Praktikum - Viel Arbeit für nichts?

23. Juli 2015
Redaktion Börsenblatt
Welcher Student kennt das nicht: Man ist glücklich über jedes Praktikum, dass man sich im buchwissenschaftlichen Bereich erkämpfen kann. Da mag es zuerst gar nicht so sehr stören, dass die Bezahlung nur minimal ausfällt oder gar nicht vorhanden ist. Wichtig ist die gesammelte Erfahrung, so dachte ich anfangs!

Nach dem Abschluss meines letzten Praktikums - und mit Blick auf meinen Kontostand - bin ich dann doch ins Überlegen gekommen: Meine Hochrechnung hat ein zusätzliches Minus von ungefähr 120€ pro Monat ergeben. Dabei hatte ich noch Glück, dass mir eine Unterkunft privat zur Verfügung stand, sonst wäre es sicher auf das Dreifache hinaus gelaufen. Aber Fahrtkosten, Essensgeld und weitere anfallende Kosten: Alles muss bezahlt werden! Andere Studenten nutzen ihre Ferien dafür, sich durch einen Nebenjob die kommende Reise zu finanzieren. Ich bezahle mit meinem während des Semesters verdienten Geld die Unkosten für das Praktikum.
Ich möchte die Kenntnisse, die man durch den Einblick in die Buchhandels- und Verlagswelt gewinnt natürlich auf keinen Fall missen. Denn heutzutage bekommt man in unserer Branche selten eine Anstellung ohne praktische Erfahrungen und Spaß macht die Anwendung des zuvor nur theoretisch Gelernten in den meisten Fällen auch! Der Aspekt, dass vor allem die kleineren Verlage sich eine Bezahlung der Praktikanten häufig nicht leisten können ist aus meiner Sicht ebenfalls gut nachvollziehbar.
Aber nehmen nicht viele der Studenten, die ein mehrwöchiges Praktikum absolvieren, dem Unternehmen einen Teil der Aufgaben ab und ersparen ihm womöglich noch die Einstellung einer Vollzeitkraft? Nach den ersten Wochen hat sich fast jeder so weit eingearbeitet, um dem Arbeitgeber als gute Unterstützung zu dienen. Zumindest auf dem Niveau der Auszubildenden oder kurzfristig eingestellten Aushilfen bewegt man sich und auch diese erhalten einen festen Arbeitslohn. Besonders, wenn man sein 3-5jähriges Studium gerade abgeschlossen hat und das benötigte Wissen mitbringt. In diesem Fall möchte man sich eigentlich nur ins Berufsleben stürzen und endlich, endlich sein erstes eigenes Geld verdienen. Meistens beläuft sich dann das eigene Geld, sollte es für das Praktikum überhaupt etwas geben im Medienbereich auf 400 Euro.
Hinzufügen muss man an dieser Stelle, dass besonders in unserem geisteswissenschaftlichen Bereich die Praxis des unbezahlten Arbeitens nach dem Studium weit verbreitet ist. 56% aller Absolventen dieser Studiengänge haben nach dem Abschluss ein Praktikum machen müssen, 65% davon waren unbezahlt!
Natürlich lässt sich an dieser Stelle leicht einwerfen, der Betroffene sollte sich einfach nicht darauf einlassen und nach etwas Anderem suchen. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die gut bezahlten, interessanten Angebote schwer zu finden sind. Und wenn das Praktikum notwendig ist, sei es für einen Berufseinstieg oder studienbegleitend, dann bleibt einem zum Teil gar nichts anderes übrig, als sich damit zufrieden zu geben.

Hoffnung für die "Generation Praktikum" ?
Glücklicherweise gibt es aber auch für die Stundeten von heute Hoffnung: Laut einer Studie der Bildungsforscher vom Hochschul-Informations-System hat die Zahl der abgeleisteten Praktika in den letzten Jahren zugenommen, aber es handelt sich dabei ihrer Aussage nach nicht um ein Massenphänomen. Die durchschnittliche Dauer beträgt laut einer weiteren Studie fünf bis sechs Monate.  Überwiegend bleibt es außerdem bei einem einzigen Praktikum nach Abschluss des Studiums, bevor man eine Festanstellung findet oder sogar übernommen wird.
Leider setzen sich die negativen Beispiele viel eher im Gedächtnis fest. Denn nicht jeder meiner bisherigen Ausflüge in die Welt der Praxis war unbezahlt. Die Entlohnung ist verständlicherweise oft nicht sehr hoch ausgefallen, jedoch bin ich im Rahmen meiner Kurzzeitpraktika schon über Kleinbeträge zur Deckung meiner Fahrtkosten glücklich.
Es ist dazu nicht ausschließlich die materielle Seite in mir, die gegen das „Nicht-Bezahlen“ aufbegehrt. Denn wenn ich über einen längeren Zeitraum (hoffentlich) gute Arbeit leiste, meine Wochenstunden sich dabei nur unwesentlich von anderen Mitarbeitern unterscheiden, dann kann ich im Gegensatz zu ihnen meinen Erfolg nicht anhand des Kontoauszuges ablesen. Eine Bezahlung dient mir persönlich nicht ausschließlich zur Bestreitung meines Lebensunterhaltes. Es ist vielmehr auch eine Art die Anerkennung für das Geleistete zu zeigen, die über das Praktikantenzeugnis hinausgeht.
Und dafür genügend oft schon die kleinen Zeichen, nicht nur Bares lässt das Studentenherz höher schlagen: Einer meiner früheren Chefs hat mir, da die Bezahlung einfach nicht möglich gewesen ist an meinem letzen Arbeitstag eine Auswahl der verlagsinternen Werbegeschenke überreicht. Eine Geste, die ausreichend gewesen ist, um mich dieses Praktikum mit einem sehr guten Gefühl abschließen zu lassen.

Leider ist es aber oft noch der Fall, dass die geleistete Arbeit sowohl unbezahlt, als auch unbelohnt bleibt und es für die Praktikanten wenige Möglichkeiten gibt, sich dagegen zu wehren! Und das wird sich in der nächsten Zeit wohl nicht so schnell ändern, denn ein wirkungsvolles Eingreifen von der Regierungsseite ist bisher noch nicht in Sicht und meiner Meinung nach auch sehr riskant. Denn käme es zu einem gesetzlichen Mindestlohn, würden viele Unternehmen gar keine Praktikanten mehr einstellen. So bleibt uns nur eine Möglichkeit: Auf die Kulanz der Arbeitgeber hoffen! In diesem Sinne: Ich freue mich schon auf mein nächstes, in jedem Fall bezahltes Praktikum!