Presseschau

CartoTravel, Französische Literatur, Amitav Gosh

28. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
Die "Rhein-Main-Zeitung" beschäftigt sich mit dem möglichen Verkauf von CartoTravel an den Konkurrenten Mair Dumont. Weitere Themen: Französischsprachige Literatur und ein Interview mit dem indischen Autor Amitav Gosh.
"Sorge um die Heimat des Shell-Atlas" - Manfred Köhler schreibt in der "Rhein-Main-Zeitung" über die Zukunft von CartoTravel und blickt zurück auf frühere Markenwechsel im Kartographie-Markt: In dem vergleichsweise überschaubaren Kartographie-Markt hatte es schon die verschiedensten Konstellationen gegeben. So wurden die Falk-Stadtpläne einst in Bad Soden gezeichnet, bevor sie zu Mair gingen. Tatsächlich ähnelt das Kartenbild heutiger ADAC-Stadtpläne stark dem der Falk-Pläne früherer Jahre. Der Shell-Atlas wiederum nahm den umgekehrten Weg. Er kam über Jahrzehnte von Mair, bevor der Mineralölkonzern eine Kooperation mit dem ADAC und also mit Carto Travel begann. Während der Markt gedruckter Karten schrumpft, wächst die Nachfrage nach digitalen Kartensätzen. Knapp ein Fünftel seines Umsatzes erwirtschaftet Carto Travel inzwischen damit, wie Wiedmann berichtet. Hier ist die Konkurrenz allerdings groß. Immerhin hat Carto Travel mehrere Großkunden gewinnen können. Einer ist die Deutsche Post. Sie tüftelt mit solchen Daten an den optimalen Wegen ihrer Boten. "Adieu, Frankophonie" - In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtet Joseph Hanimann von Debatten in der französischen Literaturszene und über das Ende der nationalen Literatur: Nach dem Lärm um Jonathan Littells Bestseller "Les Bienveillantes" im vergangenen Herbst klingt die französische Literatursaison nun im gewohnten Parlando aus. Alle drei oder vier Jahre braucht die Gegenwartsliteratur Frankreichs offenbar jenen Lärm, um ungestört mit der kunstvollen Ich-Kräuselung, dem Schreiben übers Schreiben, den historischen Kostümromanen und bedeutsamen Belanglosigkeiten weitermachen zu können. Weltzusammenhänge, große Stoffe, Epochenereignisse flössen dem französischen Roman heute eher von den Rändern her zu, von zugewanderten Wahlfranzosen oder aus den Regionen Nord- und Schwarzafrikas, der Karibik, des Nahen Ostens, wird oft gesagt. Neu ist nun, dass sich dies auch in den Literaturpreisen niederschlägt. [... ] Das Überleben unserer französisch-, deutsch- oder wie auch immer nationalsprachigen Literatur hänge stark davon ab, wie weit diese ihren Pakt mit der Nation aufzukünden vermöge, schreibt auch Michel Le Bris, Leiter des zwischen Saint-Malo und Bamako pendelnden Literaturfestivals "Étonnants voyageurs": Der größte holländische Gegenwartsautor sei schließlich der aus Marokko stammende Abdelkader Benali, und eine deutsche Literatur ohne Feridun Zaimoglu, Wladimir Kaminer, Sherko Fatah, Marica Bodrozic wäre schon ziemlich ausgedünnt. Die Abkopplung von Nation, Literatur und Sprache verschiebt unerwartet auch die Koordinaten der Zugehörigkeit. Ein afrikanischer Autor zu sein bedeute für ihn nicht, dass er sich anderen Autoren seines Kontinents besonders nahe fühle, schreibt der aus Kongo stammende und in Kalifornien lebende Schriftsteller Alain Mabanckou, der für seinen Roman "Mémoires de porc-épic" im letzten Herbst in Paris den Renaudot-Preis erhielt. Der Nigerianer Wole Soyinka zum Beispiel bleibe ihm fremder als etwa Louis-Ferdinand Céline, den er im Original lese. Eine "kontinentale" Literaturauffassung habe gerade der Literatur Afrikas lange geschadet, indem sie sie in literaturfremde Gehege sperrte, meint Mabanckou: Die einzig entscheidende Grenze für die Literatur sei die der Sprache. "Eine Explosion von Optimismus" - "Der Standard" spricht mit dem indischen Autor Amitav Gosh, dem diesjährigen Preisträger des "Premio Grinzane Cavour" über Literatur in Indien: Standard: Kann Literatur in Indien noch etwas bewirken Ghosh: Zweifelsohne. Unlängst ist nach einem Vortrag ein Leser mit der Feststellung auf mich zugekommen: "Ihr Buch hat mein Leben verändert." Das sind Glücksmomente für einen Autor. In Delhi hat mir der Vizepremier versichert, er habe alle meine Bücher gelesen. Welcher Politiker liest heute im Westen noch Romane? Bei einem Vortrag in Bangalore ist mir Ähnliches passiert. Ein Mann, der in der letzten Reihe aufmerksam zugehört hatte, hat mir dasselbe erklärt. Ich habe dann erfahren,dass es der Gründer des Internet-Imperiums Infosys Narayana Murthy war - einer der wichtigsten Unternehmer Indiens. Er fährt noch heute einen Kleinwagen und schickt seine bescheiden erzogenen Kinder auf öffentliche Schulen. Die Manager seines Unternehmens haben eine Lohnerhöhung abgelehnt. [...] Standard: Ist Indien also das Literaturparadies der Zukunft? Ghosh: Zweifelsohne. Das Land hat allerdings eine untypische Literaturszene, denn es gibt ja nicht eine Nationalsprache, sondern über 20 verschiedene. Alle diese Sprachen werden von vielen Millionen Menschen gesprochen. Bereits im kommenden Jahr wird die Zahl der publizierten Bücher die 100.000-Marke übertreffen. In keinem Land der Welt wird mehr gelesen als in Indien. Das ist eine Entwicklung, auf die wir stolz sein können.