Glosse

Auf der Suche nach dem perfekten Exemplar

19. Juli 2007
Redaktion Börsenblatt
Vor einiger Zeit, im Comicladen meines Vertrauens: Ein ca. 45jähriger Mann stand vor den kleinen Stapeln mit den diversen Manga-Neuheiten. Nahm sich einen der Stapel - ca. 7 Exemplare des selben Titels - und fing nun an, die Comics genauestens unter die Lupe zu nehmen.
Verglich den Rücken, die Unterseite, Oberseite, suchte nach geknickten Seiten und sah sich das Cover an. Immer wieder verglich er, sortierte dann ein Comic nach dem anderen aus, bis er dann das Exemplar, mit dem besten Zustand gefunden hat. Dies wiederholte sich noch bei ein paar weiteren Stapeln. Mit seinen so sorgfältig ausgewählten Comics ging er dann an die Kasse. Nach dem Bezahlen wurde er gefragt, ob er denn eine Tüte haben wolle, leider nickte er leichtfertig. Denn schwupps, schnappte sich der Comicverkäufer die Tüte und beförderte die so sorgfältig ausgewählten, makellosen Comics achtlos, mit ordentlich Tempo in besagte Tüte. Das Gesicht des Mannes wurde schlagartig blass. Zwei Wochen später sah ich ihn erneut im Comicladen. Und wieder suchte er akribisch die besten Exemplare aus. Aber diesmal holte er beim Bezahlen schon eine eigene Tüte aus seiner Tasche hervor, nahm die Comics schnell aus der Reichweite des Verkäufers und verstaute seine Schätze. Ich fragte mich daraufhin nur Folgendes: Wie unglaublich vorsichtig mag dieser Comic-Liebhaber wohl die Comics lesen?! Oder, ob er wohl eventuell sogar alle Comics doppelt kauft, eines zum Lesen, eines fürs Regal? Dann stellte ich mir vor, wie dieser Mann wohl - falls er so etwas las -, völlig verzweifelt in einer Großbuchhandlung vor den Paletten mit den Dutzenden von Stapeln des neuen Harry Potter stehen würde. Ein bißchen tat er mir in dieser Vorstellung dann leid. Ich nahm mir daraufhin aber auch vor, meine nächsten Comics und Bücher nicht mehr so achtlos wie bisher auszuwählen.