Zwischenruf von Andreas Meyer zur KNV-Pleite

"Jede Menge laute Stille"

12. April 2019
von Börsenblatt Online
Was fällt auf bei der KNV-Pleite? Schweigen. Kollektive Sprachlosigkeit. Und so nimmt das Drama seinen Lauf, findet Andreas Meyer, Gründer von Verlagsconsult: "Alle diskutieren wie wild, aber nicht öffentlich". Und die wichtigste Stütze des Buchhandels, die Buchkäuferin, würde beim "Branchenraunen" schlicht ausgeblendet.

Wenn Schluss mit dem Insolvenzgeld ist, sagte Christian Sprang, der Justiziar des Börsenvereins, bei einer Infoveranstaltung, wird es ganz schnell gehen. Schön für die Hauptgläubiger, die Banken. Und sonst so? Bei den Informationsveranstaltungen des Börsenvereins: keine kritischen Fragen. Bei der Berichterstattung: mit Ausnahme von zwei Sortimentern keine kritischen Einwürfe. Oder bei einer, wie ich selbstkritisch konstatieren muss, von mir in Leipzig initiierten, ebenfalls wenig erhellenden Runde mit den wichtigsten betroffenen Protagonisten der Branche: Bekenntnisse ja, kritische Statements nein. Wo ist die Kontroverse? Das Seltsame: Es findet sich weder eine dezidiert optimistische Haltung, noch eine kulturpessimistische Dystopie. Dafür jede Menge laute Stille.

Woher kommt diese Paralyse? Liegt es an den Kaufleuten der Branche, können oder wollen sie nicht sprechen? Denn es ist zweifellos ihr Metier, es geht erst einmal um technische, logistische, betriebswirtschaftliche Fragen. Schwingt Angst mit, zu den langfristigeren Konsequenzen einer Insolvenz Stellung zu beziehen, die weit die über logistischen und finanziellen Genickbrüche hinaus gehen? Ja, was genau passiert mit der Branche, mit dem Markt, mit der Literatur, mit der Gesellschaft gar – wenn der größte Logistiker der Buchbranche strauchelt? Der nicht nur 5.600 deutschsprachige Buchhandlungen belieferte, Nacht für Nacht – sondern auch jedes deutschsprachige Werk in 70 Länder subito besorgen und versenden konnte?

Was wäre, wenn das große A. übernimmt?

Angeblich ist man auf dem Holzweg, wenn man den Online-Bestellmarktplatz mit dem großen A zu den Bietern zählt. Was hätte der Zuschlag nach Seattle für Konsequenzen für den Buchmarkt, und nicht nur für den? Würde das KNV-Barsortiment geschlossen und nur der Betonboden und die Technik übernommen? Oder: setzte Amazon seine jetzigen Einkaufskonditionen im Barsortiment durch und zwingt die anderen Barsortimente damit, konditionell nachzuziehen? In Hintergrundgesprächen wird klar, was dann passiert: die Preisbindung wird nichtig, weil von innen zerstört. Keine Monopolkommission wäre mehr nötig, um das Rückgrat der Branche zu brechen; das würde sie selbst erledigen. Ein Buchhändler skizzierte ein anderes Szenario: wie wäre es, wenn Amazon morgen Buchhändlern anbietet, alles, einfach alles ausschließlich dort zu beziehen? Zu traumhaften, zu Original-Verlagskonditionen. Eine Buchhändlerin in Berlin hofft ratlos auf rettende Hintergrundgespräche. Die gäbe es doch. Bestimmt. Sie habe nämlich keine Lust, für Amazon Zahnbürsten zu verkaufen.

"Aber sag das bloß nicht laut!"

Die Buchbranche hat sich schweigend eingeigelt. Wobei, was heißt schon schweigend? Alle diskutieren wie wild, aber nicht öffentlich. "Aber sag das bloß nicht laut!" Sag nicht laut, dass Seattle Zugriff auf alle Daten aller Einkäufe erhielte. Sag’s nicht laut, was das genau für unser Verlagsprogramm be­deutet. Sag’s nicht laut, dass wir es auch nicht besser wissen.

Eine bekannte Autorin ist rigoroser. Sie zürnt dem "Stillhalteabkommen". Es gehe dabei nicht nur um Autorenhonorare, die jetzt einbehalten werden, sieben Prozent etwa bei einem Kölner Verlag. No money, no voice: weniger Geld bedeutet weniger Literaturfreiheit. Mehr noch: eine weitere Monopolisierung des Buchmarktes bedeute Diktat der Logistik, des Preises, und damit eines Tages des Inhaltes.

Die Buchkäuferin wird vergessen

Ausgeblendet bei allem Branchenraunen wird von allen Seiten ausgerechnet diejenige, um die sich angeblich alles dreht: Die Buchkäuferin. Was will sie, was findet sie gut, wie sehr hat ihr die jetzige Barsortiments-Leistung ge- oder missfallen? Jan Orthey, Buchhändler in Lüneburg, wies darauf hin, dass eine 24-Stunden-Lieferung heute kein USP der Buchbranche mehr ist. "Next day delivery ist längst Standard." Nur: was passiert, wenn es die nicht mehr gibt? Christian Schumacher-Gebler, CEO von Bonnier, sagte in Leipzig, wenn das Barsortiment stirbt, ist die flächendeckende Zahl von Buchhandlungen nicht zu halten.

Schauen wir uns das doch mal genauer an: Wie viele Buchhandlungen würde es treffen? Wie verändert es die Topographie einer Stadt, wie die Kauf-Gewohnheiten, die Haltung zum Buch, wie eine Gesellschaft, wenn sie keinen direkten, einfachen Kontakt mehr mit Büchern hat? Eckhardt Südmersen, der Geschäftsführer von Libri, berichtete vom Niedergang des Buchhandels in Japan. Trotz einer vergleichbaren Preisbindung fehle die Logistik. Folge: Umsatzrückgänge in den vergangenen 15 Jahren bis über 40 Prozent.

Welche Relevanz hat das heutige Barsortimentsmodell?

Zugespitzt kann man sagen: alle "Großen" scheinen draußen. Ob Wissenschafts-, Fach-, oder Schulmedien-Konzerne: sie nutzen das Barsortiment, aber würden sie dafür einen Finger krumm machen? Die Filialisten? Finden auch andere Logistik-Dienstleister. Richtig blöd sieht es für Independent-Buchhändler und -Verlage aus. Für erstere ist das Barsortiment der zentrale Rationalisierungs- und Effizienz-Hebel. Ob Warenwirtschaft, ob Kassensysteme, ob Zentrallager der Genossenschaften, ob Know-how: die Barsortimente stützen die Vielfalt des Buchhandels massiv, falsch: sie organisieren sie.

Noch mal. Was ist mit der Kundin? So scheußlich der Satz "Das kann ich Ihnen bestellen" klingt, Tatsache ist: das Buch ist am nächsten Tag da. Ohne Aufpreis. Pünktlich. Immer.

Oliver Voerster gab vor Jahren mal dröhnend auf Buchtagen den Satz von sich: "Nur ein verkauftes Buch ist ein gutes Buch." Klingt nicht schlecht. Nur: so läuft das nicht. Ein Missverständnis, denn die Buchindustrie lebt ausschließlich von gelesenen Büchern. Büchern, die "ihren Job gemacht haben". Nur diejenigen, die für gut befunden wurden, werden empfohlen, verschenkt, nochmal gekauft.

Die Käuferin macht den Erfolg von Büchern

Der faszinierende Tipping Point-Effekt des "Das musst Du unbedingt lesen" ist das eigentliche Momentum unserer Branche. Wer nicht davon überzeugt ist, dass es die Käuferin ist − und zwar in allererster Linie und vor allen anderen Einflussfaktoren −, die den Erfolg von Büchern macht, verursacht, steuert, kuratiert − wer das nicht glaubt, der braucht auch keine superflexible Branchenlogistik.

Hat das etwas mit der Pleite zu tun? Und ob. Es geht um die kleine, aber kräftige bisherige Utopie: egal wie groß oder klein ein Händler, egal wie abgelegen eine Kundin lebt, jeder erhielt am nächsten Tag sein Buch. Jeder ist in diesem System gleich. Das hat was mit Funktion, mit "Ja, das können und wollen wir" zu tun, mit einem stillen Stolz. Das Barsortiment ist Zeichen einer spezifischen Solidarität untereinander – und tätiger Zuwendung gegenüber Käuferinnen. Der fehlende Diskurs aber, das Schweigekartell, kapituliert komplett vor der Frage: wie geht’s nicht nur mit uns weiter, sondern auch: mit den Wünschen von Kundinnen. Deren Ansprüche und Bedürfnisse über die Jahre gewachsen sind. Gibt es irgendwo Ansätze, die Leistung den Endkundinnen gegenüber heutiger zu machen, weiterzuentwickeln?

Heinz Bude schließt sein aktuelles Buch über Solidarität übrigens mit der schönen Frage von Albert Camus: "Wofür lohnt es sich zu leben?" Ich drehe die Frage ein wenig: in welcher Branche wollen wir arbeiten? Für wen? Und: was findet man an uns sympathisch? Befremdend, dass die Buchbranche ausgerechnet in dieser Krise zu denken scheint: "Vergiss die Kundin". Logistikstabilität ist nichts anderes als ein sperriges Synonym für funktionierende Kundinnen-Beziehungen, für Vertrauen, für Stabilität in instabilen Zeiten. Es ist Zeit, dass das Schweigekartell sich diesen Perspektiven stellt. Laut.

 

Andreas Meyer ist Gründer und Partner von Verlagsconsult, promovierter Buchhandels-/ Verlagshistoriker und spezialisiert auf Zielgruppen- und Markenfragen. Er prophezeit, dass man nach Abwicklung der Insolvenz darüber diskutieren wird, was man davor hätte tun sollen. Verlagsconsult wird 2019 von brand eins zum zweiten Mal unter den besten deutschen Beratern genannt.