"Die Großen gewinnen" - Wieland Freund in der "WELT" über die neuesten Branchenzahlen:
Man konstruiere folgenden, sehr unwahrscheinlichen Fall: Ein Science-Fiction-Autor möchte eine Erzählung über einen Buchhändler schreiben. Wo, fragt er sich, würde dieser Buchhändler der Zukunft arbeiten? Geht es nach den soeben vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veröffentlichten Daten für das Jahr 2006, dann entweder in einem Bücherkaufhaus oder einem Internetunternehmen. Zwar sei, so formuliert es Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder, die allgemeine Entwicklung des Buchmarkts ein Grund zur Zufriedenheit - "allerdings sicher nicht für alle Branchenteilnehmer". Unzufrieden dürfen sein: Die kleinen Verlage und Buchhandlungen, denn ihr Stück vom großen Kuchen eines 9,3 Milliarden schweren Markts wird eher kleiner als größer. Die 1,1 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr haben sie kaum gespürt. Zufrieden hingegen dürfen, erstens, die großen Buchhandelsketten sein, die sich immer weiter ausbreiten, und, zweitens, der Internetbuchhandel, der seinen Umsatz um bemerkenswerte elf Prozent auf 703 Millionen Euro steigern konnte. Das ist immer noch nicht mehr als 7,6 Prozent des Gesamtumsatzes mit Büchern, ließe einen Science Fiction-Autor aber allemal aufhorchen. Er sieht ihn womöglich schon vor sich, seinen Pressemeldungen generierenden, "Alerts" automatisierenden Buchhändler der Zukunft, der Verlagen Werbeflächen verkauft und Bloggern Sonderkonditionen einräumt, wenn sie ihre "Buchtipps" mit seiner Site verlinken.
"Fürchte den Autor, der sich selber erfindet" -
Schriftsteller werden zu Selbstvermarktern, meint Jörg Sundermeier in der "Berliner Zeitung":
Der Agent hat kaum noch Zeit, der Verlag nicht das Geld, um Personal abzustellen. So sind die Autoren plötzlich auf sich allein gestellt. Sie sollen nicht mehr einfach nur Dichter sein oder gar "das Poetische" verkörpern, nein, sie müssen sich selbst vermarkten. Das liegt am veränderten ökonomischen Hintergrund. Der deutsche Buchmarkt hat sich in den vergangenen 15 Jahren entscheidend verändert. An die Stelle der so genannten "guten, traditionsreichen Buchhandlung" sind Buchhandelsketten wie Thalia, Weltbild/Hugendubel oder Mayersche getreten, die große Bestsellerstapel abverkaufen, zugleich allerdings die Anzahl der in den Filialen verfügbaren Titel drastisch reduzieren. Die gut sortierte Buchhandlung dagegen wird weniger frequentiert, denn diese entspricht mit ihren zumeist dunklen Räumen und der eindringlichen Unaufdringlichkeit, die geistigen Produkten zumeist eigen ist, nicht der Discount-Mentalität, die das Gros der deutschen Kundschaft mitbringt. Zudem entsteht im Internet ein gigantischer Gebrauchtbuchmarkt. Verlage müssen also anders rechnen. Nachdem über Jahre an der Mischkalkulation festgehalten worden ist, mithilfe derer die Erlöse aus den Büchern von großen Namen auch die Veröffentlichungen von unbekannteren Autoren mitfinanzierten, ist nun die Marge so knapp geworden, dass jedes Buch sein eigenes "Profitcenter" sein soll. Unter dieser Maßgabe arbeiten die Lektoren, die Lagerverwalter verlieren dementsprechend früh die Geduld mit einem Titel und verramschen ihn, die Buchhandlungen remittieren immer schneller und das Publikum glaubt nicht mehr daran, dass ein Buch ein Ding von bleibendem Wert sei. Selbst Erfolgstitel lassen sich oft schon nach einem Jahr bei Wohlthat's oder Jokers für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises erwerben. Für die Autoren wird folglich die Luft eng. Ihre Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte werden von den Händlern nicht mehr als ein entstehendes Werk verstanden. Nur bei einigen etablierten, gut verkaufenden Autoren wird das noch getan. Jedes Buch also muss sich aufs neue bewähren, nicht nur sich, sondern auch den Autoren neu bewerben. Die Werke von älteren wie jüngeren Autorinnen und Autoren trifft man in immer neuen Verlagshäusern an, die wiederum deren "alte Bücher" nicht mitbewerben. Der frühere Verlag wird diese Bücher verramschen, der neue sich scheuen, sie neu herauszugeben. Der Autor muss also ganz allein sehen, wo er bleibt. ... Autoren, die sich selbst vermarkten müssen, kommen oft zu spät mit ihren Einfällen. Schlimmer noch aber werden jene Autoren sein, die ihre Selbstvermarktung beherrschen - die kommenden Grönemeyers und Bonos der Literatur. Die sollten wir fürchten. Denn wir haben schon mit Grass und Walser genug zu schaffen.
"Satanischer Vorschlag" - Christian Esch kommentiert in der "Berliner Zeitung" Günter Wallraffs Idee, in einer Kölner Moschee aus Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse" zu lesen:
Das Werk, das von so vielen Muslimen verurteilt worden sei, sei diesen Menschen gar nicht bekannt. Wie aber könne man etwas verurteilen, ohne es zu kennen? Mit der Lesung und Diskussion solle der deutsch-türkische Moscheeverein Ditib jene Offenheit beweisen, die er selbst angekündigt habe. Das alles sagte Wallraff im Deutschlandfunk, in einer Gesprächsrunde zum Neubau der großen Moschee in Köln-Ehrenfeld. Man werde den Vorschlag prüfen, sagte der Ditib-Kulturbeauftragte Bekir Alboga. Die Antwort ist schön diplomatisch. Was aber soll man vom Vorschlag selbst halten? ... Der wortgläubige Wallraff ist offenbar überzeugt, dass die persönliche Begegnung mit Rushdies Text den Kölner Muslimen deutlich machen werde, dass es sich um das Werk eines "Satirikers" (Wallraff) handele, nicht um Gotteslästerung. Das ist naiv. Warum sollte für einen Frommen das eine das andere ausschließen? Und warum sollte ein Gläubiger sich darauf einlassen, ausgerechnet in seinem Gebetshaus Verse zu hören, die er für gotteslästerlich hält? Niemand kann es der Moscheegemeinde im geringsten übel nehmen, wenn sie auf den Vorschlag nicht eingeht.