Interview

»Die Ausrichtung auf mehrere Standbeine sichert unsere Wachstumschancen«

28. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
Der Umsatzsprung im vergangenen Jahr war beachtlich: B. I. & F. A. Brockhaus (Bifab) konnte 2006 zweistellige Umsatzzuwächse im Kerngeschäft wie auch den meisten anderen Geschäftsbereichen verbuchen. Doch wie sieht die Zukunft der Verlagsgruppe aus? Wo liegen die größten Wachstumschancen, wie wird sich das Lexikongeschäft angesichts zunehmender Internet-Nutzung entwickeln? Boersenblatt.net sprach darüber mit Alexander Bob, der im Oktober zur Cornelsen Holding wechselt, und mit Marion Winkenbach, die im Bifab-Vorstand das verlegerische Ressort von Bob übernommen hat.
Herr Bob, was war Ihr größter Flop bei Brockhaus? Bob: Das in Kooperation mit dem ORF produzierte »Österreich-Lexikon« 2005 war sicher eine bittere Erfahrung, aus der wir aber für die nachfolgenden Medienkooperationen viel gelernt haben. Das hat uns im vergangenen Jahr schon geholfen, gemeinsam mit Gruner & Jahr das »Geo«-Themenlexikon zu platzieren, das vor allem im Buchhandel ein großer Erfolg war. Es hat uns den Weg für weitere Medienkooperationen geebnet, die wir in diesem Jahr starten werden: die Fortsetzung des »Geo«-Themenlexikons mit weiteren 15 Bänden und eine weitere Medienkooperation, die ab November starten wird – da kann ich Ihnen den Partner noch nicht verraten. Und Ihr größter Triumph? Bob: Die eigenen Erfolge möchte man nicht so gern kommentieren, aber es gab in meiner Zeit bei Bifab sehr interessante Phasen und große Momente: die 21. Auflage der »Brockhaus Enzyklopädie« mit dem Messe-Event oder etwa die Neuauflage des »Duden« mit der extremen Resonanz in der Bevölkerung. Organisatorisch wäre vor allem die Ausrichtung der Verlagsgruppe auf mehrere Standbeine zu nennen: neben dem klassischen Lexikongeschäft der Kalenderverlag und die Schulbuchaktivitäten. Das hat doch wesentlich zu einer ausgeglichenen Bilanz beigetragen. Wo liegt das größte Wachstumspozenzial für den Verlag? Bob: Im Schulbuchgeschäft und im Kalenderverlag. Worin besteht die größte Herausforderung eines Lexikonverlags im Internetzeitalter? Bob: Die Qualität deutlich zu machen. Ich empfände es als Rückschritt, wenn die Zuverlässigkeit und Sicherheit keine Rolle mehr spielen würde. Die Menschheit hat Jahrhunderte, Jahrtausende geforscht, um präziser zu wissen. Das sollte in der neuen Zeit nicht verloren gehen. Frau Winkenbach, werden Sie auch künftig einen Bogen um Wikipedia machen oder denken Sie über Möglichkeiten der Zusammenarbeit nach? Winkenbach: Wikipedia und unsere Produkte – das sind zwei Paar Stiefel. Natürlich stellen wir auch strategische Überlegungen für den Online-Markt an, verfolgen aber konkret die Entwicklung von zielgruppengerichteten Portalen, die mal kostenfreien, mal bezahlten Inhalt anbieten. Meyers online bietet die Inhalte des Meyers Taschenlexikon kostenlos und bietet Community-Funktionen, das Brockhaus-Enzyklopädie-Portal gibt es nur für die Käufer der Enzyklopädie. Wir halten die differenzierte Strategie entlang unserer Kundenbedürfnisse für die erfolgversprechende. Könnte sich Brockhaus künftig nicht als Qualitätsprüfer für Online-Inhalte profilieren und eine Art »Brockhaus Gütesiegel« für geprüfte Inhalte vergeben? Winkenbach: Wir bieten durch die Arbeit der Brockhaus-Redaktion zertifizierte Inhalte an. Mittlerweile lizenzieren viele Internetanbieter unsere Substanzen. So finden Sie zum Beispiel den »Gesundheits-Brockhaus« auf dem Apothekerportal GesundheitPro.de. Wäre es nicht eine Geschäftsidee, anderen Informationsanbietern eine Qualitätsprüfung anzubieten? Winkenbach: In gewisser Weise haben wir das schon im Programm – beispielsweise beim »Duden Korrektor«, mit dem wir eine zertifizierte Rechtschreibung auch online anbieten. Mit Meyers online sind Sie einen Schritt in Richtung Web 2.0 gegangen. Es gibt einige Feedback-Funktionen für die Nutzer. Soll diese Plattform im Sinne von mehr Interaktivität weiter ausgebaut werden? Winkenbach: Anfangs gab es nur eine Kommentarfunktion, jetzt können die Nutzer in einen echten Dialog mit der Redaktion eintreten. Da sind vielfältige Nuancierungen denkbar. Wir müssen dabei aber immer im Blick behalten: Was will unsere Zielgruppe, und wie partizipiert sie am besten von unserem Angebot. Wenn Sie eine Neuauflage der »Brockhaus Enzyklopädie« planen sollten, wird es dann heißen »online first«? Und ist die Print-Version dann nur noch das Auslaufmodell? Winkenbach: Bei der Entwicklung, die derzeit im Markt herrscht, könnte es durchaus so sein, dass der Markt genau zu dem Zeitpunkt, zu dem wir die 22. Auflage planen, kippt. Im Moment sind wir ganz stolz auf unser Printprodukt und haben damit noch viel vor. Insofern ist das kein Thema, das sich akut stellt. DOI: 10.1391/BBL-Online.20070628-interview_alexander_bob