Allmählich wird mir das unheimlich, das mit den lesenden Frauen. Wobei ich auf keinen Fall und schon gar nicht von Frauen missverstanden werden möchte. Nein, es ist unbestritten, dass sämtliche Publikumsverlage längst ihre Tore hätten schließen müssen, wenn sie auf den Mann als Romankonsumenten warten würden. Wolfgang Schneider hat dies neulich (BÖRSENBLATT 15 / 2007) beschrieben und gleichzeitig den androgynen Lesertyp der Zukunft heraufbeschworen. Wie gesagt: Das ist so, und wer immer eine Lesung belletristischer Werke besucht, erkennt mit einem Blick eine weibliche Dominanz, wie sie sich von der Altersstruktur mal abgesehen jede Internet-Singlebörse wünschen würde.
Mein Missfallen erregt vielmehr, dass man das Faktum der lesenden Frau allmählich zu einem esoterisch angehauchten Mysterium umformt und aus dem Akt der Lektüre eine magische oder revolutionäre Tat macht. 2005 zum Beispiel erschien Stefan Bollmanns höchst erfolgreicher Bildtextband »Frauen, die lesen, sind gefährlich« (meine Mutter und meine Schwester übrigens können damit nicht gemeint sein), versehen mit einem flammenden Vorwort von Elke Heidenreich. Diese betont darin die emanzipatorische Kraft des weiblichen Lesens, wiewohl sie Behauptungen aufstellt »Männer lieben aber in der Regel keine lesenden Frauen« , die ich allein, liebe Elke Heidenreich, mühelos widerlegen könnte.
Im Gefolge von Bollmann & Heidenreich freilich zeichnen sich am Bücherhorizont Nachfolgeprodukte ab, die wenig aufklärerischen Geist verraten. Eine einfache Überlegung scheint das Denken der Programmmacher dabei geleitet zu haben: Wenn viele Frauen Bücher lesen, dann wollen auch viele Frauen Bücher über lesende Frauen lesen. Eine Logik, nebenbei bemerkt, die, auf Klinsmann-Anhänger bezogen, bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft nur mäßig funktionierte. Wie auch immer: Im neu gegründeten Thiele Verlag erscheint im September Sabrina Melandris »Lesende Frauen«, dessen Untertitel »Anmut und Verzauberung« schon stutzig macht. Ganz zu schweigen von den einfühlsamen Worten der recht jungen, mit 5?000 Büchern und einem Engländer in Cinque Terre lebenden Autorin: »Jede Frau, die liest, ist etwas ganz Besonderes. Sie ist zu bewundern. Und zu beneiden. Denn sie trägt einen Garten bei sich, in den sie fliehen kann, wann immer es ihr beliebt.«
Ehrlich gesagt sind mir botanisch hyperaktive Frauen seit jeher verdächtig. Möchte ich wirklich Damen kennenlernen, die ständig einen Schrebergarten oder Ähnliches mit sich herumtragen? Aber wie mir die Vorschau verrät, bin ich ohnehin nicht gemeint: »For Women only« steht in der Headline wenn dieser männerdiskriminierende Hinweis mal kein juristisches Nachspiel hat!
Der Ordnung halber sei erwähnt, dass bei Artemis & Winkler bereits im Juli ein Kalender erscheint mit dem völlig überraschenden Titel »Lesende Frauen«. Ich lehne das ab und möchte zur Abwechslung mal die Bekanntschaft einer absolut leseunlustigen Frau machen, einer, die Schraubenschlüssel, Latthämmer oder Bierdeckel sammelt. Ein Buch »Bierdeckel sammelnde Frauen« wird es nicht so schnell geben.