Glosse

Nix zu lesen …

5. Juli 2007
Redaktion Börsenblatt
Die schwierige Wahl der richtigen Urlaubslektüre - eine Glosse von Guido Heyn.
Es ist so weit. Mein Urlaub steht kurz bevor, und ich überlege, welche Bücher mit auf die Reise gehen. Keine leichte Sache. Es gibt (fast) nichts Schlimmeres, als am Urlaubsort zu merken, dass die eingepackten Bücher kein Lesevergnügen, sondern Ballast sind. Wie lässt sich das vermeiden? Erste Möglichkeit: Man liest die Bücher, die man mitnehmen will, vorher. Nur so kann man wirklich sicher sein, dass sie auch gut sind. Nachteil: Man kennt sie schon, das Abenteuer eines neuen Leseerlebnisses fällt flach. (Es sei denn, man hat das Buch als Teenager gelesen, und seit dieser Zeit sind genug Jahre vergangen, so dass die inzwischen andere Weltsicht das Buch in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.) Zweite Möglichkeit: Man nimmt Bücher von Autoren mit, mit denen man bisher nur gute Erfahrungen gemacht hat. Kleiner Nachteil: Auch hier bleibt das Abenteuer eines völlig neuen Leseerlebnisses meist auf der Strecke. (Kommt auf den Autor an.) Dritte Möglichkeit: Man nimmt Sachbücher mit, die man beruflich sowieso lesen muss und die man schon seit Monaten vor sich herschiebt. Nachteil: Da kann man auch gleich zu Hause bleiben, oder es wird wahrscheinlich ein eher bescheidener Urlaub in Bezug auf den Lesegenuss. Vierte Möglichkeit: Man wählt einen Cartoon-Band. Anspruchslose, leichte, unverfängliche Kost und meist doch unterhaltsam. Nachteil: Das Verhältnis der Unterhaltungszeit (Lesezeit) zur Tragzeit und -last (im Koffer) ist sehr ungünstig. Schnell wünscht man, diesen Band nicht mitgenommen zu haben (Erfahrungswert). Fünfte Möglichkeit (für die Waghalsigen): Man nimmt die Bücher mit, von denen man annimmt, dass sie gut sind. Falls das nicht der Fall ist, versucht man die verbleibende (frei gewordene) Zeit sinnvoll anders zu nutzen (mit dem Lebensgefährten reden, mit den Hotelangestellten streiten – oder auch anders herum –, schwimmen, selbst ein Buch schreiben etc.). Sechste Möglichkeit: Man verlässt sich auf die Meinung anderer. Man liest Rezensionen über die in Frage kommenden Bücher oder fragt Freunde oder Kollegen nach ihrer Meinung zu dem Werk. Nachteil: Wissen aus zweiter Hand kann man nicht immer vertrauen. Und: Die Geschmäcker sind verschieden. Ein Buch, das mein Nachbar wahnsinnig spannend findet, empfinde ich vielleicht als Schlafmittel erster Güte. Siebte Möglichkeit (noch nicht durchführbar, aber in Planung): der Abschluss einer Urlaubsbuch-Nachsende-Versicherung. Gegen eine geringe Gebühr kann man sich an jeden postalisch erreichbaren Ort der Welt vom Buchhändler seines Vertrauens Bücher zuschicken lassen. So hat man jederzeit literarischen Nachschub, wenn man bei der ers­ten Auswahl völlig danebengelegen hat. Nachteil: Man muss dem Buchhändler mitteilen, welche Bücher man zugeschickt haben möchte. Tja, gute Frage: Welche denn diesmal? (Siehe oben) Fazit: Ich entscheide mich meist für die fünfte Möglichkeit –?auch wenn ein nicht zu unterschätzendes Restrisiko bleibt: Was ist, wenn es sonst keine Abwechslung gibt und das Schreiben am eigenen Buch nicht vorangehen will? Wenn man merkt, dass man dem Partner nichts zu sagen hat, nicht mal im Streit, und auch die Hotel­angestellten keinen Unterhaltungswert haben?! Aber das war bisher bei mir zum Glück nie der Fall. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Urlaub und mache mir inzwischen Notizen über Bücher, die sich dann als potenzielle Urlaubslektüre eignen. Die Frage ist nur: welche?