Wie eine verbotene Liebe

So war’s in Frankfurt – ein Messe-Tagebuch

23. Oktober 2008
Redaktion Börsenblatt
Verlockung mit Brezel, deutsch-türkische Verbrüderungsszenen, Verschwörungstheorien im Taxi, Verschleiß zuletzt. Der Leipziger Buchmessechef Oliver Zille über seine Zeit auf der FBM.
Buchmesse in Frankfurt – das ist für mich wie eine verbotene Liebe. Und auf jeden Fall ein Langstreckenparcours, der es in jedem Jahr aufs Neue in sich hat. Montag: Tradition wird gepflegt, und wir schlagen unser Lager im Hotel zur Post auf, in Sindlingen. Hier hat schon Napoleon nach der Völkerschlacht bei Leipzig Quartier genommen. Wir nehmen das aber nicht als Zeichen und sehen uns weiter auf dem Vormarsch. Für den Buchpreisträger Uwe Tellkamp freue ich mich über den verdienten Sieg. Vom Buch bin ich begeistert, auch wenn ich mich frage, wie das Experiment: Alle kaufen / lesen 973 Seiten DDR-Atmosphäre wohl ausgehen wird. Dienstag: Pressekonferenz. Ein Gespenst geht um auf der Buchmesse – das E-Book. Später werde ich noch erfahren, wie schwer es ist, ein Exemplar in die Hand zu bekommen. Der Vorsteher findet die Geräte hässlich, und Paulo Coelho, brillanter Selbstvermarkter, gibt der Konferenz kund, wie er die Vorzüge der digitalen Revolution ganz praktisch nutzt. Zur Eröffnungsfeier dann teste ich bei einem deutschen Redner mein Übersetzungsgerät. Türkisch hat einen sehr angenehmen Klang. Mittwoch: Fachbesuchertag. Wir haben alle Hände voll zu tun. Ein sehr sehr junger Buchhändler kriecht quer über unseren Stand unter den hintersten Besprechungstisch und kann von seiner Mutter nur mit gutem Zureden und einer Brezel wieder hervorgelockt werden. Auch bei meiner 18. Messe habe ich keine Einladung für die Rowohlt-Party. Die nette Kollegin am Eingang hat dann wie jedes Jahr ein Einsehen. Donnerstag: Die Luft in unserer Halle ist unerträglich. Als Messebesucher tauge ich wohl nicht. Menschenmassen erzeugen bei mir Fluchtreflexe. Beim Treffen der internationalen Buchmessen kann ich meine Kollegin aus Prag nur schwer trösten. Einem Bandenkrieg ist in der Vornacht ihr Messegelände zum Opfer gefallen: Das schöne Areal komplett niedergebrannt. Die extreme Geschwindigkeit, mit der uns die Messe hier bewegt, verhindert, jetzt genauer darüber nachzudenken. Freitag, 12 Uhr: Unser Suppenempfang schlägt alle Rekorde. Büchermenschen wissen, was gut ist! Im Messebeirat diskutieren wir die Folgen der Finanzkrise. In einem Punkt herrscht auch hier Einigkeit: Leipzig soll der besondere Platz für Genussmenschen bleiben. Am Abend kommt es beim Griechen spontan und in Mannschaftsstärke zur Verbrüderung der Buchmessen von Leipzig und Istanbul. Sonnabend: Sich fortsetzende Zeichen von Verschleiß schon beim Weckerklingeln. Der innere Schweinehund wird noch einmal niedergehalten. Bis zur Jubiläumsparty. Dann ergreife ich die Flucht. Sonntag: Morgens entwickelt mein Taxifahrer eine interessante Verschwörungstheorie. Sein verhaltenes Geschäft bei dieser Messe müsse wohl irgendwie mit Leipzig, wo es auch so eine Buchmesse gäbe, zusammenhängen. Da fehlen mir die Worte. Friedenspreis an Anselm Kiefer. Meine Skepsis weicht mit dem Auftritt des Preisträgers. Er hält die poetischste Dankesrede, an die ich mich in der Paulskirche erinnern kann. Und wie war nun Frankfurt? Anstrengend. Großartig! Als Gast auf der Messe unter potenziellen Kunden. Ein wahres Schlaraffenland! Die 60. Frankfurter ist Geschichte, und ich darf mich jetzt auf die kommende Buchmesse freuen. Und wie war Ihre Frankfurter Buchmesse?