Kinderbücher unterhalten und belehren, erziehen und verwirren, bringen ihr Publikum zum Lachen und zum Staunen. Und sie werden von Optimisten gekauft, die unerfreuliche Themen, ungemütliche Bilder und unangenehme Fragen von ihren Kindern fernhalten wollen, indem sie ihnen den Zutritt zum Buch verwehren. Das ist vielleicht nicht nur optimistisch, sondern auch reichlich naiv.
Verlage wissen das und spielen mit: Kein Streit auf dem Cover und wenn doch, dann mit einem klaren Hinweis auf die Versöhnung am Schluss. Keine Trennung es sei denn, man kommt irgendwie wieder zusammen oder Mamas neuer Freund ist netter als Papa. Was nur auf den ersten Blick sein darf auf den zweiten ist Papa genauso nett, und am Ende wird ein großes Fest gefeiert wie bei Asterix.
Dieser Optimismus wird erst richtig lustig, wenn man über die Landes- und Marktgrenzen schaut: Bilderbuchamerikaner glauben offenbar, dass bei Berners Wimmelbilderbuch mit einer politisch korrekten und anatomisch verkehrten Retusche an einer Menschendarstellung heutige Kinder zu späteren Pornografiegegnern werden. Weitere Beispiele? Der kleine Hase in »Ich kann das!« hat zu viel und zu hastig gegessen. Nun hat er Bauchzwicken und muss dringend auf Toilette. So hatte ihn die Illustratorin denn auch gezeichnet: von der Seite auf der Toilette, die Beinchen in der Luft baumelnd, den grimmigen Blick auf den Betrachter gerichtet. Das Buch sollte auch in den USA erscheinen aber es gab einen Einwand: »The picture of the rabbit in the bathroom is too aggressive«! Die Illustratorin hat daraufhin ein neues Bild gemalt: Die Tür zum Badezimmer ist zu, und nur der davor wartende Teddy ist ein Hinweis auf den Hasen drinnen.
Ein Messer, das in einer Bilderbuch-Bäckerstube von der Wand hing, wurde als zu »gefährlich« eingestuft und trug dazu bei, dass das Buch nicht in den USA erscheinen konnte. Eine von Lisbeth Zwerger illustrierte Kinderbibel durfte in den USA erst erscheinen, nachdem Photoshop sei Dank! Evas lange Haare über ihren Busen gelegt wurden. Und der kleine Punkt unter dem Kaninchenschwänzchen der Serienfigur Pauli musste für die US-Ausgaben mit lästiger Regelmäßigkeit wegradiert werden. Der Fairness halber muss ich erwähnen, dass es nicht immer die Amerikaner sind. Vor ein paar Jahren habe ich einen niederländischen Erstleseroman bearbeitet: Papa ist ausgezogen, eines Abends kommt ein Mann zu Besuch und setzt sich zu Mama aufs Sofa, sie plaudern und lachen. Das Problem: Mamas Rock war zu kurz.
Was in Amsterdam als der Situation und Tageszeit angemessen empfunden wurde, rief in Zürich und Hamburg ein Naserümpfen hervor. Durch Photoshop bekam Mama einen züchtigeren Rock, und die deutschsprachigen Optimisten waren zufrieden.
Dass Kinderbücher die Nähe zum jeweiligen kulturellen Hintergrund suchen, ist verständlich, und dies sollte, gelegentliche Absurditäten hin oder her, mit Gelassenheit betrachtet werden. Trotzdem: Wo derlei Bedenken Vorurteile und überkommene Ansichten zementieren helfen, anstatt sie mit Neugier und Humor zu überwinden, wünscht man sich mehr Mut und etwas weniger Optimismus.