Nachruf

Zum Tod von Hans Franzen

4. Juli 2007
Redaktion Börsenblatt
Ein Nachruf von Dieter Wallenfels und Christian Russ zum Tod des Juristen und Autors Hans Franzen.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können…“ Das Nietzsche-Wort, das so gar nicht zum Bild des kühl-kalkulierenden Anwalts passen will, hat Hans Franzen gern zitiert. Und so war das, was er tat und schrieb: geprägt von Neugier und Phantasie, die originelle Wendung war ihm lieber als die juristische Formel. Nach dem Studium in Berlin promovierte Franzen in den 30er Jahren in Dublin und habilitierte sich bei Carl Schmitt. Aus der Ehe mit Inge Hansmann ging noch während des Krieges sein Sohn Michael hervor, heute ein in Südafrika erfolgreicher Geschäftsmann. Vom Krieg zurückgekehrt übersiedelte Franzen nach Wiesbaden, wo er 1948 seine Kanzlei - mit heute 13 Anwälten - gründete und zum Anwalt Wiesbadener Bürger und Unternehmer wurde. In den 50er Jahren veranstaltete er private Gesprächskreise; Persönlichkeiten wie Ernst Jünger, Franz-Josef Strauss, Eugen Kogon oder Georg-August Zinn waren in seinem Haus zu Gast. Zu Hans Franzens Mandanten zählten auch Familie und Verlag Brockhaus: Diesem Mandat entwuchs mit dem Sammelrevers (vielfach auch einfach „Franzen-Revers“ genannt) die jahrzehntelang gültige vertragliche Regelung der Buchpreisbindung in Deutschland, mit der Franzens Name verbunden bleibt. Bei der Entwicklung des Sammelreverses galt es für Franzen ein kartellrechtliches Problem zu lösen: ein System zwingend schriftlicher Verträge zwischen allen Verlegern und allen Buchhändlern zu formen, ohne dass die Händler Tausende von Unterschriften leisten mussten. Den Sammelrevers dachte sich Franzen, wie er einmal erzählte, an einem Sonntag auf seiner Terrasse aus und setzte ihn gemeinsam mit Friedrich Georgi, dem langjährigen Vorsteher des Börsenvereins, in der Branche durch. Die Verlage beauftragten Franzen, für sie die Preisbindungsverträge mit den Buchhändlern abzuschließen, die den Sammelrevers unterzeichneten. Und neu hinzukommende Verlage wurden durch die spiegelbildliche Bevollmächtigung eines Preisbindungsbevollmächtigten des Sortiments in das System eingebunden und schlossen mit nur einer Unterschrift Preisbindungsverträge mit sämtlichen Buchhändlern. Das System war – wie mehrfach gerichtlich bestätigt – gedanklich und praktisch lückenlos. Es war genial, gerade weil es so einfach war. Der Sammelrevers galt von 1966 bis 2002 und würde wohl noch immer gelten, hätte die EU-Kommission darin nicht eine zu starke Beschränkung des Wettbewerbs gesehen und letztlich eine gesetzliche Regelung notwendig gemacht. Im Ergebnis ist die heutige Regelung eine noch viel weitergehende Einschränkung des Wettbewerbs, da im Gegensatz zum Sammelrevers nun jedes Buch zwingend preisgebunden sein muss und die Wahlmöglichkeit der Verlage weggefallen ist – ein Paradoxon, das Franzen wohl bemerkte. Franzen war der erste Preisbindungstreuhänder und blieb es – später gemeinsam mit seinem Sozius Dieter Wallenfels – bis in die 80er Jahre hinein. In dieser Zeit verfasste er drei Auflagen der "Preisbindung des Deutschen Buchhandels“, der „Franzen-Fibel“. Das Buch ist - fortgeführt von Wallenfels und Russ – heute in fünfter Auflage eine Kommentierung des aktuellen Preisbindungsgesetzes, das eine Vielzahl der Regelungen des Sammelreverses übernahm. So wurde auch das von Franzen begründete Amt des Preisbindungstreuhänders im Gesetz festgeschrieben und mit einer eigenen Prozessbevollmächtigung ausgestattet. Für seine Verdienste wurde Hans Franzen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels als "Förderer des Deutschen Buches“ geehrt, eine nur selten vergebene Auszeichnung. Franzen verfasste eine Vielzahl juristischer Fachbücher und Aufsätze, er ist Autor des in drei Auflagen erschienenen Buchs "Anwaltskunst“. Das 20. – "sein“ – Jahrhundert hat er im biografischen Werk "Im Wandel des Zeitgeistes“ kommentiert. Die Erfahrungen eines langen Lebens ließen ihn für ein starkes Bürgertum plädieren, um die Pendelbewegungen des Zeitgeistes austarieren zu können. Die Entwicklung in Politik und Gesellschaft beobachtete Franzen bis zuletzt, inspirierend noch in hohem Alter beim Gespräch im kleinen Kreise. Der brillante Jurist und engagierte Zeitzeuge verstarb am vergangenen Donnerstag im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Wiesbaden.