Presseschau

Alle sind verrückt nach Harry!

20. Juli 2007
Redaktion Börsenblatt
Thomas Kielinger erklärt in der "Welt" die zwiespältige Sehnsucht nach dem "Potter"-Finale. Weitere Themen: "Potter", "Potter" und ... "Potter".
"Ja, warum nur, warum sind wir so verrückt nach Harry?", fragt Thomas Kielinger in der "Welt". "In England wird den Kindern schon früh die Lust beigebracht, die Welt auf den Kopf zu stellen und dem Nonsens zu frönen. Während deutsche Kinder gern die Vogelhochzeit besingen und im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt, singen die englischen vom absurden "Grand Old Duke of York", der seine Soldaten völlig ohne Verstand den Hügel hinauf- und hinabmarschieren lässt, "und wenn sie nur auf halbem Wege waren, waren sie weder oben noch unten". Edward Lear lässt grüßen, und natürlich "Alice im Wunderland" und ihre grandios grotesken Erlebnisse. Überall entdecken wir zudem eine gute Portion britischer Aufsässigkeit, die alles Staatliche, Autoritäre, Bürokratische gern mit höhnischer Ironie unterwandert. Ach, wie die Rowling uns aus dem Herzen spricht! Was ist tadelnswert an einer Autorin, die sich in die Tradition ihrer nationalen Weltwahrnehmung stellt und hinreißende Szenen von Scherz, Satire und tieferer Bedeutung auftischt in einem beneidenswerten Strom der Einfälle? Und das zu 90 Prozent in Dialogform, einer anderen anderen Eigentümlichkeit englischer Erzählkunst, die ein sehr gutes Ohr voraussetzt für kommunikative Kultur und die Menschen, die sich durch Rede charakterisieren, ob Jugendliche oder Erwachsene. Das hat der englische Roman mit dem englischen Theater gemeinsam - an beiden Orten verlässt der Mensch seine Innerlichkeit und betritt den Raum gestaltender Rede, um sich dem Wagnis Leben zu stellen. Auch das reicht in britische Schulerziehung hinein, wo in Theater- und Debattierklubs früh Selbsterfahrung geübt wird." Über die "heißesten Wochen" von "Potter"-Übersetzer Klaus Fritz berichtet Karin Großmann in der "Sächsischen Zeitung". "Leicht macht es ihm die Autorin in keiner Weise. Joanne K. Rowling baut hochkomplexe Gedankengebäude. Darin inszeniert sie ein intelligentes Versteckspiel mit Figuren und Fakten aus der Mythologie, aus klassischen Dramen und Science-Fiction-Storys, verweist kreuz und quer auf politische und philosophische Phänomene. Wer ihr wirklich in jeden Winkel folgen will, muss ein präziser Denker sein. Und man mag über die penetrant ratternde Medienmaschine rund um Harry Potter ruhig die Nase rümpfen - dass Romane mit literarischem Großanspruch zu Bestsellerehren kommen, passiert selten. Es spricht sehr für die Leser. Und für die Übersetzer. Klaus Fritz traf vom ersten Satz an den richtigen Ton. Er lässt seine Textfassung an der langen Leine laufen. Ein klangvolles Wort mag er lieber als ein lediglich korrektes. Er hat einen Nerv für den schrägen Humor der Autorin und für die sprechenden Namen der Figuren. Wunderbar erfindet er Wortspielereien nach, allerliebste Alliterationen. Er erfindet auch neu. Den Irrwicht gab es bisher ebenso wenig im Deutschen wie Flubberwürmer oder das Magische Unfallumkehrkommando." Über die "denkwürdigen Querelen" vor Erscheinen des neuen "Potter"-Bands schreibt Claus Philipp im "Standard". "Fast möchte man meinen, die jüngst aufgetretenen "Lecks" und (nur mäßig schockierenden) Fälle von "Piraterie" seien Teil einer subversiven Verlagskampagne, die nichts anderes erzählt als: Seht mal, wie dringend die Menschheit dieses Buch braucht! Manche werden sogar kriminell, um es früher als die anderen lesen zu können! Dass ein derartiger Hype mit seriösen Mitteln zu erreichen wäre - dies scheint kaum noch jemand ernsthaft in Erwägung zu ziehen."