube, dass das Erzählen seinen tiefen Sinn nur dann erhält, wenn man alles, was sich an Signalen, Assoziationen und Einfällen anbietet, erst einmal ungefiltert durchlässt. Ich stelle mir den Erzähler gern als Patienten eines Analytikers vor; er erzählt dem Analytiker einen Traum und der Analytiker erklärt ihm diesen Traum. Der Analytiker des Autors ist der Leser. Deswegen braucht ein Buch den Leser. Der Geist des Lesers ist eine Ergänzung dessen, was auf dem Papier steht. Er stellt das Buch mit dem Autor gemeinsam her.