Presseschau

Harry Potter, Hotzbrinck, Kleinverlage

16. Juli 2007
Redaktion Börsenblatt
Muss Potter sterben?, Wird das Gute siegen? Und was wird vom Weltbestseller bleiben? Wieland Freund hat in der "Welt am Sonntag" die sieben wichtigsten Fragen gestellt. Weitere Themen: Holtzbrincks Einkaufstour im Netz und die Kleinverlegermesse am Wannsee.
"Weltliteratur von Zauberhand: Harry Potters Geschichte geht zu Ende" - von Wieland Freund. 6. Hat "Harry Potter" den Buchmarkt verändert? Eine schöne Geschichte erzählt Klaus Humann, Chef des deutschen Potter-Verlags Carlsen: Er habe die deutschsprachigen Rechte für die ersten drei Bände 1996 für einen fünfstelligen Markbetrag erwerben können. Zuvor hätten andere Verlage abgelehnt. Warum? Mit 335 Seiten war ihnen Band eins einfach zu dick. Heute spielt der Umfang eines Kinderbuchs auf der jährlichen Kinderbuchmesse in Bologna, dem internationalen Umschlagplatz für Jugendliteratur, keine Rolle mehr. Ohnehin verschwimmen die Grenzen von Kinderbuch und Erwachsenenbelletristik seit "Harry Potter" bis zur Ununterscheidbarkeit. Etwa 50 Prozent der Leser von "Harry Potter and the Deathly Hallows" werden wohl Erwachsene sein. Und noch eine Pioniertat: Der englische Potter-Verlag Bloomsbury vertreibt seine Titel in Deutschland mittlerweile direkt, "Harry Potter" war der erste englischsprachige Titel an der Spitze der deutschen Bestsellerliste. Überhaupt ist die Potter-Saga wohl eher das Produkt der globalisierten Mediengesellschaft, als dass sie die Rückkehr zum guten alten Buch bedeutet. Bereits seit den Achtzigerjahren gibt es diesen Trend zum "globalen Bestseller", der erst im Medienverbund entsteht: ein Roman, gefolgt von einem Internet-Hype, Kinofilmen und Computerspielen. Ein Buch für alle - mag es nun "The DaVinci Code" oder auch "Harry Potter" heißen. "Auf Einkaufstour im Netz" - von Patrick Bernau Im Internet haben die Verlage mit ihren großen Marken keinen Erfolg. Keine einzige Website eines klassischen Mediums hat es unter jene erfolgreichen zehn Seiten geschafft, die in Deutschland am längsten genutzt werden. Das haben die Marktforscher bei Nielsen Netratings herausgefunden. Darum setzen Verlage wie Holtzbrinck in der zweiten Web-Welle darauf, völlig neue Marken zu entwickeln oder einzukaufen. "1999 hatten wir nur amerikanische Käufer", hat der Internet-Finanzier Oliver Samwer einmal gesagt. "Heute ist das anders." Nun bieten mit dem Holtzbrinck-Verlag und seinen Konkurrenten auch deutsche Unternehmen mit. Beispiel StudiVZ: Um diese Seite kämpften Holtzbrinck, Springer und das amerikanische Studenten-Netzwerk Facebook - am Ende zahlte Holtzbrinck wohl stolze 80 Millionen Euro. Über solche Gefechte freuen sich die Gründer und die Finanziers. Denn zusätzliche Bieter treiben fast immer die Preise in die Höhe. "Klares Profil in der Nische" - von Andreas Resch Diese Ausführungen offenbaren, wie groß die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung mitunter sein kann. Denn seit einiger Zeit wird in den Feuilletons so vehement auf den Erfolg der kleinen, quirligen, jungen Verlage - wie eben Jung und Jung - hingewiesen, dass man oftmals vergisst, wie wenig das schon mit kommerziellem Erfolg zu tun haben muss. Die meisten dieser Kleinverlage gehen hohe finanzielle Risiken ein und schrammen bisweilen jahrelang nur knapp am Bankrott vorbei. Wie es tatsächlich um sie bestellt ist, davon konnten sich die Besucher am Sonnabend im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) auf der zum zweiten Mal veranstalteten Gartenmesse der Kleinverlage ein Bild machen. ... Dass es durchaus sinnvoll sein kann, Althergebrachtes auszuprobieren, beweist der Münchner Verlag Liebeskind, der das "Modell Verlagsbuchhandlung wieder aus der Mottenkiste geholt hat", wie Verlagsleiter Jürgen Christian Kill erklärte. Mit den Buchhandelserlösen kann Liebeskind die Fixkosten decken, gleichzeitig dient die Buchhandlung als Werbefläche für Neuerscheinungen. Solcherlei Ideenreichtum, kombiniert mit Idealismus und Mut zum Risiko: Das ist es, was die Kleinverlage von den großen unterscheidet. Ein Patentrezept gibt es nicht. Jeder tut das, was er am besten kann, und viele können so zumindest überleben. "Der Leser", das hat auch Jochen Jung erkannt, "ist da." Er muss nur noch zu den Büchern finden.