Meinung

Der verwaiste Thron

19. Juli 2007
Redaktion Börsenblatt
Was tun, wenn es keinen mehr gibt, der für alle spricht? Fragt Jochen Jung.
Nein, die Klage ist nicht neu, aber wir fangen jetzt trotzdem noch mal damit an: So einen wie Siegfried Unseld haben wir nicht mehr. Wobei hier mit »wir« die gesamte deutschsprachige Verlegerschaft gemeint ist, um nicht zu sagen: die Verlagswelt, all jene also, die sich professionell um das Entstehen und Vertreiben von Büchern kümmern und darüber nicht vergessen haben, dass Bücher außer einem Content auch einen Inhalt haben und dass man sich im Zweifelsfall auch um den kümmern muss. Öffentlich. Unseld also. Was aber hatten wir von ihm? Nun, vor allem das: Wir hatten einen, von dem wir sagen konnten: Er ist unser Bester. Mehr als Primus inter Pares, einfach der Beste. Salesman und Gentleman, gebildet, selbstbegeistert und rhetorisch gut. Er war einer, der für etwas stand und auf den man zeigen konnte, wenn es um das ging, um das es uns ging. Vorbilder, geschweige denn Modelle gibt es in unserer individualistischen Branche allerdings nicht, und auch Siegfried Unseld war keines. Dafür sorgten nicht zuletzt seine eigenen erfolgreichen Nachfolgerverfolgungen. Interessant freilich, dass gleichzeitig mit ihm ein anderes Modell von der Bühne abtrat, von dem wir die längste Zeit gedacht hatten, dass das die Verleger von heute, wenn nicht gar von morgen seien: auch sie Salesmen und Gentlemen in einem, auch sie gebildet und selbstbegeistert, und rhetorisch vielleicht noch brillanter, vor allem aber irgendwie zeitgemäßer, internationaler sozusagen, geradezu globaler. Sie sind’s nicht mehr. Solche wie Michael Naumann, Arnulf Conradi, Reinhold Neven Du Mont. Kaum, dass diese Kollegen es vorgezogen hatten, ihre Talente anderswo wuchern zu lassen, haben wir die Frauen entdeckt, die Verlegerinnen, und es sind wahrhaftig von Katharina Wagenbach bis Daniela Seel ganz wunderbare Gestalten darunter. Aber sind sie die Repräsentanten, die jede Zunft braucht? Wollen sie das überhaupt sein? Sie wollen nicht, warum auch immer, weder die Eigentümerinnen noch die aus dem Management der Konzernverlage, weder Antje Kunstmann noch Regina Kammerer. Zum Beispiel. Oder haben sie womöglich nur rechtzeitig verstanden, dass die Repräsentationsidee an sich längst überholt ist? Ist vielleicht diese ganze Verlegernummer démodé in Zeiten, wo Marketing und Werbeabteilung die Corporate Identity entwerfen und die Branchenprobleme von Beamten und Lobbyisten in Brüssel gesoftet werden? Dann gingen ja selbst die Zwischenrufe ins Leere, die sich da schon die ganze Zeit mit »Michael Krüger« melden. Aber haben Funktionäre wirklich dieselben Sorgen wie die Selbstverantwortlichen? Klingt ihre Stimme nicht zwangsläufig anders? Und sollte nicht gerade in einer Zeit, in der wirtschaftliche Argumente alle übrigen Überlegungen immer dramatischer ins Abseits drängen, auch aus der Mitte der Buchwelt dann und wann etwas zu hören sein zum Beispiel über »Bildung und Ausbildung«, »Die soziale Kompetenz der Konzerne«, »Brauchen wir ein Standesbewusstsein?« oder gar »Haben wir den verminderten Mehrwertsteuersatz noch verdient?« Meine Damen? Meine Herren?