Es gibt sie noch: die festen Werte, die kompromisslose Moral. Nein, nicht von Mord, Diebstahl oder der bösen Lust auf des Nächsten Weib ist die Rede, sondern von einem ungeschriebenen Gebot bei der Edition des Schönen, Guten, Wahren: »Du sollst keine Klassiker kürzen!« Andernfalls gilt: Wer Klassiker kürzt und verfälscht, oder gekürzte oder verfälschte Klassiker sich verschafft und in Verkehr bringt, wird mit dem Verdacht erheblichen Banausentums nicht unter zwei Jahren bestraft.
Kürzlich ging die Meldung um, ein englischer Verlag wolle eine Reihe mit gekürzten Klassikern herausbringen. Die Begründung: Das Leben sei zu kurz, um alle Bücher zu lesen, die man lesen möchte. Dann lieber gekürzt als gar nicht. Als ich unter Freunden probeweise die Ansicht vertrat, das sei doch keine schlechte Idee, wurde Entrüstung laut. Kafka gekürzt? Entsetzlich! Und bei Romanmassiven wie Prousts »Recherche« gehören die Mühen der Langlektüre eben zu den Freuden des Initiiert-Seins. Egal welches Buch ich zur Kürzung vorschlug, allein das Ansinnen schien den Befragten geradezu unappetitlich.
Ein bisschen merkwürdig ist das schon. Bei klassischen Dramen sind wir gewohnt, dass der Regisseur seine Schlachtplatte daraus zubereitet. Auch für »texttreue« Inszenierungen gilt: »Hamlet« aber gerne, wenn er um die Hälfte gekürzt und damit auf eine annehmbare Länge gebracht ist. Man will schließlich hinterher noch etwas Trinken gehen. Auch beim Hörbuch nehmen wir Kürzungen selbstverständlich in Kauf. Wer will schon Dickens »Pickwickier« in voller Länge hören? Das würde etwa 40 Stunden dauern! Schön, dass die Hörfassung mit sechs auskommt. Und Rolf Boysens Lesung des »Moby Dick« bleibt eines der allergrößten Hörbuch-Erlebnisse, auch wenn dafür mehr als die Hälfte des exzessiven Walfangschmökers gestrichen wurde.
Kein Missverständnis auch ich finde es schöner, wenn Originale gelesen werden. Und natürlich kann das mit der Kürzung auch schwer danebengehen. Als Student erwarb ich im Antiquariat ein Extrakt von Rousseaus »Bekenntnissen«. Im Vorwort durfte ich den Satz lesen: »Übrigens ist in der vorliegenden Ausgabe das Peinliche sexueller Szenen durch Streichung gemildert.« Auch war die »Tilgung garstiger Naturalismen« vorgenommen worden. Natürlich beschaffte ich mir gleich die Komplettversion 917 Seiten!
So ist das also nicht gemeint mit der Kürzung. Verfälschende Eingriffe in die Sprachgestalt, und sei sie noch so »garstig«, haben zu unterbleiben. Und es gibt natürlich Ausnahme-Werke, die dermaßen in sich geschlossen sind, dass man aus ihnen nichts herausbrechen kann, ohne das Ganze zu beschädigen. Je größer die Aura des Meisterwerks, desto heikler wird das Kürzungsgeschäft. Bei Barockromanen ist die Phase der Auratisierung allerdings meist abgelaufen. Und auch die oft als Fortsetzungsromane entstandenen Klassiker des 19. Jahrhunderts überleben beherzte Amputationen in der Regel gut was immer uns die unkritischen Fetischisten des Originals, die alles für gleichermaßen unentbehrlich halten, einreden wollen. Wie meinte doch der große Alfred Döblin: Das epische Werk sei gerade dadurch gekennzeichnet, dass man es »in Stücke schneiden« könne, von denen jedes für sich lebensfähig bleibe. Also: Gute Romanchirurgen an die Arbeit!